Zahnschmerzen durch TMD (CMD)?

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Im sogenannten Masterfragen Forum findet sich dieser Beitrag. Die Patientin sucht Erklärungen für ihr Problem und wendet sich damit an das Board der Kollegen, die alle den Zusatztitel „MSc“ = Master of Science erwarben.

 

Zitat

 

Zahnschmerzen durch verspannte Kiefermuskeln

06.11.2010 – 19:23
Verfasst von

Denise Millischer
Bodensee

Sehr geehrte Damen und Herren,

gelange wieder einmal mit einer Frage an Sie. Habe über die letzten 2 Jahre 7!! Wurzelbehandlungen hinter mir, dieses Jahr eine davon (Unterkiefer rechts, hinterster Zahn) sogar revidiert, weil die Schmerzen mich nicht in Ruhe liessen. Mein Zahnarzt dem ich vertraue, hat bei allen Zähnen auf dem Röntgenbild nie ein Befund gesehen, der ihn dazu veranlasst hat, eine WB zu machen, da meine Zahnschmerzen aber jedesmal so ein Ausmass hatten, kams dann dazu und es gab Ruhe. Jetzt plagt mich obengenannter Zahn schon wieder, diffuse Schmerzen, Strahlen den Hals runter und Richtung Ohr, eher dumpfer Druckschmerz, aber ausstrahlend. War schon so weit, dass ich den Zahn freiwillig ziehen wollte. Mein Zahnarzt schickte mich nun zu einem Kieferorthopäden, der stellte eine massive Verspannung an den Kiefermuskeln fest, hat da rumgedrückt und mich hats fast vor lauter Schmerz vom Stuhl gehauen. Sein Tip, jeden Tag Muskel massieren und abwarten…eventuell dann Schiene machen lassen (Bruxismus?). Mein Mann stellte in der Nacht schon solche Geräusche fest. Meine Frage an Sie, kann das wirklich sein, dass solche Schmerzen vom Kiefermuskel her kommen? Und dann vor allem in die hintersten Zahnreihen ausstrahlen, ev sogar in einen erst kurz revidierten Zahn? Bin mit meinem Zahnlatein am Ende. Bin um jede Antwort dankbar.
Ganz herzliche Grüsse aus der Schweiz

Re: Zahnschmerzen durch verspannte Kiefermuskeln

erstellt:07.11.2010 – 13:49
Verfasst von

Zahnarzt
Dr. Dirlewanger MMSc
72202 Nagold

»

Hallo Denise,
was Sie beschreiben ist dann „normal“, wenn die Muskelfasern durch Überlastung soviele „inneren Abrisse“ haben, dass daraus ein Projektionsschmerz entsteht. Sie überlasten Ihre Kaumuskeln. Sie haben „eine Art Muskelkater“ und Ihre Schmerzen setzt der Körper dazu ein, Sie bei Zahnkontakt vor weiterer Überlastung zu schützen. Die Zähne, die schmerzen, haben selbst meist kein Problem, der typisch dumpfe Schmerz kommt aus der diesem Zahn zugehörigen Muskelstruktur. Deshalb bleibt der Schmerz auch bestehen, wenn der Nerv entfernt wurde, selbst nach Resektion, selbst nach Entfernung des Zahnes. Schuld daran: im Gehirn wird die Schmerzzuordnung falsch interpretiert – das sollte Ihr Zahnarzt wissen.
Schritt 1: Zähne auseinander, nicht knirschen, nicht pressen
Schritt 2: ein mit cranio-mandibulärer Dysfunktion bewanderter Physiotherapeut muss manuelle Therapie an Ihrer Kaumuskulatur anwenden (dehnen, entspannen etc.)
Schritt 3: Sie richten bei sich ein System der Selbstbeobachtung ein : wann berühre ich meine Zähne ? Presse oder knirsche ich ? in welchen Situationen und an welchen Orten ? da und dann installieren Sie für sich ein „Erinnerungssystem“ (z.B. roter Punkt, am laptop z.B.?), das Sie immer beim Anblick(z.B. des roten Punktes) an die Frage „presse oder knirsche ich ?“ erinnern soll. Zähne auseinander !! und dann eine Selbstmassage an der Kaumuskulatur lernen !!
Dann muss ein erfahrener Zahnarzt drauf achten, ob Ihr Zusammenbiss Störungen aufweist und ob diese zu beseitigen sind. Im östlichen Bodenseebereich Richtung Kempten gibt es sehr viele in Funktionstherapie bewanderte Kollegen , die Mitglied im Kemptener Arbeitskreis sind. Wenden Sie sich an einen dieser Kollegen. Eventuell kann Ihnen Kollege Dr.Diemer in Meckenbeuren weiterhelfen. Bei Kontakt grüßen Sie ihn bitte von mir (das kann Ihnen helfen)-
Gruss an die Heimat
Dirlewanger

