Zwischenstand des diagnostischen Fragebogens Jan 2013

Mehr als 340 Betroffene haben bis zum 18.12.2012 (Datum der statistischen Auswertung) den diagnostischen Fragenbogen zur Trigeminus Neuropathie ausgefüllt. Beginnen wir die Auswertung zunächst in der Form der Beschreibung der Häufigkeiten. Wieviele Leidende haben die Schmerzstärke 10 angekreuzt im Vergleich zu denen mit der Stärke 5. Oder wo tritt der Schmerz am häufigsten auf, im Ober- oder Unterkiefer, im Kiefergelenk oder den Muskeln?

Noch eine Anmerkung zu den Grafiken:  Auf der linken Achse ist die Menge an Patienten abzulesen. Rechts unten tauchen etwas seltsame Angaben auf wie „Std. Dev = 0“ und ganz unten „N = 345.00“ auf. Und dieses „N = 345.00“ besagt, dass die Gesamtmenge aller ausgewerteten Patienten in  diesem Fall 345 Stück beträgt. Beachten Sie bitte, dass dieses N in jeder Grafik unterschiedlich ausfällt, weil nicht alle Patienten alle Fragen beantwortet haben.

1. Geschlecht

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Grafik 1 Wie eigentlich immer bei Schmerzfragen sind Frauen häufiger vertreten als Männer. Das Verhältnis beträgt im Fragebogen zur Trigeminus Neuropathie aktuell etwa 2,5 : 1. Weiß man, dass das Geschlechtsverhältnis bei M-TMD (= die Muskel Form der Temporo Mandibulären Störung) etwa bei 4 : 1 liegt, dann läßt sich bereits an dieser Kennziffer vermuten, dass die Trigeminus Neuropathie wahrscheinlich nicht direkt mit der M-TMD verwandt ist.

 

2. Schmerzstärke

Grafik 2 Wie bereits in der Vorauswertung angedeutet, zeichnet sich eine Anormalität in der Verteilungskurve der Schmerzstärken ab. Die Schmerzstärke vier ist seltsamerweise unterrepräsentiert, was sich in der schiefen „Glocke“ äußert. Die dünne gebogene Linie in der Grafik zeigt die ideale Verteilung – also die, die bei völlig  unbeeinflußten zufälligen Antworten zu erwarten wäre.

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Warum das so ist, je ne sais pas (= frz. für: ich weiß es nicht). Meine erste Vermutung wäre, dass es eine verbreitete Abneigung gegen den Schmerzwert etwas unterhalb der Mitte gibt. Denn das könnte Außenstehenden den Eindruck vermitteln, der Schmerz wäre nicht so ernst zu nehmen. Zugegebenermaßen handelt es sich hierbei um eine erkenntnistheorethisch heikle Begründung. (= Wir machen uns Gedanken über die Gedanken derjenigen, die den Fragebogen ausfüllen. Ein solches Vorgehen ist angreifbar.)

 

3. Links oder Rechts?

linksrechts-001Grafik 3 Wenn Sie jetzt ganz unbedarft das Bild (oder die „Grafik“) 3 anschauen, was schließen Sie daraus? Dass seltsamerweise die linke Seite häufiger vorkommt? Oder dass 70 (= beidseits + unentschieden) von N=324, also 21% sich nicht für eine Seite entscheiden können?

Halten wir einfach fest, dass 38% den Schmerz rechts fühlen, und 41% links, aber 21% sowohl als auch.  Ob der Unterschied zwischen links und rechts einer längeren Überprüfung stand hält, sollten wir an dieser Stelle noch offen lassen.

 

4. Umstände beim Schmerzanfang

umstaende-001Grafik 4  Die Umstände beim ersten Auftreten der Dauerschmerzen. Der Löwenanteil aller Antwortenden hat eines der beiden Kästchen „unklar“ oder „Zahnarzt“ angekreuzt. Aus der Sicht des Zahnarztes muss aber darauf hingewiesen werden, dass es eine Teilmenge an Patienten gibt, die zwar den Zahnarzt als Begleitumstand angegeben haben, die aber streng genommen zu den „unklaren“ Fällen gehören. Das sind jene, die mit „Zahnschmerzen“ zum Zahnarzt gehen, und dort auch zahnbohrmäßig abgefertigt werden, aber nur deshalb, weil die aufgesuchten Kollegen/innen den Braten nicht früh genug gerochen haben. Diese Patienten geraten in die Abwärtsspirale des Dauerschmerzes, nicht weil sie ursprünglich ein Zahnproblem hatten, sondern ein neurologisches, das nur nicht am Anfang erkannt wurde.

