Neuropathie beim Implantat

Zustand mit erstem Implantat Schmerzhöhepunkt

Die erste Implantation eines ICX Implantats an der Stelle des Zahns 41 im Januar 2013 bei Herrn F. (56) schlug fehl. Wie auf dem Bild 1 gut zu sehen ist, kam es 5 Tage nach dem Einsetzen zu einer bakteriellen Infektion des Knochens mit zunehmenden Schmerzen, einer Schwellung und sichtbaren Rötung.

Erstes Implantat im März 2013

 

 

 

Das Implantat mußte deswegen 8 Tage nach dem Einbau wieder entfernt werden. In Bild 2 ist die Situation des gescheiterten Implants im Röntgenbild dargestellt. Für die mitlesenden Kollegen: Ja, der Zahn 31 zeigt reichlich Behandlungsbedarf und Nein, der 42 ist nicht das Problem in dieser Situation. Es war eindeutig das eingebrachte Implantat, bzw. dessen Infektion schuld.

Zustand mit Implantat 2 und Schmerzhöhepunkt

Zweites Implantat April 2013

 

 

 

Bild 3 zeigt den Zustand 4 Tage nach der erneuten Implantation an der gleichen Stelle mit einem neuen Implantat des gleichen Fabrikates und des gleichen Durchmessers. Die Schleimhaut zeigt diesmal keine Entzündungszeichen, insbesondere fehlen eine Schwellung und eine Rötung. Bereits während des Eingriffs fällt auf, dass trotz wirksamer Leitungsanästhesie links und rechts und lingualer Depotgabe noch massive Schmerzen beim Anpieksen der Schleimhaut vorhanden sind. Die direkte lokale Betäubung im „alten“ Bohrloch verursacht dem Patienten sichtbar starke Schmerzen. Das ist ungewöhnlich.

Unser Mann erscheint diesmal bereits am 2. postoperativen Tag mit der Symptomatik: Direkt nach Rückgang der Spritze habe er starke Schmerzen gehabt, die auch jetzt kaum nachgelassen hätten.


 

Im Röntgenbild (Bild 4) läßt sich nur erkennen, dass das Implantat diesmal tiefer sitzt als in Bild 2.


 

 Daraufhin erhält der Patient von uns das stärkste Schmerzmittel diesseits der Betäubungsmittel: Novamin-Sulfon (auch unter Novalgin bekannt) in flüssiger Form, mit der Maßgabe, es selbständig zu dosieren.

Weitere 2 Tage später muss der Patient wieder mit stärksten Schmerzen in der Praxis vorstellig werden und bestätigt dort meine Vermutung, dass die Novamin Sulfon Tropfen auch in hoher Dosierung KEINE Wirkung hatten.

Dazu höre ich, dass die Schmerzen auf der Skala 0 bis 10 die Stärke 10 erreichen, wenn er etwas kaltes in den Mund tut, oder wenn er „auf dem Fahrrad abbremst“!

Damit ist die Beweisführung abgeschlossen, dass dieser Schmerz kein gewöhnlicher Schmerz darstellt, wie er typischerweise ausgehen würde von einer bakteriellen Knocheninfektion des Implantats oder der Pulpitis 42 oder der apikalen Ostitis 31. Alle diese Schmerzquellen würden auf Novalgin zumindest mit Linderung reagieren. Außerdem wären dann Symptomatiken an den entsprechenden Stellen wie Klopfschmerz, Schwellung oder Rötung zu erwarten. Dazu kommt, dass der Patient den Stärkstschmerz auslösen, also triggern kann. Blitzartige einschießende Stärkstschmerzen, die dazu triggerbar sind, kennzeichnen eine Trigeminus Neuralgie. Herr F. leidet offensichtlich unter einer Trigeminus Neuropathie mit neuralgiformen Symptomen.

Als vorläufige Therapie habe ich 100 Tabletten Carbamazepin 300mg verordnet.