Ende Zitat

 

Worunter leidet die Patientin?

Sie schreibt: „Habe über die letzten 2 Jahre 7!! Wurzelbehandlungen hinter mir, dieses Jahr eine davon (Unterkiefer rechts, hinterster Zahn) sogar revidiert, weil die Schmerzen mich nicht in Ruhe liessen. Mein Zahnarzt dem ich vertraue, hat bei allen Zähnen auf dem Röntgenbild nie ein Befund gesehen, der ihn dazu veranlasst hat, eine WB zu machen, da meine Zahnschmerzen aber jedesmal so ein Ausmass hatten, kams dann dazu und es gab Ruhe. Jetzt plagt mich obengenannter Zahn schon wieder, diffuse Schmerzen, Strahlen den Hals runter und Richtung Ohr, eher dumpfer Druckschmerz, aber ausstrahlend. War schon so weit, dass ich den Zahn freiwillig ziehen wollte.“

In diesen 3 Sätzen stecken 4 Hauptmerkmale neuropathischer Trigeminus Schmerzen, nämlich :

  1. 7 Wurzelbehandlungen in 2 Jahren = viel zu viel stark eingreifende Zahnmedizin
  2. Dauerschmerzen trotzdem bis zur Stärke „den Zahn freiwillig ziehen“
  3. Zahnarzt findet nichts, auch nicht auf dem Röntgenbild
  4. Schmerzqualität „dumpfer Druckschmerz“

Die sehr naheliegende Diagnose lautet also : Trigeminus Neuropathie

 

Wie lautet die Diagnose der Behandler?

Der Hauszahnarzt hat keine Diagnose. Das wird deutlich an den ungezielten Schrotschüssen mit 7 Wurzelbehandlungen, die das Übel kein bißchen bessern. Der hinzugezogene KFOt tastet immerhin die Muskulatur ab und findet überempfindliche Muskeln. Seine Verdachtsdiagnose geht in die Richtung TMD (CMD) und Knirschen. Daraus baut sich der Kollege Dirlewanger seine Verdachtsdiagnose „Abriss von Muskelfasern“ in Verbindung mit „einer falschen Schmerzzuordnung im Gehirn“. Dementsprechend empfiehlt er funktionstherapeutische Maßnahmen.

 

Haut das hin?

Natürlich nicht. Die Patientin wird mit einer Physio- und Funktionstherapie, wenn es hoch kommt, nur eine leichte und kurzdauernde Verbesserung ihrer Zahnschmerzen erfahren. Danach quält sie sich wie vorher.

Hier bin ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) mir 99,9% sicher. Was unsere MSc Strategen nämlich noch nicht wissen ist, dass Patienten, die starke bis stärkste Zahnschmerzen an gesunden Zähnen fühlen eben keine TMD (CMD) Kandidaten darstellen. Das geht aus wissenschaftlichen Arbeiten hervor, die zwischen TMD (CMD) und Trigeminus Neuropathien unterscheiden,  wie auch aus der Auswertung des laufenden Diagnose Fragebogens Trigeminus Neuropathie.

Zwar existieren auch Überschneidungen zwischen beiden Krankheiten, wie z.B. eine allgemeine Überempfindlichkeit der Muskulatur, die Trigeminus Neuropathie unterscheidet sich aber von der TMD (CMD) durch die viel höhere Schmerzintensität und vor allem dem Schmerzort. TMD(CMD) Patienten haben typischerweise keine starken Zahnschmerzen. Deswegen liegen die Therapieempfehlungen des KFOten und Kollegen Dirlewanger daneben.

 

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