Das lasst Ihr eucht bieten !

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Den nachfolgenden Inhalt habe ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) ohne Rücksprache mit dem Autor ZA Carlheinz Swaczyna, Krefeld einfach aus dem Internet Angebot der DZW (= Deutsche Zahnarzt Woche) kopiert, weil die Botschaft wichtig ist und der Mann etwas zu sagen hat, was der Meinung von Zahnfilm.de (= Joachim Wagner, Zahnarzt) direkt entspricht. Es geht um die Verweigerung der deutschen Zahnärzteschaft bezüglich einer elementaren Grundleistung: Die Füllung auf Kasse.

 

 Zitat aus der DZW vom 12.08.2013:

 

12. August 2013

Verweigerung von Kassenleis­tungen – hätte, wäre, wenn!

ZA Carlheinz Swaczyna mit einer Reaktion auf die Anfrage der Linkspartei (DZW 20/13) zur Sachleistung in der vertragszahnärztlichen Versorgung

Hätte mir jemand gesagt, ich könnte ein Anliegen ausgerechnet der Linkspartei gutheißen, hätte ich dafür allenfalls ein müdes Lächeln übrig gehabt, hätte ich nicht ähnliche Erfahrungen mit einer eigenen Recherche im vergangenen Jahr gemacht.

Wäre mir nicht sowohl von Versicherten wie auch von Kollegen zunehmend darüber berichtet worden, dass manche, eher viele Zahnärzte insbesondere im Füllungsbereich gar keine zuzahlungsfreien Leistungen mehr erbringen. Neben Wurzelfüllungen und digitalem Röntgen gegen Zuzahlung (ohne Alternative) wurden auch andere Leistungsbereiche wie PZR und Prothetik erwähnt. Entweder werden die Patienten unter Missachtung der Aufklä­rungs­pflicht, insbesondere des Aufklärungsumfangs etwa hinsichtlich Amalgam/Kunststoff oder PZR, zu einer Privathonorarvereinbarung praktisch genötigt oder die vertragszahnärztlichen Pflichten werden anders unterlaufen, etwa durch Verwendung (und Abrechnung!) ungeeigneter Materialien als „dauerhafte“ Alternativ-Versorgung. So soll es mancherorts so sein, dass – wie bei einem Kartell – fast kein Vertragszahnarzt mehr Füllungen ohne Zuzahlungen erbringt, Patienten dort also keine Alternative zur Verfügung steht.

Ich selbst höre auf Kongressen, Messen etc. Aussagen von Zahnärzten, die unumwunden untereinander davon sprechen, dass es in ihren Praxen keine zuzahlungsfreien Füllungen etc. gäbe. Und dass das alles stressfrei und ohne moralische Skrupel verläuft, weil das schon die dafür trainierte Fachangestellte am Empfang geregelt hat.

ZA Carlheinz Swazcyna

ZA Carlheinz Swazcyna

Wenn das nur Einzelfälle gewe­sen wären, hätte mich das nicht dazu veranlasst, beim GKV- Spitzen­verband im vergangenen Jahr anzufragen, ob man dort darüber Er­kenntnisse habe. Vielen Zahnärzten, die ihren vertraglichen Verpflichtungen gewissenhaft nachkommen, ist diese vertrags-, standes- sowie berufsrechtliche Situation auch aus wirtschaftlichen Gründen mit Recht ein Dorn im Auge. Wird doch die Wettbewerbs­fähigkeit untereinander unzulässig und auch zulasten von Versicherten gestört. Da weder die Kas­sen noch die eigentlich dazu verpflichteten Körperschaften (noch) nicht von sich aus den Machenschaften nachgehen und zum Beispiel auch anonyme Hinweise verfolgen, kann dieses Treiben praktisch unsanktioniert stattfinden.

