Zahnärzte sehen das, was sie sehen wollen

Vorgestern war ich mit Kollegen zusammen zu einem Art Stammtisch. Wir alle kommen aus der VDZM/DAZ Standespolitik und vertreten gegenüber dem Durchschnitts Zahnarzt eher patientenfreundliche Thesen. Zum Beispiel: Wurzelbehandlungen sind überall auf Kasse möglich, Amalgam sollte der Zahnarzt zumindest anbieten können (u.a. für sozial Benachteiligte), der Zug in Richtung einer reinen Privatzahnmedizin ist zutiefst unsozial und sollte berufspolitisch nicht gefördert werden.

Okay. Irgendwann im Laufe des Abends kam das Gespräch auch auf meine Zahnfilm.de Seite und dazu meinte Dr. Thomas B. (51) prompt: „Solche Patienten sehe ich nicht in meiner Praxis.“ . Dr. Jürgen S. (67 und noch aktiv) bestätigte diese Sicht, schließlich wären 99,9% aller Mund- und Gesichtsschmerzen zahnverursacht. Man müsse nur ordentlich suchen.

Dagegen setzte ich, dass wohl 97,5% aller Schmerzen im Zusammenhang mit den Zähnen stehen, aber der verbleibende Rest von 2,5% neurologischen Ursprungs seien. Die folgende Debatte überzeugte die Kollegen – wie zu erwarten war – nicht davon, dass hier ein erhebliches Aufklärungsdefizit der Behandler vorliegt.

Woran kann es liegen, dass die Zahnärzteschaft zum größten Teil nicht glauben will, dass es schlimme bis schlimmste Zahnschmerzen ohne Zahnbeteiligung bei etwa 2 – 3% der Bevölkerung gibt?

Die Uni lehrt es nicht.

Alle frischen Zahnarzt Examenskandidaten lernen, was eine Trigeminus Neuralgie ist, aber keiner (!) wird darüber informiert, dass es einen damit verwandten Schmerz gibt, der sich wie Zahnschmerz anfühlt.

Die Uni weiß es nicht.

Es gibt in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl, der sich mit neuropathischen Mund- Gesichtsschmerzen beschäftigt, wohl aber viele, die sich dem Schwerpunkt „CMD“ verschrieben haben. Kürzlich befand sich eine Patientin bei mir in spezieller Schmerzberatung (Euro 130), die vor dem Hintergrund ihrer akademischen herausragenden Bildung bereits viele Universitätsprofessoren zur Diagnose und Behandlung ihrer jahrelangen Starkschmerzen gesehen hat. Darunter Uni Mainz, Hannover und Münster.  In letzterer bietet Frau Privatdozentin Dr. A.W. eine spezielle Schmerzsprechstunde an. Originalzitat der Patientin dazu: „die hat keine Ahnung.“ [von diesen Schmerzen].

Mythen und Sagen der Zahnmedizin.

Für die deutschen Zahnmediziner teilt sich der Schmerz im Mund und Gesicht zu etwa 90% in zahnbedingte Ursachen (Pulpitis, Ostitis, PA), 8% CMD (Kiefergelenk/Muskulatur) Schmerz und einen kleinen Rest Verschiedenes (z.B. Psychosomatik, Schleimhauterkrankungen, Krebs etc.) ein. So in etwa behauptet das die derzeitige Lehre an der deutschen Uni. Das Vorkommen von 2,5% härtester Dauerschmerzen im Mund und Gesicht wird unterschlagen. Gleichzeitig erhält der angehende Zahnarzt den Eindruck, dass alle Schmerzen, die nicht eindeutig zuzuordnen sind, mehr oder weniger von „CMD“ verursacht werden. Das schillernde Chamäleon „CMD“ ist nun aber selbst alles andere als wissenschaftlich geklärt. Die Mehrheit der deutschen Zahnmediziner glaubt beispielsweise noch, dass bei „CMD“ Schmerzen die Okklussion eine wesentliche Rolle spielt und deshalb immer Schienen angezeigt sind. Schaut man sich dazu die wissenschaftliche Versuche an (nicht die alten deutschen, sondern aktuelles aus Welt außerhalb Deutschlands, Österreichs und Japans), wird einem eher das Gegenteil nahegelegt. Kurz: CMD Schmerzen gibt es, treten aber seltener auf, als immer behauptet wird und die Patienten leiden, was die Schmerzstärke und -dauer angeht, weniger als die 2,5% aller Menschen mit Trigeminus Neuropathie.

