Hat mein Zahn Migräne?

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Lesen Sie auch die Artikel  Migräne und Phantom Zahnschmerzen hängen zusammen   und Migräne – praktischer Fall   aus der Rubrik  Chronische Schmerzen

benoliel.jpgDas ist Monsieur Dr. Rafael Benoliel, DDS (Doctor of Dental Science) und im Vorstand des Department of Oral Diagnosis, Oral Medicine and Oral Radiology.
The Hebrew University-Hadassah
Faculty of Dentistry
Ein Kerem, Jerusalem. ISRAEL 91010.

In der Quintessence International vom Oktober 2007 schrieb Dr. Benoliel das Editorial:

 

 

My tooth has a migraine? (Originaltitel)

Gibt es eine solche Sache wie migränöse Zahnschmerzen? Mit anderen Worten, gibt es einen nerv/gefäßbedingten Schmerz im Kieferbereich? Das Vorkommen von Schmerzen im Gesichts/Kieferraum nach einer speziellen Erkrankung an anderer Stelle ist gut bekannt. Schmerz- Verlagerungen von ursprünglichen Kopfschmerzen kommen häufig im Gesichts- und Halsbereich vor. Unter diesen verursachen Cluster Kopfschmerzen, Migräne und trigeminale Neuralgien oft Schmerzen im Mund und sind gut dokumentiert als typische Fehldiagnosen beim Zahnarzt. Die darauf folgende Behandlung führt in letzter Konsequenz zum Verlust von Zähnen und zu einer erheblichen Behinderung der Patienten. Auch Migräne Patienten berichten, dass die Schmerzen während des Anfalls in die oberen Molaren ausstrahlen. Typisch ist auch der Schmerz in der Kieferhöhle, weshalb HNO Ärzte häufig die Diagnose Migräne stellen. Die Diagnostik ist wahrlich keine akademische Prinzipienfrage, sondern von erheblicher Bedeutung für das, was wir den Patienten als Behandlung offerieren.

 

Viele zahnärztliche Schmerz Spezialisten und HNO Kollegen werden bestätigen, dass es eine spezielle Gruppe von Patienten gibt, mit einseitigen ziehenden Schmerzen in den unteren zwei Drittel des Gesichts, die sie in den frühen Morgenstunden wecken. Einige der Patienten erleiden schlimme Schmerzen und beklagen eine starke Kaltempfindlichkeit von vielen Zähnen. Das hört sich nach einer Pulpitis an und viele dieser Patienten unterziehen sich dadurch unnötigen zahnärztlichen Eingriffen. Unnötig deshalb, weil es keine zugrunde liegende Erkrankung des Zahns selber gibt. Der Schmerz kann die Seite wechseln und dabei begleitet sein von einer Licht- und Lärmempfindlichkeit, sowie Schwindel und örtlichen autonomen Begleiterscheinungen wie tränende Augen und verstopfter Nase. Häufig berichten die Patienten über ihre chronische Krankengeschichte mit Migräne. Einige haben Schmerzen im Bereich der Kieferhöhlen, haben aber keine Anzeichen einer Entzündung dort, sowohl klinisch als auch radiologisch. Die Abwesenheit einer Erklärung für die Schmerzen deutet auf eine nerv/gefäßbedingte Ursache hin. Einige Experten nennen diesen Zustand: Gesichtsmigräne, neurovasculärer orofacialer Schmerz, atypische Odontalgie, oder vaskuläre Odontalgie; noch viele mehr ignorieren die Existenz der Erkrankung zum großen Nachteil ihrer Patienten.

 

Es sollte uns nicht überraschen, dass die Mechanismen von nerv/gefäßbedingten Kopfschmerzen auch im Mund vorkommen können. Dazu gehören nervlich eingeleitete Entzündungen von Trigeminus-Fasern und die Aktivierung des Trigeminus-Parasymphatikus Reflexes. Für diese Erscheinungen gibt es die anatomischen Voraussetzungen im Mund/Gesicht und entsprechende Experimente zeigen auch deren Zusammenwirken. Durch Nerven bedingte Entzündungen im infraorbitalen Kanal, im Unterkieferkanal oder im Zahn führen zu Schmerzen. Die hohe Empfindlichkeit auf kalte Reize an den Zähnen und/oder der Wange könnte eine Parallele zur Überempfindlichkeit der Haut bei Migränikern sein. Migräne Patienten berichten oft über Schmerzen beim Berühren der Gesichtshaut oder beim Haarekämmen.