Bedenklich wie verständlich ist aber auch die mangelnde Courage sowohl von Patienten als auch Zahnärzten. Darauf angesprochen, sich mit den Beschwerden an Kassen oder KZV zu wenden, werden von beiden Gruppen Befürchtungen über negative Folgen beziehungsweise Aussichts- oder Folgenlosigkeit von Beschwerden geäußert. Offensichtlich fehlt es hier sowohl kassen- als auch körperschaftsseitig an der Institutionalisierung eines geeigneten Beschwerdemanagements, das auch „Whistleblower“ nicht diskriminiert. Anders kann man sich das geradezu lächerliche Ergebnis der Umfrage zur Verweigerung von Amalgamfüllungen nicht erklären, von der für das Jahr 2012 bundesweit nur 25 (!) Meldungen vorliegen sollen. Solche unglaubwürdigen Zahlen tragen nicht zu einer Versachlichung eines ganz offensichtlichen Missstands bei. Mittlerweile dürfte es, überspitzt gesagt, eher schwieriger sein, 25 Vertragszahnärzte bundesweit zu finden, die überhaupt noch Amalgamfüllungen beherrschen. Was allen Beteiligten natürlich bestens bekannt und – falls nicht, in beiden Fällen – ein Skandal ist.

UnInteressen Gemeinschaft
Die wenig hilfreiche Antwort des GKV-Spitzenverbands hinsichtlich der Pflichten der Vertragszahnärzte ist nahezu wörtlich identisch mit den jetzigen Aussagen der Bundesregierung. Wer da wohl wem die Feder führt? Im Übrigen wurde meine Anfrage noch nicht einmal an die einzelnen Mitglieder des Spitzenverbands weitergeleitet. Stattdessen sollte ich mich an jede Kasse einzeln wenden. Offensichtlich liegt es aber gar nicht in deren Interesse, solche Hinweise auf Leistungsverweigerung willkommen zu heißen. Verringert sich doch dadurch der Aufwand für entsprechende Leistungen.

Wobei es nach wie vor in weiten Bereichen an belastbarem Zahlenmaterial mangelt. Etwa um die Zahl, Art, Qualität und Lebensdauer von Füllungen etc. abzubilden. Wer einmal versucht hat, den tatsächlichen Gesundheitszustand von Patienten anhand von sektor­übergreifenden Abrechnungsdaten zu rekonstruieren, muss angesichts der daraus resultierenden gravierenden Multimorbidität erheblich an der Überlebensfä­higkeit Deutschlands zweifeln. Oder an den Abrechnungsdaten, die wiederum Grundlage gesundheitspolitischer Entscheidungen sind.

Es ist bezeichnend für den Vertrauensverlust der Öffentlichkeit, dass die Ärzte 15 Millionen Euro für die Imagekampagne „Wir arbei­ten für Ihr Leben gerne“ glauben ausgeben zu müssen. Und vielleicht auch bald die Zahnärzte für einen ähnlichen Reflex. Vermutlich wäre das Geld zur Bereinigung von Missständen besser angelegt, wozu auch ein offensiver Umgang mit berufsrechtlichen Verfehlungen wie hier beschrieben gehört. Alle wissen doch, dass es nicht nur ein paar wenige schwarze Schafe gibt. Aber es erscheint Kassen wie Körperschaften und jetzt auch der Bundesregierung inopportun, dafür Öffent­lichkeit herzustellen. Aus Angst vor negativem Medienecho wird dafür verharmlost, verschleiert und um den heißen Brei so lange herumgeredet, bis dann doch alles ans Tageslicht kommt und angeblich keiner etwas davon geahnt, geschweige denn gewusst hat. Wie bei Griechenland, Eurokrise, Berliner Flughafen, Bundeswehrdrohne etc. und ebenso wie dort wieder ohne Folgen für die Übeltäter oder Verantwortlichen. Oder wie bei der Online-Pa­tientenquittung, die für Patienten dann letztlich doch wieder intransparent bleibt und daher nur Geldverschwendung ist. Auch das antiquierte Quartalsabrechnungssystem ist Bestandteil und Ursache für die Intransparenz, da es nicht geeignet ist, Missstände zu identifizieren.