Doktorhopping.

Alle Patienten mit neurologisch verursachten Zahnschmerzen wandern praktisch ausnahmslos  von Zahnarzt zu Zahnarzt. Durchschnittlich sind 6 (!) aufeinanderfolgende Behandler am Werk. Und weil Zahnärzte selten bis nie eine ausführliche Krankengeschichte erheben – und ich meine damit ein Zuhören und Aufschreiben von nicht weniger als 30 Minuten – geht bei jedem Zahnarztwechsel die wichtigste Information verloren und die heißt: Egal was jeder Zahnarzt im Mund veranlaßt, er verschlimmert mit jedem Eingriff die Situation. Wenn der 5. Zahnarzt wüßte, dass bereits 4 vor ihm an der gleichen Stelle scheiterten, würde er möglicherweise ins Grübeln kommen. Grübeln darüber, ob wirklich alle Behandler vor ihm Nichtsnutze waren, und auch Grübeln, ob das bisher gelernte Wissen tatsächlich reicht, solche Schmerzfälle zu beschreiben. Aber selten nimmt er sich die Zeit, über solches nachzudenken. Lieber läßt er schnellstmöglich den Patienten seinen Mund öffnen, um dort die „Wahrheit“ mit der Lupenbrille zu suchen.  Im Falle neurologischer Prozesse ist das als untauglichen Versuch zu werten. Dazu glaubt er lieber daran, dass die Vorbehandler alle blind und dumm gewesen sein müssen, als dass ein Schmerz vorliegen könnte, den kein Bohrer, Skalpell oder Zange beseitigen kann.

Bei Misserfolg Zahnarztwechsel

 Typischerweise fertigt jeder neue Nachbehandler gerne Röntgenbilder an, überweist zum DVT und MRT, setzt Schienen ein, betreibt im günstigen Fall nur Pseudobehandlung wie „Taschenreinigung“ oder Einsalben mit Donti und greift im ungünstigen Fall zu stärkeren Mitteln wie Wurzelbehandlung, Wurzelspitzenresektion und Extraktionen. Wenn der Schmerz – wie so oft bei neuropathischen Schmerzen – dadurch verschlimmert wird, bekommt das der Behandler regelmäßig nicht mit, weil die Patienten vom Nichtskönnen des aktuellen Behandlers überzeugt sind und zum nächsten Zahnarzt wechseln. Die fehlende Rückmeldung läßt den vorigen Behandler glauben, seine Behandlung habe gefruchtet. Drum ist er auch sicher, dass es so etwas wie „unbehandelbare Zahnschmerzen“ nicht gibt.

Keine Gesamtschau

Die einzigen, die die Gesamtschau haben, also mitverfolgen können, wie systematisch Gebisse zerstört werden, weil Zahnärzte verbissen mit Handwerkermethoden dem „Phantomschmerz“ beikommen wollen, im Ergebnis den Schmerz aber verschlimmern, das sind die betroffenen Patienten, genügend Wissenschaftler außerhalb Deutschlands und der Inhaber von Zahnfilm.de. Letzterer (Joachim Wagner, Zahnarzt) hat durchschnittlich 2 mal die Woche Beratungssitzungen von Härtefallen mit Trigeminus Neuropathie, wo sich nahezu durchgehend das Muster oben zeigt: Zahnärzte sind neurologisch ungebildet und wollen das Offensichtliche nicht sehen; nämlich dass der Trigeminus schuld ist. Und das bei mindestens jedem 50. Patienten, der wegen Schmerzen kommt.

2 Replies to “Zahnärzte sehen das, was sie sehen wollen”

  1. RE: Zahnärzte sehen das, was sie sehen wollen
    Wichtig ist das mal jemand was tut und das aufschreibt was er sich denkt und andere das lesen können weil sich dann jeder seine eigenen Gedanken machen kann.
    Ich selbst folge diesen Beispiel auch und habe einen Blog wegen meiner Zahnarztphobie geöffnet.
    http://zahnarztangst.over-blog.com/

  2. RE: Zahnärzte sehen das, was sie sehen wollen
    @Hr. Wagner,

    und wenn ich darf würde ich immer wieder gern mal von dieser Seite zitieren natürlich mit Quellenangabe.

    Herzliche Grüße

Schreibe eine Antwort zu Mulder Antwort abbrechen