Bißhebung brutal

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 Bild 1

So erschien die Patientin im Juli 2012: Alle Oberkiefer Frontzähne auf etwa die Hälfte heruntergebissen, dazu den Eckzahn rechts bis zur Unkenntlichkeit seines Hartgewebes Richtung Wange beraubt.

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 Bild 2

Bild vom rechten oberen Eckzahn mit Hilfe eines Spiegels. Es bleibt unklar, wie es zu dieser sagenhaften Abtragung von Schmelz und Dentin an der Außen- und Rückseite des Eckzahns kam.  Auf jeden Fall stellt die Befestigung eines Zahnersatzes an diesem Restzahn eine Herausforderung dar.

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 Bild 3

Zwischenzeitlich haben die Schneidezähne von 13 bis 23 (= rechter Eckzahn bis linker Eckzahn) eine Kunststoff verlängerung erhalten. Dies geschieht, um a) den Biss leicht zu heben und b) die ziemlich dicht an der Oberfläche liegenden Zahnnerven der Schneidezähne (siehe Bild 2) zu schützen.

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 Bild 4

Dass Kunststoff nicht wirklich in der Lage ist, Knirschbeisser vor dem Weiterzerlegen zu schützen, beweisen in diesem Bild gleich 2 Zähne. Sowohl vom Eckzahn 13 als auch vom Schneidezahn 12 sind die Aufbauten aus Bild 3 wieder heruntergefallen – trotz Bondings mit Clearfil Bond.

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 Bild 5

Der Biss mit der gerade frisch zementierten Brücke von 13 auf 17 stört richtig schlimm: Vorne entsteht zwischen den OK und UK Schneidezähnen ein Abstand von locker 3 mm. Das schleife ich NICHT (!) ein. Die Patientin ist seit Monaten auf diese Situation eingestimmt und weiß, dass es etwa 4 bis 7 Monate dauern wird, bis sich die Schneidezähne wieder auf Kontakt befinden.

Die Patientin trägt die Arbeit nun seit 3 Wochen im Mund, wohnt in Laufweite der Praxis und hat sich – trotz Ermunterung meinerseits – bisher nicht mehr blicken lassen.

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Bißhebung der schweren Art

Auch wenn es vielleicht so aussieht: Die Idee für einen solchen Rustikaleingriff in den Biß eines Patienten stammt nicht von mir (Joachim Wagner, Zahnarzt). Solche Ideen gibt es schon länger und auch deren Umsetzung in konkrete Münder. Aus solchen Versuchen kann ich auch den ungefähren Zeitrahmen nennen, innerhalb der sich 3 mm einseitige Sperrungen von alleine ausgleichen.

Natürlich sehen Sie hier nicht die erste einseitige Sperrung im Patientenmund, die ich nachweislich mit langfristigem Erfolg durchgezogen habe. Ich blicke diesbezüglich auf mehrjährige Erfahrungen zurück, insbesondere auch hinsichtlich der dadurch zu erwartenden Kiefergelenksbeschwerden. Letztere sind in keinem einzigen der nicht wenigen Fälle aufgetreten. Die gnathologische Theorie, wonach einseitige Bißhebungen schwere Folgen nach sich ziehen würden, stimmt also einfach nicht.

Mein Schlüsselerlebnis bezüglich der Seitenzahnbisshebung verdanke ich übrigens ausgerechnet einem Düsseldorfer Vertreter der reinen Gnathologie Lehre: Dr. Joachim Schulz-Bongert. Jener bildete in den Jahren 1990 bis 1993 mich im „Karl-Häupl“ Institut der Zahnärztekammer Nordrhein fort unter dem Motto „Initiative umfassende Zahnheilkunde“ (IUZ). U.a. beschäftigten wir uns auch mit der hochgenauen Wiedergabe des Bisses bei der Gesamtsanierung eines Mundes mit Goldinlays, -onlays und -kronen, was Meister Schulz-Bongerts Lieblingsthema war.

Die Idee des Meisters war an sich ganz vernünftig: Wir Zahnärzte erhielten 1993 eine Hausaufgabe, die darin bestand, beim nächsten Kronen- oder Inlayfall die Zähne so wie immer zu beschleifen, aber am hintersten Zahn einen Höcker im im Originalbiss übrig zu lassen. Damit sollte der Zahntechniker die Modelle ganz genau in den Artikulator (= Beißmaschine) eingipsen und anschließend selbst den Höcker wegnehmen und die Goldteile entsprechend modellieren.

Was macht mein Zahntechniker? Statt zu lesen, was ansteht, frisiert er sich den Biss so zurecht, dass er wieder 500 Mikrometer Platz hat für das Metall und baut seine Kronen schlicht und einfach über den unbeschliffenen Höcker drüber. Das Desaster bemerke ich aber erst im Mund, weil die Patient meint, dass sich der Biss noch etwas fremd anfühlen würde.

Die Patientin versicherte aber, keine Beschwerden damit zu haben, was mich dazu veranlasste, die Kronen provisorisch einzusetzen. Als nach 2 Wochen sowohl die Bisskontrolle als auch die Befragung nach Symptomen keine Anhaltspunkte ergab, wurden die Gußteile endgültig zementiert. Ich sehe die Patientin Frau L. jedes Jahr 2 mal seitdem wieder und stelle jedesmal fest, dass die dauerhafte Bissänderungen keinerlei Schaden angerichtet hat.