 

5. Schmerzspitzen tagsüber oder nachts? 

tagnachts-001Grafik 5  Wann am Tag bzw. Nacht Schmerzen. Von den 336 Patienten, die die Rubrik Tag/Nacht ausgefüllt haben, leiden genau 80 Subjekte  (das entspricht 24 Prozent) an Schmerzen in der Nacht. Alle anderen 76 Prozent geben an, entweder a) Die Schmerzen direkt nach dem Aufwachen zu spüren „BegAufwa“ 16 Prozent, oder b) Die Schmerzen am schlimmsten Abends zu erleiden „AbendsSchli“  21 Prozent oder c) Einfach tagsüber den Dauerschmerz erdulden zu müssen „Tags“ 39%.  Zusammenfassend läßt sich sagen, dass etwa 3/4 aller Dauerschmerz Patienten nachts Ruhe haben.

 

6. Ober- oder Unterkiefer

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Grafik 6  Wie verteilen sich die Schmerzen auf die verschiedenen Teile des Mundes?  Darauf gibt es eine klare Antwort: Der Oberkiefer (54 Prozent) gewinnt mit großem Abstand vor dem Unterkiefer (29 Prozent). Der Rest verteilt sich auf Kleinvieh wie Kieferhöhle (3 Prozent), Kiefergelenk (6 Prozent), Kopfschmerzen (4 Prozent) und Muskulatur (2%). Mit einer gewissen Vorsicht kann man daraus den Merksatz ableiten: Der typische TMD Patient (in Deutschland noch CMD) mit seiner Muskulatur und/oder Kiefergelenk Symptomatik hat mit den richtig harten Schmerzfällen der Trigeminus Neuropathie wenig bis gar nichts zu tun.

 

7. Beeinträchtigung der Lebenslust

lebenslust-001Grafik 7  Wie stark beeinträchtigt der Dauerschmerz die Lebenslust?  Der ein oder andere Zahnmediziner wird an dieser Stelle einwänden, dass die Kategorie „Lebenslust“ a) kaum objektiv messbar sein wird und b) in einer wissenschaftlichen Untersuchung doch wohl nichts verloren hätte. Das ist ein großer Irrtum. Aus standardisierten Fragebögen in der Psychiatrie (z.B. SCL 90) ist seit mindestens 50 Jahren bekannt, dass das persönliche Wohl- oder Schlecht- ergehen von Patienten sich mit Fragen nach der Lust zum Leben feinfühlig messen läßt. Deswegen beeinhaltet der diagnostische Fragebogen zur Trigeminus Neuropathie nicht weniger als 5 Fragen, die ausschließlich dazu bestimmt sind, die Stimmung und langfristige Erwartung der Patienten zu messen. Die Grafik 7 zeigt sehr plastisch, was bei Dauerschmerz Patienten passiert. Die Lebenslust ist bei mehr als 80 Prozent aller Ausfüller gemindert, bei mehr als 60 Prozent sogar soweit gemindert, dass mindestens die Hälfte der Lebenslust verloren gegangen ist. Und 19 Prozent geben sogar an, gar keine Lust mehr zu haben. Hier zeigt sich der entscheidende Unterschied zu normalen Zahnschmerzen. Selbst stärkste Zahnschmerzen sind nicht in der Lage, einen Menschen dermaßen herunterzuziehen wie das neuropathische Dauerschmerzen schaffen.