 

Nachtrag 1 Woche nach der Verordnung von Carbamazepin

Herr F. erscheint zur 10-Tages Kontrolle nach Implantation relativ entspannt und berichtet von einer hochgradigen Verbesserung der Schmerzsituation. Auf der Skala 0 bis 10 leidet er jetzt maximal noch bis 3. Er hat sich selbst die Carbamazepin Dosis auf 600mg erhöht, was unter den Umständen auch angemessen erscheint. Nebenbei: Der  erste Apotheker hat den Patienten allen Ernstes mit dem Satz auflaufen lassen, dass ein Zahnarzt kein Carbamazepin verschreiben dürfe, und der Patient sich erst einen Termin beim Neurologen besorgen müsse. Freitags räumt kein Neurologe dieser Republik für „Zahnschmerzen“ einen Termin frei. Zum Glück handelt es sich bei diesem Exemplar Apotheker um einen Extremist, schließlich verschreibe ich seit Jahren Carbamazepin und Consorten.

 

Fazit: Die Neuropathie als Schmerzursache bestätigt sich durch die absolute Nichtwirkung von Novalgin und die durchschlagende Wirkung von Carbamazepin.

7 Replies to “Neuropathie beim Implantat”

  1. schmarrn
    ich halte es für einen skandal, dass zahnklempner novalgin verschreiben duerfen.

    und wieder dieser neuropathie schmarrn. zu hohe fuellungen erzeugen eine (reversible sterile) pulpitis. und keine trigeminusneuropathie.
    hellwig/klimeg/attin einfuehrung in die zahnerhaltung, 5. auflage, kap. 11.1.3
    vorkontakte.

    nebenbei: die trigeminusneuropathie (oder trigeminusneuralgie) gehoert eigentlich dem hno fachmann.

  2. genau
    [quote name=“Markus T“]Raus damit und erst mal die Nebenbaustellen sanieren.

    Viele Grüße[/quote]

    Raus damit. is ja schon bezahlt. dann koennen wir uns mal die billigeren hauptbaustellen kuemmern, die weniger Umsatz bringen, aber im sinne der sinnvollen Versorgung sinnvoller waeren: Es gibt da Richtlinien, die zwischen GKV und ZA vertretern rechtskräftig vereinbart sind.

  3. RE: Neuropathie beim Implantat
    Mir fehlen die Worte………..haben Sie sich mal Gedanken gemacht, warum die Nervenschmerzen nach dem Implantat einsetzen?
    So wird menschliche Gesundheit zerstört.
    Ein Implantat in einen bereits entzündeten Knochen setzen, wie man ja am Nachbarzahn 31 sieht.
    Na bravo, jetzt kann der Patient sein Leben lang die Psychopharmaka schlucken um die Nerven zu betäuben.

  4. RE: Neuropathie beim Implantat
    Hallo Fassungslos, lassen Sie mich 3 Aspekte klarstellen: a) Carbamazepin ist kein Psychopharmakum, sondern ein Antiepilepsie Mittel, das bei Trigeminus Neuralgie (!) das erste Mittel der Wahl darstellt. b) Jeden Tag werden in Deutschland mittlerweile 500 Implantate gesetzt. Mindestens 10 davon gehen in einen Mund mit vorher bestehender Neuropathie des Trigeminus, wie im geschilderten Fall. Diese Patienten interessiert es durchaus, was bei einem schweren Schmerzausbruch zu tun ist. c) Zahnfilm.de will keine heile Welt der Zahnmedizin vorgaukeln, in der es hauptsächlich hochglanzpolierte Showarbeiten von akademischen Zahntechnikern zu bewundern gibt. Hier wird das Leben, wie es wirklich ist, demonstriert – mit allen Fehlern. Ob Ihnen das nun gefällt oder nicht. Mit freundlichen Grüßen Joachim Wagner

  5. RE: Neuropathie beim Implantat
    Gut………Herr Wagner, ein +Punkt ist die Einsicht, dass nicht alles heile Welt ist, aber wenn man die Fehler merkt, hat man als Arzt keine moralische Verpflichtung so gut es geht die Fehler zu beheben und nicht wiederholt ein Implantat zu setzen. Eine akute Schmerzbekämpfung ist sinnvoll, aber doch keine Dauerlösung.
    Ein Arzt sollte doch soviel Verstand haben dem Patienten begreiflich zu machen, dass in einer solchen Situation ein Implantat nicht vertretbar ist.

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