Was sollten Trigeminus Neuropathiker beachten

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Frage 1  Welcher Zahnersatz

Ich weiß zum Beispiel nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn mir mal ein Zahn gezogen wird. Ich habe einen Sprechberuf, ich kann unmöglich ohne Zähne arbeiten. Ist bei mir dann ein Implantat überhaupt eine Möglichkeit oder würde man bei einem Neuropathiker eher zu einer Brücke raten?

 Antwort

Zunächst bietet sich in diesen Fällen ein herausnehmbares Ersatzteil in Form einer provisorischen Prothese an. Damit läßt sich eine Lücke schnell schließen. Natürlich nicht auf die Dauer. Auf Dauer sollten Neuropathiker ernsthaft über Implantate nachdenken. Der Grund dafür liegt in der verhältnismäßig geringen Schmerzbelastung, die sowohl beim Einbau, als auch beim Tragen von Implantaten auftreten, jedenfalls dann, wenn lege artis (= nach den Regeln der Kunst) vorgegangen wird. Vom Abschleifen völlig gesunder Nachbarzähne für Brückenpfeiler muss bei Neuropathikern dringend abgeraten werden. Nicht selten enden solche Versuche in einem neuen Strudel von Starkschmerzen, Wurzelbehandlungen, WSRs und schlußendlich weiterem Zahnverlust.

 

Frage 2  Welches Füllungsmaterial

Und wie verhalte ich mich, wenn mal ein Zahn neu gefüllt werden muss? Soll ich vorher Medikamente einnehmen? Und zu welchem Füllungsmaterial soll ich meinem Zahnarzt raten?

Antwort

Die Frage muss schärfer gestellt werden: Was darf auf das freigelegte berührungsempfindliche Dentin (= Zahnbein) direkt als erste Schicht aufgebracht werden? Beim Neuropathiker sind dort zulässig: Amalgam, GlasIonomer Zement, Phosphat Zement, Zinkoxyd Eugenol Zement. Als ausgesprochen problematisch haben sich als erste Schicht erwiesen: Kunststoffe mit und ohne Bonder. Mindestens ein Drittel aller Neuropathiker reagieren bei Kunststoff mit Schmerzen und pulpitischen Symptomen. Das ist nicht auf allergische Reaktionen zurückzuführen, sondern auf die unvollkommene Abdichtung zwischen Dentin und Kunststoff/Bonder im Zusammenhang mit einem viel zu empfindlichen Trigeminus.

 

Frage 3  Was kann ich meinem Zahnarzt zu meiner Erkrankung sagen?

Ich finde es so deprimierend, dass ich nicht beruhigt zum Zahnarzt gehen kann und weiß, dass dieser (in Hinblick auf meine Problematik) kompetent ist. Überhaupt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll.

Antwort

Schwierige Frage. Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) weiß selbst, wie ungerne ich mir vom Patienten vorschreiben lasse, was zu tun und was zu lassen ist. Schließlich halte ich mich ja für den Fachmann. Ich denke daher, dass hier die richtige Mixtur aus einem kleinen Stapel neutraler schriftlicher Informationen über die Neuropathie des Trigeminus und wohlgewählten Worten an den Behandler gefragt ist. Entweder reagiert der Zahnmediziner darauf angemessen – oder nicht.  Idealerweise schaut er im Internet in Zahnfilm.DE hinein, um eine Vorstellung von der Bandbreite dieser Erkrankung zu bekommen.

 

Frage 4   Was ist, wenn der Schmerz doch von einem Zahn kommt?

Ich werde ja auch nicht jünger, und es können ja doch einmal zahnbedingte Schmerzen sein.
Ich wüsste zum Beispiel auch gerne, ob bei einer Zahnnerventzündung der Verlauf so sein kann, dass es über die Monate hinweg schmerzfreie oder fast schmerzfreie Phasen gibt. Bei mir wurde nämlich ein Zahn wurzelbehandelt, weil er ein dreiviertel Jahr lang schmerzte, von wenig bis horrende und nicht auf den Kältetest reagierte.

Antwort

Es wird immer wieder dazu kommen, dass die Unterscheidung zwischen einem regelrechten Zahnschmerz und der Neuropathie im Einzelfall schwer bis unmöglich wird. In solchen Fällen sollte nicht sofort zum Bohrer für die Wurzelbehandlung gegriffen werden, sondern versucht werden, durch bestimmte Kniffe eine wahrscheinliche Diagnose zu erarbeiten. Dazu zählen: 1. Lokalanästhesie geben und den Schmerz beobachten. Verschwindet der Schmerz mit der Anästhesie, ist eine Zahnursache wahrscheinlich. 2. Aspirin oder Paracetamol in Dosierungen von 1000mg einnehmen, den Zeitpunkt notieren und nach einer Stunde schauen, ob der Schmerz sich halbiert hat. Ist es der Fall, dann ist eine Zahnursache wahrscheinlich. 3. Mit Hilfe von Holzbeißkörpern mit dem Querschnitt eines Bleistiftes zu verschiedenen Tageszeiten alle Zähne der betroffenen Seite einzeln auf Beisskraft Belastbarkeit prüfen. Die Beisskraft soll mindestens 10 kg betragen, das bedeutet: herzhaft zubeißen. Zeigt sich dabei immer derselbe Zeit schmerzempfindlich, ist eine Zahnursache wahrscheinlich. Wenn umgekehrt alle 3 Tests kein Ergebnis zeigen, dann kann der schmerzende Zahn eigentlich nicht die Ursache der Schmerzen sein.