 

Warum sind wir so zurückhaltend dieses Konzept zu akzeptieren? Natürlich ist das Fehlen von weltweiten und umfangreichen Daten nicht hilfreich. Die wissenschaftlichen Gesellschaften in diesen Bereichen sind ebenfalls keine Stütze gewesen. Die Internationale Kopfschmerz Gesellschaft akzeptiert nach wie vor keine Migräne in anderen Bereichen als dem Hirnschädel, trotz vieler Artikel wie diesem. Die American Academy of Orofacial Pain hat auch keine Diagnose „Gesichtsmigräne“ oder „Nerv/Gefäßbedingter Zahnschmerz“. Wenn wir eindeutig die Existenz eines primären nerv/gefäßbedingten Schmerzes im Mund feststellen wollen, brauchen wir mehr Daten und auch Bilder um die Parallelen zur Migräne und zu autonomen trigeminalen Kopfschmerzen zu zeigen. Das wird nicht einfach.

 

Klassifikationssysteme sind natürlicherweise langsam im Akzeptieren von neuen Krankheiten und die medizinische Nomenklatura ist nicht erpicht auf schnelle Änderungen der existierenden Ordnung – was normalerweise auch gut so ist. Die Cluster Kopfschmerzen (Selbstmord Kopfschmerzen) wurden früher als Migräne Variante geführt; einschießender Schmerz halbseitig wurde zeitweise als Cluster Untertyp geführt und der spezielle Kopfschmerztyp: kurzanhaltender, einseitiger neuralgieforme Kopfschmerzattacke mit Beteiligung der Augenbindehaut und Tränenbildung (SUNCT) wurde eine Zeitlang als Teil der Trigeminus Neuralgie betrachtet. Die Forschung und die Zeit haben dann doch auch die entschiedensten Anhänger überzeugt, dass es sich um unabhängige Krankheiten handelt.

Aber als Kliniker und Praktiker sind wir in der Lage und haben die Aufgabe unser Gesichtsfeld so groß wie möglich zu machen und dabei Varianten zu entdecken, bevor sie formal in die Klassifikation eingetragen sind. Ganz besonders, wenn es um das Wohl unserer Patienten geht. Wenn Sie das nächste mal einen Patienten mit Zahnmigräne haben: „Slow down“ = werden Sie langsam und erinnern Sie sich, dass das Beste, was Sie wahrscheinlich für diesen Patienten tun können darin besteht, nichts zu tun.

 

 

7 Replies to “Hat mein Zahn Migräne?”

  1. RE: Hat mein Zahn Migräne?
    Zitat aus dem Artikel:
    „Es sollte uns nicht überraschen, dass die Mechanismen von nerv/gefäßbedingten Kopfschmerzen auch im Mund vorkommen können. Dazu gehören nervlich eingeleitete Entzündungen von Trigeminus-Fasern und die Aktivierung des Trigeminus-Parasymphatikus Reflexes. Für diese Erscheinungen gibt es die anatomischen Voraussetzungen im Mund/Gesicht und entsprechende Experimente zeigen auch deren Zusammenwirken. Durch Nerven bedingte Entzündungen im infraorbitalen Kanal, im Unterkieferkanal oder im Zahn führen zu Schmerzen. „

    Das deutet auf eine neurologische Erkrankung und erfordert in der Konsequenz eine Behandlung der geschädigten Nervenstrukturen (aber keine Behandlung der Zähne). Wissen das die Zahnärzte? Auch im Bekanntenkreis wurden schon Backenzähne wegen dieser Schmerzen wurzelbehandelt und schließlich gezogen, was keine Besserung brachte.

  2. RE: Hat mein Zahn Migräne?
    für mich als Betroffene ist klar warum diese Krankheit oder dieses Phantom nicht anerkannt ist. Es ist ja nichts eindeutiges. Es ist ein Chameleon hat zu viele Gesichter. Lässt sich auch mit echtem Schmerz verwechseln und man verzweifelt dran. Fatal für eine Zahnarzt evtl. eine Fehldiagnose abzugeben einen Patienten diese Diagnose zu geben als Zahnarzt und nachher steckt doch was aus dem Fachgebiet dahinter.
    Ich habe Migräne und ich habe auch Zahnmigräne. Gesichtsschmerzen der unterschielichten Formen und ich wurde auch schon irregeführt und der ganze Kiefer war vereitert. Ob oder ob nicht ich kann empfehlen ein Trptan gegen Migräne einzunehmen und wenn der Schmerz dann weg geht ist es doch klar.

