CMD: Klare Worte vom US-Gesundheitsministerium

lessisbest.jpgLess is often best = Weniger ist häufig am besten. Sagt die Non-profit Organisation TMJA und verweist gleichzeitig auf eine Stellungnahme des US Gesundheitsministeriums zum Thema TMD (Nur für Deutsche: CMD), also den Schmerzen um das Kiefergelenk herum.

 

Zentrale Sätze aus der offiziellen Stellungnahme

 

Einteilung der TMD (nach RDC/TMD)

1. Myofasziale TMD = Schmerzen in den Kaumuskeln, die oft ausstrahlen und durch Triggerpunkte auslösbar sind. Kann chronifizieren.

2. Verrutschte Gelenkscheibe, verläuft regelmäßig gutartig.

3. Arthritis (= Entzündung) des Kiefergelenks z.B. durch Psoriasis, Verlauf von der Grunderkrankung abhängig.

 

Was verursacht eine (myofasziale) TMD?

Ein schlechter Biss wird von der wissenschaftlichen Forschung inzwischen als Ursache einer TMD abgelehnt. Auch das schmerzfreie Knacken im Gelenk hat keinen Krankheitswert. Wir wissen bis heute nicht genau, welche Bedingungen eine TMD auslösen.

 

Wie sehen die Symptome einer myofaszialen TMD (=M-TMD) aus?

  • austrahlende Schmerzen in das Gesicht, den Kiefer und den Nacken
  • verhärtete und steife Kaumuskeln
  • verkleinerte Mundöffnung oder Blockierung
  • schmerzende Geräusche

 

Wie wird TMD diagnostiziert?

Bis heute gibt es kein einheitliches Erfassungssystem, das in der Praxis angewendet wird, trotz des  Erscheinens des Klassifikationssystem „RDC/TMD“ in 1992. Für Deutschland: die Lehre an den deutschen Universitäten hat bis heute immer noch Schwierigkeiten mit der amerikanischen Einteilung nach „RDC/TMD“ *)  Darum ist es nicht verwunderlich, dass der deutsche Zahnarzt mit dem Begriff „M-TMD“ eher selten etwas anfangen kann.

*) Vermutlich wegen a) Fremdsprache, und b) „not invented here“ Syndrom

 

Wie wird M-TMD behandelt?

Weil die am häufigsten auftretenden Schmerzen im Kiefergelenk und der Kaumuskulatur nur vorübergehend sind und sich nicht verschlimmern, ist die einfachste Behandlung die beste Behandlung:

Selbstbehandlung

  • weiches Essen,
  • Kühlung der Wange,
  • Vermeidung großer Mundbewegung,
  • Erlernung von Selbstberuhigungs Techniken,
  • Übung mit sanften und leichten Bewegungen des Kiefers

Medikamente

Wenn anfänglich der Schmerz im Vordergrund der Beschwerden steht, kann auch das vorübergehende Einnehmen von NSAIDs (= nicht steroidale Anti Entzündungsmittel) wie z.B. Ibuprofen hilfreich sein.

 

Schienen

Zwar sind Schienen das am häufigsten eingesetzte Behandlungsmittel bei TMD, jedoch sind die wissenschaftlichen Studien zur Bestimmung ihrer Effektivität gegen TMD Schmerzen widersprüchlich. Wenn Schienen eingesetzt werden, sollte das nur für kurze Zeit geschehen und sie dürfen auf keinen Fall den Biss dauerhaft stören.  Wenn die Schiene Schmerzen verursacht oder den Biss verändert, dann hören Sie sofort auf, sie zu benutzen.

Botox

Die Studien zur Behandlung von TMD mit Botox sind widersprüchlich.

 

Irreversible (nicht umkehrbare) Behandlungen

Irreversible Eingriffe, die sich als nicht effektiv erwiesen haben – und möglicherweise die Lage verschlimmern –  sind diese:

  • Kieferorthopädie zur Änderung des Bisses
  • Kronen und Brücken um den Biss z.B. in eine „Zentrik“ Position zu bringen
  • Einschleifen des Gebisses zur Ausbalancierung des Bisses, genannt „okklussale Adjustierung“
  • Repositionierungs Schienen, die den Biss dauerhaft ändern

 

Chirurgie

Andere Arten von Behandlungen, wie chirurgische Eingriffe, dringen in das Gewebe ein. Chirurgische Behandlungen sind umstritten, oft irreversibel und sollten möglichst vermieden werden. Es gibt keine langfristigen klinischen Studien, die die Sicherheit und Wirksamkeit von chirurgischen Behandlungen für Kiefergelenkerkrankungen untersuchen. Noch gibt es Normen, die die Menschen identifizieren, die wahrscheinlich von der Operation profitieren würde. Ein Versagen der konservativen Behandlung bedeutet nicht automatisch, dass eine Operation notwendig ist. Wenn eine Operation empfohlen wird, achten Sie darauf, dass der Arzt Ihnen erklärt, in Worten die Sie verstehen können, den Grund für die Behandlung , die damit verbundenen Risiken und andere Arten der Behandlung, die verfügbar sind.