 

8. Beeinträchtigung der Depression durch Dauerschmerz

depression-001Grafik 8  Wie beeinträchtigt der Dauerschmerz eine Depression?  Thematisch ähneln sich die Fragen 7 und 8. Vergleicht man die Ergebnisse der Fragen 7 mit 8, dann stellt man fest, dass deutlich mehr Menschen einen Nulleinfluss angeben. Überlegt man sich aber, dass in der Normalbevölkerung nur etwa 10% Depressive vorkommen, dann erstaunt es eher umgekehrt, dass doch so viele Fragebogen Beantworter sich selbst eine Verschlimmerung ihrer Depression bescheinigen. Wahrscheinlich kommt hier eher ein Stück Verzweiflung der Leidenden über ihre Lage zum Ausdruck. Aus dem hohen Positiv Antwortanteil kann also keineswegs geschlossen, dass die Dauerschmerz Patienten zu über 70 Prozent eine klinisch diagnostizierbare Depression hätten.

 

9. Qualität der Schmerzen

Output  PSPPIRE Output Viewer 01.01.2013 203401-001Grafik 9  Wie verteilen sich die Dauerschmerzen auf die Schmerzqualitäten? Auf die 3 großen, nämlich 1. Druck (47%), 2. Stechend (22%) und 3. Brennend (14%) entfallen zusammen 83 Prozent aller Fälle. Der Rest von 17 Prozent teilt sich auf in: 4. Blitzartig, 5. Pochend und 6. Juckend.

Dieser Befund deckt sich mit meiner (Joachim Wagner, Zahnarzt) Beratungspraxis an individuellen Patienten. Die Hälfte aller Fälle leidet unter Druck im Kiefer.

 

Diskussion

Einige Ergebnisse der Umfrage überraschen uns nicht. Dazu gehört die Verteilung der Schmerzstärken auf die Teilnehmer als praktisch ideale Gauß’sche Glocke (= bedeutet, dass die Mitte am häufigsten vorkommt und die Extreme nach rechts und links selten). Oder die Schmerzrzuhe in der Nacht bei 3 von 4 Teilnehmern, solches war schon vor der Untersuchung klar.

Überraschend zeigen sich hier Resultate, wonach

  • a) der Oberkiefer viel häufiger betroffen ist als der Unterkiefer und beide Kiefer zusammen 83 Prozent aller Dauerschmerzfälle ausmachen. Weit vor Schmerzen im Kiefergelenk, der Muskulatur und sonstigen Regionen.
  • b) mindestens 80 Prozent aller Befragten angaben, sich in ihrer Lebenslust beeinträchtigt zu fühlen.
  • c) die gefühlten Schmerzqualitäten mindestens 6 verschiedene sein können und davon der dumpfe Dauerdruck etwa von der Hälfte aller Patienten erlitten wird.

Meines (Joachim Wagner, Zahnarzt) Wissens liegt bis heute außer der hier gezeigten keine einzige epidemiologische (= bei einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht ermitteln, wie was wo wielange wehtut) Untersuchung an Patienten über die Krankheit Trigeminus Neuropathie vor. Fragen Sie sich als Leser ruhig selber, an wem das wohl liegt. Ganz sicher nicht an den nicht vorhandenen Fällen, denn die Rate, mit der in den letzten Wochen der Diagnose Fragebogen ausgefüllt wird, liegt bei ca. 3 neuen Fällen pro Tag. Eine Neuauflage der Statistik mit 1000 Fällen ist übrigens in der 2. Jahreshälfte 2013 geplant.

 

Noch spannender als die reine Häufigkeitsverteilung der Patienten auf die einzelnen Untersuchungspunkte ist ja die Frage, ob zwischen den Punkten Abhängigkeiten existieren. Z.B. ob die Schmerzstärke zusammenhängt mit der Schwere der Beeinträchtigung der Lebenslust, also konkret: Ist die Lebenlust bei der Schmerzstärke 10 eher komplett weg, als bei 2? Das klärt der Teil 2 des Zwischenstandes.

 

 

One Reply to “Zwischenstand des diagnostischen Fragebogens Jan 2013”

  1. Statistik ist ja auch total schwer.
    Aus Diagramm 1 schliesse ich dass maximales Krankheitsrisko bei ca. 0.25% weiblich besteht? Und zwischen randständigen Maxima liefert Ihr Statistikprogramm ein lokales Maximum (durchgezogene Kurve)?

    Ist Windows 8 wirklich ein Fortschritt?

    LG

    HP

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