Frage 5  Was mache ich mit Zähnen, die mal schmerzen, mal nicht?

Nun habe ich 4 wurzelbehandelte Zähne, einen davon mit einer Resektion. Der zuletzt behandelte schmerzt immer noch phasenweise und wurde daher auch nach den inzwischen fast 2 Jahren noch nicht überkront (sollte er das?), allerdings kaue ich auch so gut wie nicht auf ihm.

Antwort

Nach meiner (Joachim Wagner, Zahnarzt) Erfahrung besteht die Erkrankung „Neuropathie des Trigeminus“ letztlich im nicht vorhersagbaren Kommen und Gehen von Schmerzen an bestimmten Zähnen oder auch zahnfreien Kieferabschnitten. Deshalb muss der Behandler in seiner Dokumentation sorgfältig erfassen, wo, wann und wie stark die Schmerzen auftreten. Sind es immer die gleichen Zähne mit gleichbleibend einwandfreiem Röntgenbild und nicht vorhandenem klinischen Befund (= keine Karies), dann sollten diese Zähne AUF KEINEN FALL  (!) behandelt werden. Schon gar nicht mit gutgemeinten Zahnhalsfüllungen aus Kunststoff.

 

Frage 6  Wie sehen die Aussichten für eine Verbesserung der Schmerzen aus?

Werden Ihrer Erfahrung nach neuropathische Schmerzen mit den Jahren eher schlimmer oder nicht? Ich würde der Zukunft so gerne optimistisch entgegenblicken und wissen, dass es nicht schlimmer werden muss. Und wenn ich wüsste, dass es Möglichkeiten gibt, sich mit diesem Problem zu arrangieren und ich einen kompetenten ZA hätte, ginge es mit schon viel besser…

Antwort

Sehr gute Frage. Wir müssen zwei Aspekte unterscheiden. Das eine ist die psychische Ebene des Betroffenen. Hier hat jeder Behandler die Aufgabe, herauszustellen, dass eine Trigeminus Neuropathie nichts wirklich Schlimmes ist, und auch niemals lebensbedrohlich ausarten kann. Der schlimmste Fall, der eintreten kann, wäre der, dass wegen nicht beherrschbarer Überempfindlichkeit alle Zähne entfernt werden. Na und? Kunststoff Prothesen können schon lange ästhetisch so gut hergestellt werden, dass eine Unterscheidung zu natürlichen Zähnen auf den ersten Blick nicht möglich ist.

Der andere Aspekt betrifft die Neurologie: Was kann man zur Statistik der Trigeminus Neuropathiker im Langzeitverlauf sagen? Die Antwort ist, dass etwa 50 % der Patienten eine Spontanheilung erfahren, d.h. die Krankheit heilt von alleine aus. Verbessernd wirken sich dabei folgende Einflüsse aus: 1. Dauer der Schmerzen, kürzer ist besser, 2. Ansprechen auf Amitriptylin, eine gute Reaktion auf Ami. ist besser, 3. Keine Vor-OP am Trigeminus, die Neuropathie des Trigeminus reagiert schlecht auf OPs am Ganglion oder Nerv .

 

Hinweise für Behandler von Neuropathikern

0. Der oberste Grundsatz lautet: Weniger ist mehr. Das soll heißen, dass im Zweifel der Bohrer nicht in die Hand genommen werden sollte bei: a) flacher Karies, b) nicht eindeutigem Röntgenbefund, c) Schmerzen, die im Mund nicht nachvollziehbar sind, d) angeblichen Vorkontakten etc.

1. Kunststoff Füllungen sind bei Neuropathikern kontraindiziert.

2. Flache Defekte mit freiliegendem empfindlichen Dentin sollten immer (!) mit einer Schicht konventionellen GIZs abgedeckt werden.

3. Gibt der Patient starke Schmerzen im Zahnfleisch an einer genau bezeichneten Stelle an, die im Mund aber eigentlich unauffällig aussieht, werden die Schmerzen in 99% der Fälle von neurologischen Ereignissen hervorgerufen.

4. Im Zweifelsfall handelt es sich bei den Zahnschmerzen des Neuropathikers regelmäßig um Trigeminus Artefakte (= Kunstprodukte), nicht um Signale einer echten Pulpitis oder Ostitis. Ausnahmen bestätigen nur die Regel.

5. Das Abschleifen von jungfräulichen Zähnen zur Vorbereitung von Kronen ist strikt abzulehnen. Es kommt in der Folge gehäuft (20% bis 50%) zu schweren bis schwersten Schmerzattacken, die sehr oft endodontisch nicht zu beherrschen sind. Im Ergebnis stehen die Patienten danach mit weniger Zähnen da als zuvor und leiden unter mehr Dauerschmerzen.

6. Grundsätzlich sind beim Neuropathiker Titanimplantate die erste Wahl beim Zahnersatz, ganz besonders im teilbezahnten Gebiss.

 

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