Schmerzkongress in Berlin mit 4 Zahnmedizin-Dozenten

Lesen Sie auch die Artikel CMD Behandlung in Wirklichkeit  und Zahnfilm DE kommt vorwärts: US-amerikanische Organisation gegründet

Der diesjährige deutsche Schmerzkongress fand vom 24. Okt. 07 bis 27. Okt. 07 in Berlin statt. Aus ca. 250 Einzelvorträgen mit ebensovielen Rednern konnten die 2.500 Teilnehmer auswählen. Die Themen reichten von „Schmerzgenen“, über „Opioide in der Versorgungslandschaft“ bis zum „Neuropathischen Rückenschmerz“.
 Unter der Kategorie „Interdisziplinäre Therapiestrategien bei unterschiedlichen Formen von Mund- und Gesichtsschmerzen“ trugen 3 Dozenten in 90 Minuten diese zahnmedizinischen Themen vor:

  1. „Therapieempfehlungen bei myofaszialen Schmerzen“ vorgetragen vom Zahnmediziner Dr. H.J. Schindler, Karlsruhe. 40 Jahre lang habe es bei den Zahnmedizinern immer geheißen, dass die Okklusion eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Muskelschmerzen im Gesicht spielen würden. Aufgrund umfangreicher eigener Analyse aller dafür zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Daten (Medline, Cochrane, alle deutschsprachigen Journale) müsse man heute davon ausgehen, dass ein solcher Zusammenhang nicht existiert. Konkret empfiehlt der praktisch tätige Kollege: seine Patienten malen eine Ganzkörperzeichung mit ihren Schmerzzonen in Rot aus. Dabei zeige sich häufig eine viel größere Schmerzverteilung bis hin zum Vollbild der Fibromyalgie. Und 70% aller Schmerzleidenden sind weiblich. Gleichberechtigt zur Schienenbehandlung kommen auch in Frage: Rezeptierung von Cyclobenzaprin (in Deutschland nicht erhältlich), Katadolon und auch Paracetamol. Das Einschleifen von Zähnen und die Funktionsanalyse sind heute obsolet (= veraltet).
  2. Dr. E. Busche, Witten-Herdecke, trug „Therapieempfehlungen bei Arthralgie und aktivierter Arthrose“ in Vertretung für Prof. Dr. A. Hugger, D-dorf vor. Chirurgische Eingriffe im Kiefergelenk sind heute als obsolet zu betrachten. Selbst der Versuch, durch Schienen eine Bissänderung zur Behandlung von Schmerzen herbeizuführen, ist nicht mehr durch Evidenz gedeckt. Bei Verdacht auf allgemeinmedizinische Ursachen wie rheumatische Arthritis oder Psoriasis sollte an den Facharzt überwiesen werden. Der unangenehmste „Kiefergelenkfall“ sind Menschen mit dem Phantom-Biss. Es handelt sich um Zeitgenossen, denen eine winzige Änderung am Biss durch den Zahnarzt unverhältnismäßige Beschwerden verursacht. Die Verdachtsdiagnose lautet hier:  Psychopath.
  3. Und schließlich übernahm Prof. Dr. J.Türp, Basel den Part „Therapieempfehlungen bei atypischer Odontalgie, anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerzen und idiopathischem Mund- und Zungenbrennen“. Der eingängige Merksatz des Professors war: „Was bei den Humanmedizinern der unspezifische Rückenschmerz ist, das ist in der Zahnmedizin der myofasziale Schmerz in den Muskeln. Und Schmerzen im Kiefergelenk entsprechen denjenigen im Iliosakralgelenk.“ – Für die Nichteingeweihten: der unspezifische Rückenschmerz ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die Ursache ist praktisch unbekannt und die Behandlung immer noch ein Trauerspiel. Operiert man diese Fälle, kommt es nicht selten zu Verschlimmerungen der Schmerzen. Überwiegend werden deshalb hauptsächlich die Methoden angewandt, die möglichst wenig ändern: Physiotherapie, Injektionen mit Cortison, Akupunktur, Rückentraining … Damit ist aber einem großen Anteil der Betroffenen nicht zu helfen. Diesen Patienten bleibt häufig nur die Einnahme von Schmerzmitteln bis zu den Opioiden übrig. Zurück zum Kiefer(gelenk)schmerz: Mindestens eben so wichtig, wie das Anfertigen von Schienen, ist das Aufklärungsgespräch des Zahnmediziners mit dem Patienten. Der Inhalt sollte sein: das ganze Schmerzgeschehen ist gutartig; es verschwindet in vielen Fällen von ganz alleine und zieht keine langfristigen Schäden nach sich. Eine solche Beruhigung des Patienten hilft mindestens so viel, wie das Anfertigen von Schienen. Darüber gibt es hochwertige Studien. Phantomschmerzen an Stellen, wo keine Zähne mehr sind, behandelt er selbst mit Injektionen von 1,7 ml Articain ohne Vasoconstrictor. Bei Zungenbrennen ist zunächst eine umfangreiche Ausschlußdiagnostik sinnvoll. Das echte Zungenbrennen läßt sich mit einer 0,025% Capsaicin Salbe behandeln, alternativ auch mit Clonazepam als Lutschtablette.

Kommentar: die Behandlungsempfehlungen der 3 Kollegen sind deckungsgleich mit denjenigen hier auf der www.zahnfilm.de Seite. Das Bemerkenswerte an den Vorträgen ist aber, dass hier erstmalig in dieser Deutlichkeit Stellung bezogen wird. Das kann damit zusammenhängen, dass das Publikum im überfüllten Hörsaal zu 95% aus Humanmediziner bestanden hat. Ganz charakteristisch war die Antwort von Dr. Schindler auf die Frage einer Zuhörerin „wie finde ich denn jetzt einen qualifizierten Zahnarzt für RDC/TMD (zur Zeit anerkannteste Klassifizierung von Kiefer(gelenk)schmerzen) für meine Patienten?“ Dr. Schindler: „Das ist schwierig, denn die selbsternannten TMD oder CMD Spezialisten in Deutschland sind in der Regel noch auf dem Holzweg Funktionsanalyse etc.“ Das nenne ich Klartext und dazu gleich von 3 Sprechern.

Kommentar verfassen