Ca-OH (Kalzium-Hydroxyd) reicht zur Desinfektion von Wurzeln nicht aus

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Schon lange gibt es aus der (Zahnarzt) Praktikerszene den geäußerten Verdacht, dass das Allheilmittel der Theoretiker, nämlich Ca-OH, auch als gemeiner Kalk bekannt, gar nicht so großartig funktioniert, wie das immer wieder von bestimmter Seite vorgetragen wird.

Hintergrund: In den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verwendete der Normalzahnarzt im deutschsprachigen Raum im bakterienverseuchten Wurzelkanal als Desinfektionsmittel oft bestimmte Phenole, z.B. ChlorKampferMenthol (CHKM). Auch die Pasten für die Behandlung von offenen Zahnnerven in Milchzähnen enthielten regelmäßig eine gute Portion an Kresol, Formol u.ä. Aus wissenschafts-geschichtlichen Gründen gerieten diese Mittel zunehmend in die Kritik und wurden in der Folgezeit peu a peu aus den Lehrbüchern und der Ausbildung verdrängt.
Als zulässige Alternative zur Desinfektion von Wurzelkanälen wird seitdem die Einlage einer Paste aus Kalk und Wasser propagiert. Das soll zusammen mit der mechanischen Reinigung  und der Spülung der Hauptkanäle mit Natrium-Hypochlorid (in den USA als Universal Putzmittel "Bleach" in jedem Supermarkt erhältlich) für eine Desinfektion der gesamten Wurzel ausreichen.

Es mehren sich in den letzten Jahren immer deutlicher die Beweise, dass das so nicht stimmt:

1. Waltimo et.al. zeigen 2005, dass infizierte Wurzelkanäle nach einer Woche Einlage mit Ca-OH in etwa 30% aller Fälle noch lebende (!) Bakterien enthalten und dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Positiv Kontrolle nach einer Woche und apikalen Ostitiden nach einem Jahr nach Wurzelfüllung gibt.
2. Chu FC et.al. zeigen 2006, dass die mehrtägige Einlage von a) Ledermix, b)Septomixine und c) Calasept (=Ca-OH)  zu folgenden Bakterienfunden führt: a) 48%, b) 31%, c) 31% aller so behandelten Wurzelkanäle enthalten lebende Mikroben, vor allem Staphylokokken.
3. Valera MC et.al. zeigen 2001, dass 5 verschiedene Einlagen in Wurzelkanäle unterschiedliche Killraten gegen candida albicans (weißer Pilz) aufweisen. Hier sind die Killraten nach 14 Tagen bei 37 C:

  • "camphorated paramonochloro phenol" (CPMC) = 100%,
  • Ca-OH gemischt mit CPMC = 70%,
  • 1% Natrium-Hypochlorid  = 70%,
  • Tricresol Formalin = 60%,
  • 2% Iodin/Iodat Lösung = 50%,
  • Ca-OH Paste = 30%,
  • Kochsalzlösung = 0%.

Diese kleine Auswahl von vielen anderen ähnlich ausgehenden Untersuchungen lassen doch erhebliche Zweifel an der sagenhaften Wirkung von Kalk im Wurzelkanal zu.

Dazu im völligen Kontrast stehen aktuelle Verlautbarungen der Deutschen Gesellschaft für Zahn- Mund und Kieferheilkunde (DGZMK), die in einem ganz frischen Statement zur "Behandlung endodontischer Schmerzfälle" in der DZZ Ausgabe August 2007 völlig unbeeindruckt schreibt:

Empfohlenes Vorgehen bei einer irreversiblen Pulpitis:
…. Präparation und Desinfektion des Endodonts, Applikation einer temporären desinfizierenden Einlage (vorzugsweise Kalziumhydroxidsuspensionen) oder definitive Füllung …

…. zu vermeiden sind …. die Verwendung von chlorphenol- und formaldehydhaltiger Präparate"

Tipp: wenn ich Vorstandsmitglied im DGZMK wäre, würde ich mir allmählich eine Wendehals-Strategie überlegen, nach dem Motto: "ich habe ja schon immer gesagt, dass Ca-OH noch nicht der Weisheit ….."

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