So kann das gehen, wenn ein überzeugter Gnathosophie Anhänger wie Dr. Schulz-Bongert dem zahnärztlichen Fußvolk seine Theorien zu vermitteln sucht.

 

 

 

6 Replies to “Bißhebung brutal”

  1. RE: Bißhebung brutal
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß Bißerhöhungen nicht von jedem Patienten akzeptiert werden. Bei Bruxern mit enormen Hartsubstanzverlusten kann eine Rekonstruktion allerdings nur über eine Erhöhung im Seitenzahnbereich erfolgen. Einseitige Erhöhungen mit diesem irregulären Kauebenenverlauf durch belassen des elongierten Gegenzahnes sehe ich sehr skeptisch. Aufgrund der mangelhaften Hygienekompetenzen des Patienten und dieser abenteuerlichen Versorgung ihrerseits ohne Prophylaxemaßnahmen unterstelle ich hier mal dem Patienten eine enorme Indolenz seiner oralen Situation gepaart mit einer Beschränkung finanzieller Mittel. Mich würde interessieren wie die Gegenseite aussieht um zu beurteilen wie ich therapiert hätte.
    VG, Markus

  2. RE: Bißhebung brutal
    Und nun werden 45 und 46 über die nächsten Monate wieder eingebissen ?
    Die Frontzähne bräuchten wohl auch Kronen, aber kann man unter den hygienischen Bedingungen überhaupt Zahnersatz langfristig erfolgreich eingliedern ? Will man beim ersten Anblick des Gebisses als ZA oder ZFA nicht erstmal „saubermachen“ ? Läuft die Patientin gerne so herum ?

    Bitte weiter berichten !

  3. RE: Bißhebung brutal
    Hallo H.K. Nicht nur die zu hohen Seitenzähne werden sich bewegen, auch die jetzt hohl liegenden Schneidezähne wandern nach unten. Deshalb braucht es gar nicht so viel Wanderung der Zähne, damit ich in 6 Monaten wieder einen halbwegs zumutbaren Biss ablichten kann.
    Übrigens ist die Patientin 69 Jahre, aber erst 5 Monate bei mir. Irgendwann wird auch mal was am Zahnbelag gearbeitet, vermutlich dann, wenn ich der Frau 5 bis 8 Frontzahnkronen verkaufen werde. Andererseits hat sie in knapp 70 Jahre keine ernsthaften Zahnfleischverluste trotz ordentlicher Besiedelung erlitten, also ist die Belagsentfernung – seien wir mal ehrlich – eine Schönheits Option.

    Viele Grüße

  4. RE: Bißhebung brutal
    Hallo Herr Wagner.
    Ihrer These nach hätten sie die Brücke rg 17 mit dem 47 dann aber nicht in Kontakt bringen dürfen damit sich hier irgend etwas selbst regulieren könnte. Dem letzten Bild nach ist dies aber geschehen und sie haben hier eine negative Spee´sche Kurve eingebaut. Faktum: im Seitenzahnbereich wird sich hier gar nichts bewegen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Prophylaxe-Maßnahmen vor einer adhäsiven Füllungstherapie sehe ich alles andere als kosmetisch an wie sie von ihnen durchgeführt wurde. Wie sie selbst immer runterbeten verträgt Komposit keine Feuchtigkeit also keinen Speichel und auch kein Blut was bei Berührung des marginalen belagsbehafteten Saumes mit Sicherheit passieren wird und auch ist.
    Viele Grüße,
    Markus T

  5. Verblüffend ehrlich.
    [quote name=“j.wagner“]Hallo H.K. Nicht nur die zu hohen Seitenzähne werden sich bewegen, auch die jetzt hohl liegenden Schneidezähne wandern nach unten. Deshalb braucht es gar nicht so viel Wanderung der Zähne, damit ich in 6 Monaten wieder einen halbwegs zumutbaren Biss ablichten kann.
    Übrigens ist die Patientin 69 Jahre, aber erst 5 Monate bei mir. Irgendwann wird auch mal was am Zahnbelag gearbeitet, vermutlich dann, wenn ich der Frau 5 bis 8 Frontzahnkronen verkaufen werde. Andererseits hat sie in knapp 70 Jahre keine ernsthaften Zahnfleischverluste trotz ordentlicher Besiedelung erlitten, also ist die Belagsentfernung – seien wir mal ehrlich – eine Schönheits Option.

    Viele Grüße[/quote]

    Beeindruckend.

  6. effiziente Zahnmedizin
    [quote name=“H.P.“][quote name=“j.wagner“]Hallo H.K. Nicht nur die zu hohen Seitenzähne werden sich bewegen, auch die jetzt hohl liegenden Schneidezähne wandern nach unten. „(…)“ Übrigens ist die Patientin 69 Jahre, aber erst 5 Monate bei mir. Irgendwann wird auch mal was am Zahnbelag gearbeitet, vermutlich dann, wenn ich der Frau 5 bis 8 Frontzahnkronen verkaufen werde. Andererseits hat sie in knapp 70 Jahre keine ernsthaften Zahnfleischverluste trotz ordentlicher Besiedelung erlitten, also ist die Belagsentfernung – seien wir mal ehrlich – eine Schönheits Option.

    Viele Grüße[/quote]

    Die Patientin ist fast 70 Jahre alt. Da muß man sich als Zahnarzt schon beeilen, wenn man da noch richtig Geld verdienen will. 5 bis 8 Frontzahnkronen bei z. B. fehlender Seitenzahnabstützung. Könnte klappen. Aber Vorteile für die Patientin???

    Beeindruckend.

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