Wunderheilung 6 + 7 – oder Carbamazepin wird unterbenutzt

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hs1Frau H.S. (77) quält sich seit mindestens 3 Monaten mit ständig rezidivierenden (= wiederkehrenden) Geschwüren vor ihren unteren Schneidezähnen herum. Sie halten 3 bis 4 Wochen an, verschwinden kurz um in wenigen Tagen an fast gleicher Stelle wieder zu erscheinen. Besonders unangenehm für die Patientin sind die damit verbundenen Schmerzen, die sie veranlassen zuerst den Hausarzt und auf dessen Geheiß dann den HNO und den Zahnarzt aufzusuchen.

hs2Im Juni 2013 verordne ich der Patientin 100 Stück 400mg Aciclovir Tabletten, um den vermuteten Herpes Ausbruch zu dämpfen. Leider ohne erkennbaren Erfolg, weshalb die Patientin von mir im Juli symptomatisch mit Diclofenac behandelt wird. Als sie dann im August einen neuen Anfall erleidet, erhält sie von mir ein Rezept mit 100 Tabl. 300mg Carbamazepin.

Tags darauf ruft mich ihr Hausarzt an und interviewt mich hochnotpeinlich, was ich mir denn dabei gedacht hätte. Ich erläutere dem Kollegen in aller Kürze, dass a) ich mich seit Jahren mit Dauerschmerzen im Gesicht auseinandersetze, b) meiner unbescheidenen Meinung nach die ständigen Geschwüre auf Herpes simplex Viren im Trigeminus zurückzuführen seien und c) nicht die Geschwüre das Hauptproblem für die Patientin darstellten, sondern die Schmerzen. Und das Standardmedikament bei Trigeminusschmerzen allgemein ist nun einmal Carbamazepin. Damit gibt sich der Kollege zufrieden.

Heute erscheint Frau H.S.(77) und erklärt mir freudestrahlend, dass jetzt Ruhe an der Schmerzfront sei. Endlich. Und zwar durch die zuletzt verschriebenen Tabletten.

 


 

Gestern ruft Frau N.N. (44) *) aus B. an, die vor 2 Wochen einen Schmerzberatungstermin (Privatveranstaltung Euro 130,–) bei mir hatte.  Nur ein paar Highlights aus ihrer Schmerzkarriere:

  • Wurzelbehandlung nach professioneller Zahnreinigung 2009, vorher keine Beschwerden, der Zahn war vermutlich völlig intakt.
  • 2013 wegen unklarer „Zahnschmerzen“ nacheinander aufgebohrt: 35, WF angefangen, 27 WF revidiert, 26 WF Revision angefangen, zum Schluss den völlig unschuldigen 36 aufgebohrt und vitalexstirpiert (= Nerv entfernt) . Jedes Mal eine Steigerung der Schmerzen erfahren und beim 36 den absoluten Höhepunkt nach Nachlassen der Anästhesie. Schmerz jetzt bei VAS 8 von 10 Möglichen.
  • Seitdem aufbauende Schmerzen von morgends beginnend mit der Stärke 2 bis nachmittags, ab 14:30 (Zitat: „Kann ich die Uhr nach stellen“) Steigerung auf VAS 7 bis 8. Verschlimmerung durch Bewegung, durch Sonne und Wind.

Frau N.N. erhält von mir in der Beratungssitzung das Standard Medikamenten Rezept verschrieben mit Carbamazepin, Amitriptylin und Gabapentin und der Maßgabe in 2 Wochen Rückmeldung zu geben. Das war gestern. Der Schmerz hat sich bei ihr auf ein Niveau von VAS 2-3 nachmittags eingependelt, mithin also um ca. 70% verbessert. Sie ist angewiesen, in den nächsten Monaten die angefangenen Wurzelbehandlungen nach der Timbuktu Methode zu Ende zu bringen und dann noch mindestens 6 weitere Wochen die Medikamente zur Beruhigung des Trigeminus einzunehmen.

*) Name verändert

 

Kommentar

Carbamazepin erweist sich immer öfter als Schlüsselmedikament. Dass es die Schmerzen bei Herpes Ausbrüchen im 3. Trigeminus Ast praktisch ausschaltet, ist auch mir neu.

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