Messwerte für den Mund

Eine qualitätsorientierte Versorgung von Patienten muss sich auch Gedanken über eine ausreichende Dokumentation der aktuellen Mundsituation machen. Was nutzt die großartige Füllungstherapie, wenn das Kariesrisiko unbeachtet bleibt und alle 3 Monate eine neue Großbaustelle auftaucht? Oder wo ist der Sinn einer kostenträchtigen endodontischen Spitzenleistung an einem Zahn, der einen Knochenabbau von 70% hat. Da zeigt sich ganz offensichtlich, dass das optimale Management eines Patienten eben nicht in der Verfolgung bestimmter praxiseigener Lieblingsbehandlungen besteht, sondern in der Erfassung und Betrachtung des gesamten Bildes.

Dafür bieten sich Indices an, also Zahlen zur Beschreibung genau festgelegter Zustände an. Es gibt bereits eine Reihe von solchen Indices (Einzahl = Index):

  • API – aproximaler Plaque Index = Menge an weichem Zahnbelag im Zahnzwischenraum, geht von 0% bis 100%, 100% ist ganz schlimm.
  • SBI – Sulcus Blutungs Index = Wieviel Prozent aller Zähne hat bei leichter Berührung Zahnfleischbluten? Geht von 0% bis 100%, 100% ist ganz schlimm.
  • PSI – Parodontaler Screening Index = Wie hoch ist der Behandlungsbedarf an Zahnfleischmaßnahmen? Geht von 0 bis 4, und 4 ist schlimm.
  • DMF/T – Decayed Missing Filled Teeth = die Zahl der kariösen, fehlenden oder gefüllten Zähne im Mund. Geht von 0 bis 28 (Weisheitszähne sind ohne Belang), 28 ist am schlimmsten.

Zu diesen lange existierenden Maßstäben sollten weitere hinzugefügt werden:

  • K – der Kariesindex = wie stark ist die aktuelle Neukariesgefahr? Skalenvorschlag 0 bis 4, und 4 steht für "höchstes, nicht kontrollierbares Kariesrisiko mit mehr als 3 neuen Kariesstellen im Mund pro Jahr",
  • KNI – der Knirschindex = Stärke der Knirsch/Press Aktivitäten. Skalenvorschlag 0 bis 4, und 4 steht für "außer Kontrolle geratenes Höchstkraftknirschen mit häufigen Brüchen aller im Mund befindlichen Strukturen. Erfordert das Management durch einen Knirsch-Spezialisten"
  • SHB – Schleimhautbefund = zeigt Auffälligkeiten der Schleimhaut an. Skalenvorschlag 0 bis 4, und 4 steht für "Verdacht auf maligne Veränderung (Krebs), Probeentnahme zwingend notwendig"
  • NPa – Neuropathischer Befund = Wichtig für etwa 5% der Patienten, die sich durch Höchstempfindlichkeit der Zähne und/oder chronischen Kieferschmerzen auszeichnen. Skalenvorschlag 0 bis 4, und die 4 steht für "Dauerschmerzen seit mehr als 6 Monaten im Kiefer/Gesicht mit einer Attackenstärke von VAS > 5 über mehr als 3 Stunden pro Woche ohne erkennbare Ursache"
  • IAT*) – Psychiatrischer Befund = etwa 10% aller Patienten haben eine chronische Störung in Form von Depressionen und/oder Angststörungen. Skalenvorschlag 0 bis 4, wobei die 4 für eine "starke Störung mit gravierenden Auswirkungen auf das tägliche Leben" steht, die typischerweise auch ursächlich für den Arztbesuch ist. *) die naheliegende Abkürzung PSY ist wegen der Verwechslungsgefahr mit dem PSI unglücklich.
  • Sub – Substanzmissbrauch = weitere 10% aller Patienten leiden unter Süchten nach Substanzen. Dazu zählen: Tabak, Alkohohl, Medikamente und – weit abgeschlagen – illegale Drogen. Auch hier der Skalenvorschlag 0 bis 4, wobei die 4 für "extreme Abhängigkeit des Patienten von der Substanz mit gravierenden Auswirkungen im privaten und beruflichen Umfeld wie Arbeitsplatzverlust, Scheidung …" steht.

Es ist offensichtlich, dass jeder einzelne hier aufgeführte Zusatzindex im Extremfall eine vernünftige zahnärztliche Behandlung zunichte machen kann. Jugendliche mit einem K=4 Risiko werden mit einer Bohrbehandlung mit Kunststoff ganz sicher nicht glücklich. Einer NPa=4 Patientin im Alter von 40 Jahren darf man keine "Quadrantensanierung" angedeihen lassen, die wird vorhersagbar scheitern. Und wer als Zahnarzt bei IAT=4 prothetische Neuversorgungen wagt, wird lernen, dass mit harten psychiatrischen Diagnosen nicht zu spaßen ist.

Warum solche Indices bisher in keinem Fortbildungsangebot vertreten sind – das wissen die Götter (vermutlich die Götter des Mammons).

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