„Instrumentelle Funktionsanalyse“ mit zu vielen Fragezeichen

Lesen Sie dazu auch die Artikel  Okklusale Korrekturen sind bei TMD (=CMD) nicht besser als Abwarten   und CMD … und das Wissen dazu ist begrenzt   aus der Rubrik Biss, Knirschen und ‚Funktion‘

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Der ein oder andere Leser wird diese Fotoserie wiedererkennen. Unser Wochenblatt DZW hatte unlängst unter der Überschrift "Gezielte instrumentelle und klinische Funktionsanalyse" einen Artikel veröffentlicht, den der Schreiber unter dem Untertitel zusammenfasst: "Stefan Taubmann über den Einsatz verschiedener Diagnostikinstrumente am Beispiel einer Patientin mit CMD". Wir erfahren vom Behandler, was für einen CMD Gerätefuhrpark er für sein eigenes Patientengut bereithält und wie damit so die Kiefergelenke vermessen und behandelt werden.

Konkret berichtet er dann von dieser 57-jährigen Patienten, dass sie 1995/1996 in der eigenen Praxis konservierend und prothetisch saniert worden sei. Dann gab es plötzlich Schmerzen links im Unterkiefer, wann, steht allerdings nicht im Bericht. Auf dem Gipsmodell Abbildung 5 hat es ein Datum: 06.06.07 als Anhaltspunkt. Jetzt Originalzitat "Weiterhin klagte die Patientin über unklare Beschwerden im linken Unterkiefer. Eine Wurzelkanalbehandlung am Zahn 36 sowie die Extraktion von 37 nahmen ihr zwar die Schmerzen, aber undefinierbare Beschwerden persistierten. Im Laufe der Zeit manifestierten sich starke keilförmige Defekte im zervikalen Bereich von 36 und 23. Seit geraumer Zeit klagte die Patientin zusätzlich über Schulterbeschwerden rechts, Kribbeln in der rechten Hand und Rückenverspannungen …."

 Dann läßt der Meister die große Funktionsanalyse, also die CMD (Cranio Mandibuläre Dysfunktion) Analyse mit möglichst viel Aufwand, wie sie die andeutungsweise auf den Bildern wiedergegeben ist, folgen Dabei geht es u.a. darum, Störfaktoren des Bisses zu erkennen, die angeblich ursächlich für Schmerzen und Bewegungsstörungen sein sollen. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei auch die Tatsache, dass diese "Funktionsanalysen" regelmäßig damit enden, dass vom Zahnarzt die Notwendigkeit für neue Kronen festgestellt wird. 

 

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Hier hat der Behandler aber dieses Modell vor Beginn der Behandlung abgelichtet. Darauf ist unzweifelhaft zu sehen, dass a) Zahn 37 schon lange fehlt, und b) der Zahn 35 noch steht, über dessen Schicksal wir bisher aber gar nichts erfahren haben.

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Zum Schluss dieses "Funktionsfalls" präsentiert uns der Behandler dann doch ein Röntgenbild. Und siehe da: Plötzlich steht an Stelle des Zahns 35 ein Implantat und die Extraktionsalveole (Zahnfach) des 37 ist ganz sicher nicht aus dem Jahr 2007. Wenn man dann noch etwas genauer hinschaut, ist distal am 36 wahrscheinlich das Problem gewesen und die frische Wurzelfüllung 36 hat – unter Freunden – die Schulnote 3 bis 4.

Da stellen sich doch ein paar Fragen

1. Warum bekommen wir kein Röntgenbild vor Beginn der Behandlung zu sehen?

2. Warum hat es 12 Abbildungen, aber kein Foto von rechts unten, auf dem man die Schleimhaut vom 35 und/oder den Zahn 36 distal ausführlich sehen kann vor der Behandlung?

3. Wie glaubhaft ist die Darstellung, dass da plötzlich – mit dem Schmerz im Unterkiefer links – auch Schulterschmerzen, Kribbeln in der Hand und Halsverspannungen auftreten?

4.  Umgekehrt: Glaubt irgendjemand, dass die Schulterschmerzen, die Halsverspannungen, das Handkribbeln (Kopfschmerzen hat sie auch noch) etc. durch eine 150 Micrometer Bissänderung nach einer "Funktionsanalyse" nachhaltig verschwinden?

Kommentar Joachim Wagner: Lieber Kollege, lassen Sie einfach die Kirche im Dorf. Diese Patientin hatte im Juni 2007 wahrscheinlich eine simple Pulpitis (Zahnnerventzündung) am 36 aufgesetzt auf eine allgemeine Schmerzempfindlichkeit des Gesamtkörpers. Wie diese Schmerzen (Hals, Rücken …) einzuordnen sind, ist eine völlig andere Frage und kann aus dem Blickwinkel des zahnärztlichen Mechanikers kaum überblickt werden. Den 36 zu behandeln war zielführend, das andere Brimborium wohl eher nicht. Die Überschrift "Gezielte instrumentelle und klinische Funktionsanalyse" ist in diesem Fall also fehl am Platz. Wenn Sie etwas Rückgrat haben, mein Lieber, dann …

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