 

Kiefergelenk Prothesen

Chirurgischer Ersatz der Kiefergelenke mit künstlichen Implantaten kann zu starken Schmerzen und dauerhaften Schäden am Kiefer führen. Einige dieser Geräte können irgendwann nicht richtig funktionieren oder im Kiefer im Laufe der Zeit auseinanderbrechen. Wenn Sie bereits Kiefergelenkchirurgie gehabt haben, sollten Sie sehr vorsichtig sein in Hinblick auf zusätzliche Operationen. Personen, die schon mehrere Operationen am Kiefergelenk hatten, weisen in der Regel eine schlechte Prognose für eine normale schmerzfreie  Gelenkfunktion auf. Vor jeder Operation am Kiefergelenk ist es extrem wichtig, andere unabhängige Meinungen zu bekommen und die Risiken zu verstehen.

Die US Food and Drug Administration (FDA ) überwacht die Sicherheit und Wirksamkeit von medizinischen Geräten, die in den Körper implantiert werden, darunter künstliche Kiefergelenkimplantate. Patienten und ihre Gesundheitsdienstleister mit ernsthaften Problemen mit Kiefergelenkimplantate, können diese an die FDA durch MedWatch bei www.fda.gov/medwatch oder telefonisch gebührenfrei unter 1-800-332-1088 melden.

 

Kommentar

Die letzten beiden Absätze über Chirurgie und Kiefergelenk Implantate beziehen sich auf Besonderheiten im USA Gesundheitsmarkt. Ein Ausflug in das US-Forum „TMJ-Disorder“ zeigt, dass ein erschreckend großer Teil der Betroffenen a) weiblich, b) häufig unter 30 Jahren alt, und c) entweder bereits mit stark schmerzenden Kiefergelenks Prothesen der Marke „TMJ Concepts“ „versorgt“ sind, oder auf dem Weg dahin. Ein übler Fall heißt TMJ Surgery #22 . Warum in den USA ausgerechnet der Maximal Eingriff „Kiefergelenk Prothese“  als quasi Standardbehandlung etabliert wurde, kann hier aus Platzgründen nicht ausgeführt werden. Er stellt aber einfach nur den größtmöglichen Unsinn bei TMD dar.

Beide Absätze sind als Warnung an die beteiligten Ärzte zu sehen. Kommt es infolge einer Verschlimmerung durch die Chirurgie zu einem Prozess, steht der Zahnarzt wegen der hier offiziell niedergelegten Warnung vor der Chirurgie praktisch mit dem Rücken an der Wand.

Nicht viel besser ergeht es US-Kollegen, die sich im Jahr 2014 noch dabei erwischen lassen, eine M-TMD mit „Einschleifen des Bisses“, Komplettüberkronung zwecks Neuerfindung des Bisses oder dauerhaften Bissänderungen mit Schienen  behandeln zu wollen. Alle diese Maßnahmen sind expressis verbis (= ausdrücklich) als uneffektiv und teilweise schädlich gebrandmarkt.

In einem folgenden Beitrag werde ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) die groß angelegte Lanzeitstudie „OPPERA“ (= Oral Pain: Prospective Evaluation and Risk Assessment) von 2005 bis 2012 mit mehreren Tausend Patienten und hoher finanzieller Förderung durch die US-Gesundheitsbehörde vorstellen. Die Studie geht der Frage nach: Was sind die Hauptrisiken bei der Entstehung einer M-TMD? Welchen Beitrag liefert die Genetik, wie sehen die psychosoziologischen Daten des typischen M-TMDlers aus?

 

Wissenschaftliche Beweise

Gehen Sie als Leser dieses Artikels davon aus, dass jeder einzelne Satz des amerikanischen Originals durch korrekt und vielfach durchgeführte Studien abgesichert ist. Nur ein Beispiel: „Irreversible treatments that have not been proven to be effective – and may make the problem worse – include orthodontics to change the bite“. Kieferorthopädie nützt bei TMD nichts. Der Sachverhalt ist bis zum Erbrechen untersucht worden. Bei Google scholar z.B. finden sich 1860 Papiere mit dem Suchwort „orthodontics TMD“ nur für den Zeitraum 2013-2014.

Dass in Deutschland auch im Jahr 2014 noch munter an der CMD Theorie „Der Biss ist ganz wichtig“ weitergebastelt wird, wie z.B. hier „Axiographische Darstellung möglicher Unterschiede in der Bewegungsbahn bei okklusions- und kalottenschienengeführter Kondylenbewegung“ Doktorarbeit an der Uni Göttingen oder auch hier: „Systematische additive Okklusionstherapie –Wann, warum, wie, und dann? B Imhoff – Zeitschrift für Kraniomandibuläre Funktion, 2013 – cmf.quintessenz.de, das steht auf einem anderen Blatt.

Ich denke, dass sich 2030 auch in Germanien die Standards der Wissenschaft an die der  führenden Wissenschaftsnation angenähert haben werden.

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