Privatzahnarzt ist sein üppiges Honorar nicht wert

In meiner privaten Schmerzsprechstunde (Honorar 130,– Euro) erscheint heute Frau R.K. (59) aus Hessen mit folgender Geschichte:

Im November muss ein Notdienst Zahnarzt ihren rechten kleinen Schneidezahn oben rechts (12) zum Zwecke der Kanalsuche mit dem Bohrer wohl derart zerlegt haben, dass die Frau Angst um ihren Zahn bekam. Auf Empfehlung suchte sie daraufhin die Dienste des Privatzahnarztes „Ästhetische Zahnheilkunde im Westend“ P.T. in Frankfurt a.M.  auf.

Dieser kümmerte sich nicht nur um die Wurzelbehandlung, sondern auch gleich um diverse Kunststoff Füllungen, die da dringend neu zu verlegen wären. Die Patientin hatte einen gut gefüllten Aktenordner dabei, mit mehrseitigen (!) GOZ- Rechnungen für jeden einzelnen der gefüllten Zähne (z.B. 38, 13, 12,21…). Im Durchschnitt berechnet der Kollege P.T. für seine Füllung um die 300 Euro, mit Faktoren zwischen 3,3 und 6,3 und bsi zu 8 (!) Leistungspositionen pro Zahn.

Natürlich hat sich die Praxis „Ästhetische Zahnheilkunde im Westend“ P.T. ihre saftigen Tarife vorher von Frau R.K. (59) rechtswirksam unterschreiben lassen. Heute ging es aber nicht um eine Reklamation bezüglich der Kunststofffüllungen.

Frau R.K. hatte Ende Februar 2012 einen weiteren Bohr- und Bezahlungsplan des Zahnarztes P.T. von etwa 4.000 Euro unterschrieben, der die Erneuerung der Kronen 11, 34 und 48 vorsah. Die Krankenkasse DAK versprach, sich daran mit einem Zuschuss in Höhe von 494,40 Euro zu beteiligen, nicht ohne anzumerken, dass der aufgerufene Kurs pro Krone schon ein Grund zum Augenbrauen Hochziehen wäre.

Besagte Zähne wurden im Mai /Juni beschliffen und erhielten dann Provisorien. Es kam danach an den Zähnen 34 und besonders am 48 zu erheblichen Beschwerden, bis hin zu spontanem Pochen und Klopfen. Die Patientin ist nicht in der Lage mit den provisorischen Kronen feste Nahrung zu sich zu nehmen. Außerdem befindet sie sich im Zweifel, welche Materialien als Aufbaufüllung, bzw. Wurzelfüllungsmaterial verwandt wurden. Der Behandler ist zeitlich derart eng in seiner Mammutpraxis eingespannt, dass selbst knappste Fragen nicht erlaubt zu sein scheinen. Zitat von Frau K.: „Sprechen verboten“.

21250aWeitere Beschwerden gibt sie im Bereich links oben an. Darauf geht der Behandler ebenfalls nicht erkennbar ein. Das waren die Gründe für Frau K. sich eine Zweitmeinung bei mir (Joachim Wagner, Zahnarzt) einzuholen.

 

Ich nahm heute eine körperliche Untersuchung vor. Hier die Zusammenfassung:

01, psi=2, Befund Implantate: 17,24,25,36,45,46, Kronen auf 17-14, 11, 24,25, 37, 36,34 44,45,46,47,48,  prov Kro auf 11,34,48,

Vipr 48++, perk 48++, Kauempfindlichkeit 38 auf neuer Kunststoff Füllung, Tiefe Karies in 27b, 37d, 47b, davon 27b wahrscheinlich bis zur Pulpa (siehe Bild 1).21250b

 

Bewertung

Peinlich nenne ich das Ergebnis der Untersuchung. Was nützen der Patientin ihre „Hochleistungsfüllungen“ aus Plastik für 300 Euro , wenn a) der so gefüllte Zahn 38 auch nach 5 Monaten noch kauempfindlich bleibt, oder b) der Füllmeister seine Lupenbrille offensichtlich so kurzsichtig eingestellt hat, dass ihm eine zahngefährdende Tiefkaries direkt daneben (27) entgeht. Und das bleibt nicht die einzige Fehlleistung.

21250cUnabhängig von der Frage, wer es zu verantworten hat,  dass der vor der Behandlung völlig ruhige Zahn 48 jetzt auch noch klopfempfindlich geworden ist – unser  „Ästhetik“ begeisterter Zahnheilkundiger P.T. muss die Frage beantworten, wozu ein unterer Weisheitszahn, dem es jahrzehntelang mit Gold obendrauf sehr gut ging, unbedingt eine Vollkeramikkrone in „Hohlkehl oder Stufenpräparation“ braucht.

Die braucht der nämlich so nötig, wie unsereins ein Loch im Kopf. Ich würde mich nicht wundern, wenn es im Nachgang an diese Schleifaktion für die Vollkeramik einen Weisheitszahn rechts unten weniger gibt.

Mein Rat an die Patientin lautet deshalb folgendermaßen: Warten Sie meinen schriftlichen Bericht ab. Konfrontieren Sie Ihren Behandler mit den beigefügten Beweisen und geben Sie auch eine Kopie an die Krankenkasse. Im Sinne einer gezielten Schmerzbehandlung müssen jetzt dringend die Zähne 27 und 48 angegangen werden.

 

2 Replies to “Privatzahnarzt ist sein üppiges Honorar nicht wert”

  1. Hat der Kollege BWL oder Zahnmedizin studíert ?!
    :sigh: Hier haben wohl die BWA-Zahlen das an der Uni erworbene zahnmedizinische Wissen verdrängt ! So etwas schädigt leider der Ruf aller Zahnärzte und fördert die falsche Meinung, alle Zahnärzte wären derart raffgierig . Wenn denn wenigstens die Qualität den Preis rechtfertigen würde ……. Aber da stimmt ja offensichtlich noch nicht mal der Service !

  2. Selbst schuld
    Dass sich Kollegen wie Frisöre anbiedern, sich im Internet darstellen wie unseriöse Gebrauchtwagenhändler, ist ein Trend, der mir die Fremdscham durch den Körper treibt.
    Die Frage die sich mir dabei immer wieder stellt: Wer als Patient so blöd ist und auf so einen Affenzirkus hereinfällt, und dazu noch ohne sich bei Google, anderen ZÄ oder Bekannten über übliche Preise beim ZA zu informieren jegliche Summen unterschreibt – ja der hat es manchmal nicht anders verdient als so abgezockt zu werden.

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