  3. RE: Hat mein Zahn Migräne?
    [quote name=“Anna44″]für mich als Betroffene ist klar warum diese Krankheit oder dieses Phantom nicht anerkannt ist. Es ist ja nichts eindeutiges. Es ist ein Chameleon hat zu viele Gesichter.
    Lässt sich auch mit echtem Schmerz verwechseln und man verzweifelt dran. Fatal für eine Zahnarzt evtl. eine Fehldiagnose abzugeben einen Patienten diese Diagnose zu geben als Zahnarzt und nachher steckt doch was aus dem Fachgebiet dahinter…[/quote]

    Ja das ist das verflixte daran. Normalerweise tut ein Zahn weh, weil mit dem Zahn was nicht in Ordnung ist. In dem Fall kann es aber sowohl eine Zahngeschichte, als auch eine Nervengeschichte sein. Ein Fortschritt wäre ja schon, wenn völlig unnötiges Aufbohren, Nervenziehen, Wurzelresektionen und Extraktionen unterlassen werden.

  4. RE: Hat mein Zahn Migräne?
    [quote name=“Anna44″]…Fatal für eine Zahnarzt evtl. eine Fehldiagnose abzugeben einen Patienten diese Diagnose zu geben..
    …Ob oder ob nicht ich kann empfehlen ein Trptan gegen Migräne einzunehmen und wenn der Schmerz dann weg geht ist es doch klar.[/quote]

    Wie ist das mit dem Triptan genau? Ist es so, dass dieser Wirkstoff bei Zahnschmerzen, die auf einer Erkrankung des Zahns beruhen, nicht anschlägt? Dann wäre ja klar, wenn die Schmerzen davon nicht weg gehen, dass doch was mit dem Zahn nicht in Ordnung ist, und äußerlich schwer zu erkennen ist.

  5. RE: Hat mein Zahn Migräne?
    ich kann nur als betroffene reden nicht als fachmann. aber ich selber denke mir dass es sos ist. ein triptan darf ja auch nur bei migräne angewendet werden. und aus meiner verzweidlung und dem verdacht dass dies ein ähnlicher schmerz ist im zahn wie meine migräne nahm ich ein triptan ein. und es wurde damals besser. leider nicht dauerhaft . evtl. kann herr wagner sich dazu noch äussern?

  6. RE: Hat mein Zahn Migräne?
    [quote name=“Anna44″]ein triptan darf ja auch nur bei migräne angewendet werden. [/quote]
    Ja und Nein. Hallo Anna44, Hallo Sven. Triptane wirken keineswegs nur gegen NICHT-zahnverursachte Schmerzen im Kiefer/Gesichts /Kopf Bereich, sondern auch gegen popelige Zahnschmerzen. Weil Triptane eigentlich nur eine etwas bessere Wirkung gegen Trigeminus vermittelte Schmerzen haben als Aspirin, Ibuprofen und Novalgin. Der Unterschied zwischen akuten Kopfschmerzen und akuter Zahnmigräne ist also vermutlich kein so großer. Jedenfalls sollte man genau unterscheiden zwischen einer chronischen Neuropathie (jahrelanger Dauerschmerz) und einem akuten Schub an einem (bzw. zwei) Zähnen. Viele Grüße Joachim Wagner

  7. RE: Hat mein Zahn Migräne?
    [quote name=“Joachim Wagner“][quote name=“Anna44″]ein triptan darf ja auch nur bei migräne angewendet werden. [/quote]
    Ja und Nein. Hallo Anna44, Hallo Sven. Triptane wirken keineswegs nur gegen NICHT-zahnverursachte Schmerzen im Kiefer/Gesichts /Kopf Bereich, sondern auch gegen popelige Zahnschmerzen. [/quote]

    Hier muss ich entschieden widersprechen.
    Triptane haben einen grundlegend anderen Wirkmechanismus als NSAR (Ibu, ASS, Diclo etc.). Sie wirken nur bei Migräne und definitiv nicht bei anderen (Kopf-)Schmerzen. Außerdem ist nicht jedes Triptan bei jedem Migräne-Patienten wirksam.
    Wenn aber einem Migränepatienten sein bewährtes Triptan gegen die Zahnschmerzen hilft, ist dies aufgrund des Wirkmechanismus des Triptans ein Beleg für die These der Zahnmigräne.

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