Vermutete Neuropathie heute bestätigt

Herrn M.J.P. (65) befallen seit Februar 2012 seltsame Schmerzattacken, die er zunächst an der Stelle des rechten unteren Eckzahn (Zahn 43) spürt. Eine Abfolge von zahnmedizinischen Behandlungsversuchen einschließlich Klinikaufenthalt verlaufen ohne Erfolg. Heute bestätigt sich die vermutete Neuropathie des Trigeminus.

befundheute

 

Wie es der Zufall will, ist Herr M.J.P ein Angehöriger einer Mitarbeiterin unserer Praxis. Dementsprechend soll in der Diagnostik erst Recht kein Fehler passieren, denn wer kennt als Zahnmediziner nicht den Satz: „Bei Verwandten und Bekannten geht immer was schief“.

zahn43feb2012 Bild 2

Abgebildet ist in Bild 2 der Zahn 43 (rechter unterer Eckzahn) im Feb 2012. Bis dahin weist der Zahn zwar eine tiefe Füllung im Zahnzwischenraum auf, hat aber noch einen ganz normal funktionierenden Zahnnerv, der auch kein bißchen auffällig reagiert.

 

Februar 2012

Unser Patient erscheint mit nicht direkt nachvollziehbaren Schmerzen in der Gegend des Zahns 43. Weil dessen Füllung aber nicht mehr taufrisch aussieht, wird sie „sicherheitshalber“ ausgetauscht gegen eine neue GIZ Füllung. Unter der alten GIZ Füllung findet sich dabei keine nennenswerte Karies.

Mai 2012

zahn43juni2012Im Mai 2012 ist der Patient wieder da und erleidet wieder erhebliche Schmerzen, scheinbar am 43, die sich jedoch nicht in erhöhter Klopfempfindlichkeit niederschlagen. Weil der Patient aber seine Schmerzen dramatisch schildert und kein weiterer Zahn rechts unten in Frage kommt – schließlich fehlen alle hinter dem 43 – lasse ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) mich zu einer Vitalexstirpation (= Zahnnerventfernung) hinreißen. 4 Wochen später erfolgt eine planmäßige Wurzelfüllung nach erfolgreicher Desinfektion mit CHKM.

Das Bild 3 zeigt den Zustand nach der Wurzelfüllung Ende Mai 2012.

Juli 2012

schmerzwoJetzt erscheint Herr M.J.P. mit dem Symptom: Seit einer Woche starke bis stärkste Schmerzen im Unterkiefer rechts unten, wobei das Abtasten der Schleimhaut im Mund keinen Schmerz, aber die Berührung der Haut außen am rechten Kieferwinkel starke Schmerzen auslöst. Ibuprofen bringt gar keine Verbesserung. Meine anwesende Assistentin verordnet in Unsicherheit über die Lage eine Packung Amoxicillin Mega (= Antibiotikum).

26.07.2012

Unser Mann hat das vergangene Wochenende in der Klinik für Mund- Kiefer und Gesichtschirurgie Solingen verbracht, weil die Schmerzen derartig böse waren, dass er es nicht mehr ausgehalten hat. Die Klinik veranlasste zwar mehrere Röntgen Aufnahmen, konnte aber keinen Grund für die Schmerzen erkennen. Momentan sind die Schmerzen fast weg.

30.07.2012

Ich bin aus dem Urlaub zurück und Herr M.J.P. berichtet von allerstärksten Schmerzen, die er jetzt seit einer Woche erleide, Zitat „Es war die Hölle“, nicht vergleichbar mit normalen Zahnschmerzen, sondern viel viel schlimmer. Nicht einmal mehr schlafen konnte er. Die Berührung der Wange von außen löst Schmerzen in der Stärke von 10 auf der Skala 0 bis 10 aus. Weil der Starkschmerz jetzt gerade weg ist, erhält der Patient die Auskunft, dass ich bei einer neuen Attacke direkt Antineuropathika einsetzen werde.

13.08.2012

Es ist wieder soweit. Der akute Schmerz beträgt nach Schätzung des Patienten jetzt 7 oder 8 von 10 Möglichen und breitet sich jetzt im rechten Unter- und Oberkiefer aus. Ich stelle ein Rezept über Amitriptylin flüssig aus und gebe die Anweisung, davon 5 Tropfen pro Tag einzunehmen.

24.08.2012

Der Schmerz läßt unter der niedrigdosierten Amitriptylin Therapie etwas nach, ist aber noch zu stark, um auf Dauer aushaltbar zu sein. Ich stelle ein Rezept mit Gabapentin 300mg 100 Tabletten mit der Maßgabe aus, davon jeden Tag eine einzunehmen und zusätzlich die Amitriptylin Dosis auf 10 Tropfen (= 10mg) zu erhöhen.

30.08.2012

Herr M.J.P. stellt sich heute erneut vor, weil er Schmerzen bei warmen Speisen/Getränken verspürt und zwar links unten und rechts oben. Zur allgemeinen Schmerzsituation sagt er dann: „Hat sich sehr verbessert“, seit er die Kombination aus Gabapentin und Amitriptylin nimmt. Nach Überprüfung der Zähne links unten und rechts oben mit Hakensonde, Klopf- und Kälteprobe kann ich 2 auf Kälte recht empfindliche Eckzähne ermitteln, die aber sonst keine Befunde aufweisen. Wir ordnen diese Wärmeempfindlichkeit der eindeutig bewiesenen Trigeminus Abnormalität zu.

 

Kommentar

 Die Diagnose Neuropathie des Trigeminus bleibt eine Ausschlußdiagnose. Das soll heißen, dass der Zahnmediziner immer die Pflicht hat, alle denkbaren Zahnursachen systematisch abzuchecken. Ist das geschehen und wird es zwischendurch auch immer wieder überprüft, dann kann und muß man so vorgehen wie hier beschrieben.

Warum ist heute sicher, dass in diesem Fall die Diagnose Neuropathie zutrifft? Ganz einfach. Weil die Kombination aus zwei niedrigdosierten Antineuropathika bei normalen Zahnschmerzen so gut wie keine Wirkung hätte. Die durchschlagende Wirkung in diesem Fall beweist, dass eine ursachenbezogene Therapie eingeschlagen wurde.

 

 

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