Nicht nur die Bundesregierung leidet hinsichtlich der vertragskonformen zahnärztlichen Versorgung an Wahrnehmungsstö­rungen. Der Berufsstand selbst und die Kassen hätten den Linken keine bessere Vorlage vor der Bundestagswahl geben können. So zu tun, als käme der Misskredit nur immer von außen und sei weitestgehend unberechtigt, wird dem hohen moralischen Anspruch und dem Ansehen auf Dauer das Grab schaufeln. Steht doch im So­zial­gesetzbuch Paragraf 128 Abs. 5 (a): „Vertragsärzte, die unzulässige Zuwendungen fordern oder anneh­men oder Versicherte zur Inanspruchnahme einer privatärztlichen Versorgung anstelle der ihnen zustehenden Leistung der ge­setzlichen Krankenversicherung beeinflussen, verstoßen gegen ihre vertragsärztlichen Pflichten.“

Der Missbrauch des Status als Vertragszahnarzt, um daraus möglichst ein nach finanzieller Leis­tungsfähigkeit selektiertes Patientenklientel zur eigenen pekuniären Prosperität zu generieren, ist mit den Ansprüchen eines Heilberufs unvereinbar und somit sanktionswürdig.

Da ich die mir zugetragenen Fälle weder verifizieren oder quantifizieren kann, nehme ich Hinwei­se auf ähnliche Sachverhalte gerne unter der Zusicherung von Vertraulichkeit entgegen.

ZA Carlheinz Swazcyna, Krefeld

5 Replies to “Das lasst Ihr eucht bieten !”

  1. RE: Das lasst Ihr eucht bieten !
    Wundert Sie das wirklich bei der schlechten Kassenhonorierung?
    Wenn sie ordentliche Qualität abliefern wollen, geht das nicht ohne entsprechende Differenzfinanzierung. Teilweise genügt bei Füllungen auch nicht der 3,5 fache Satz. Natürlich müssen sie den Patienten immer auch eine Kassenlösung anbieten, aber die Meisten wollen sich auch kein Amalgam in den Mund setzen lassen. Man sollte nur die Wahl haben. Hatte vor ein paar Wochen eine Patientin, die in der Praxis des Bundesvorsitzenden der KZV eine PA nur gegen 3 malige privat zu zahlende Prophylaxe-Sitzungen durchgeführt bekommen hätte. Sicher sinnvoll, aber an der Basis vorbei.

    LG,
    Markus

  2. RE: Das lasst Ihr eucht bieten !
    Hallo Herr Kollege, ich bin ganz mit Ihnen, besonders auch was den 3,5 fachen Satz bei Kunststoff Füllungen angeht: entweder anständig oder gar nicht. Weil ich persönlich von Kunststoff recht unbegeistert bin, sieht die Wahl in meiner Praxis dann häufig so aus: Glas Ionomer, Am oder Krone, als Kassenleistung (Krone mit Zuzahlung ist klar). Wer unbedingt Kunststoff haben will, muss bluten. Viele Grüße J. Wagner

  3. RE: Das lasst Ihr eucht bieten !
    Einschüchterung gehört bei den meisten Zahnärzten leider dazu.

    Ich wäre oft schon froh, wenn es nur der 3,5x Satz wäre.

  4. RE: Das lasst Ihr eucht bieten !
    Schön, dass man das immer erst erfährt wenn man bereits beschubst wurde. Ich wurde einmal gefragt was ich nehmen möchte, und als ich fragte was besser sei wurde mir klar gemacht, dass nur Kunststoff gut sei und Amalgan ungesund. Danach wurde ich nie wieder gefragt und habe immer Kunststoff bekommen. Kein einziges mal wurde ich darüber informiert, dass es sich um eine Leistung mit Zuzahlung handelt. Haben ja Papa und Mama bezahlt. Seit ich den Zahnarzt gewechselt habe wird mir neuerdings von diesem sogar Amalgan empfohlen.. auch mit Aufklärung der Vor- und Nachteile. Und ich bin mitlerweile sogar der festen Überzeugung, dass Kunsstoff bedeutend schlechter Materialeigenschaften hat. Auch dank des Blogs hier und der guten Aufklärung des neuen Arztes. Ich zahle gerne für Gute Arbeit mehr, aber ich lasse mich ungerne belügen.

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