Diagnose: Schmerzen vom Zahnfleisch

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Haben Sie auch Angst vor solchen Wurzel-
behandlungen? Wir, die Zahnarztpraxis J.
Wagner Leverkusen jedenfalls nicht. Die Über-
füllung des Wurzelkanals mit überpresster
Endomethasone-Paste ist in diesem Fall Absicht.  

Zahnärzte/innen gibt es in 4 Ausgaben:

1. Solche, die häufig die Diagnose „Schmerzen ausgehend vom Zahnfleisch“ stellen und so behandeln – ohne Hintergedanken.

2. Eine Gruppe wie 1, die dann aber gezielt in die homöopathische, kinesiologische, funktionsanalytische HokusPokus Ecke steuert, mit allem was dazu gehört.

3. Zahnmediziner, die selten zur Diagnose „Schmerz vom Zahnfleisch“ greifen, weil sie in Endodontie (Wurzelbehandlungen) fit sind.

4. Eine Gruppe wie 3, die aber schon die Grenzen der Endodontie ausgelotet haben und auf Schmerzzustände gestoßen sind, denen auch mit ausgefeilten mechanischen Mitteln nicht beizukommen ist.

 Dem einen oder anderen wird aufgefallen sein, dass die Reihenfolge der Gruppen nicht zufällig gewählt ist, sondern auch Entwicklungsstufen vom Zahnarztlehrling zum Zahnarzt darstellen. Die Diagnose „Schmerzen ausgehend vom Zahnfleisch“ stellen entweder Laien (Nichtfachleute), oder Lehrlinge, die keine Ahnung haben. Das Zahnfleisch selber verursacht selten ernsthafte Schmerzen, die dazu führen, dass ein Patient deswegen den Zahnarzt aufsucht. Und wenn dieser Fall eintritt, dann ist die Situation in der Regel auch eindeutig in Form einer Rötung oder Schwellung zu erkennen, z.B. bei einer Entzündung des Zahnfleischs um den unteren Weisheitszahn herum. 

In den unterschiedlichsten Patienten Foren im Internet ist immer wieder von folgender „Behandlungsmethode“ bei starken Schmerzzuständen zu lesen: da wird allen Ernstes eine Pulpitis (Zahnnerventzündung) mit einer „Taschenbehandlung“ abgefertigt, soll heißen der Behandler drückt etwas Dontisolon (Kortisonpaste) in die vermeintlich schuldige Zahnfleischtasche. Unklar bleibt dabei, ob  der Behandler a) sich selbst den Unsinn glaubt, oder er b) keine Zeit für eine Wurzelbehandlung hat oder c) von Wurzelbehandlungen grundsätzlich nichts hält. So in etwa tickt der Zahnmediziner nach Nummer 1 – halten wir ihm noch zu Gute, dass er an sein Tun glaubt.

Der Zahnmediziner nach Nummer 2 ist über dieses Stadium natürlich hinaus. Er weiß schon, dass die Taschengeschichte blanker Unsinn ist und der Patient spätestens morgen wieder in der Praxis erscheinen wird, mit den gleichen oder stärkeren Schmerzen. Das hält ihn aber nicht davon ab, weiterhin problematische Äußerungen über die Ursachen von Zahnschmerzen in die Welt zu setzen. Dazwischen bekommt der Patient Globuli und Heilinjektionen – natürlich gegen Bares, um die Schmerzen zu lindern. Er wird auf Allergien getestet und die Beinlängen werden vermessen, obwohl der Schmerzgeplagte eigentlich nur einen entzündeten Zahnnerv hat. Was soll das? Es soll davon ablenken, dass der Zahnarzt nach Nummer 2 die Endodontie ablehnt, in der Regel deshalb, weil er sie nicht beherrscht. Kinesiologen und Homoöpathen im zahnmedizinischen Gewerbe sind typischerweise Exodontisten, also Zahnzieher, die keinen toten Zahn im Kiefer drin lassen, weil sie damit ein selbstgemachtes Problem haben. Leider sagen sie das nicht ihrem Patienten, der guten Glaubens zu ihnen kommt.  

Der Zahnmediziner Nummer 3 hat sich – dem Zeitgeist folgend – in Endodontie fortgebildet und kalkuliert  deshalb im Kopf schon mit  Erfolgsaussichten bei der Wurzelbehandlung um die 90% herum. Dieser Zahnarzt diagnostiziert schon deshalb viel lieber eine Pulpitis (Zahnnerventzündung) oder eine Ostitis (Knochenentzündung) ausgehend von einem abgestorbenen Zahnnerv als die vorhergehenden Kollegen Nr. 1 und Nr. 2, weil er die daraus folgende Wurzelbehandlung ja im Griff hat. Wie es der Zufall will, ist die Ausrichtung eines Zahnarztes auf die Endodontie auch genau die richtige Vorbereitung auf die am häufigsten vorkommenden Schmerzursachen im Mund. 90% aller starken Schmerz- und Akutfälle in der Zahnarztpraxis fallen auf die 2 Diagnosen Pulpitis und Ostitis. Der Zahnarzt Nummer 3 mit endodontischem Schwerpunkt ist also für die am meisten vorkommenden Schmerzfälle in der Praxis die erste Wahl. Dagegen sind die Kollegen, die mit der Endodontie auf Kriegsfuß leben, in der Wahl ihrer Behandlungsmittel bei den häufigsten Schmerzfällen sehr beschränkt. Ihnen steht letztlich nur die Extraktionszange als effektives Mittel zur Verfügung. Das betrifft speziell unsere Freunde von der Kinesiologie- und Homöopathiefraktion. Wer mit CHKM (Chlorkampfermenthol, Desinfektionsmittel) oder mit Endomethasone (Füllungspaste) nicht hantieren kann oder will, muss seine Patienten zum Gebisskrüppel machen um die Folgen bakterieller Infektionen von Zähnen zu beherrschen. Escherichia coli oder Enterococcus faecalis (beides Darmbakterien, die auch im Mund vorkommen) lassen sich von Globuli und Heilinjektionen nicht im geringsten beeindrucken, wenn sie erst mal vom Zahninneren Besitz ergriffen haben. Dann braucht es Chemie, und zwar richtige. Solche Chemie, die lebende Zellen, und dazu zählen eben auch die Mikroben, vom Leben zum Tode befördern kann. Mit Bioknete und osteopathischem Handauflegen geht das nicht.

Kommen wir zur Gruppe 4. Das sind Zahnmediziner/innen, die bereits sehr vieles gesehen haben. Sie haben die Phase „die Schmerzen kommen vom Zahnfleisch“ schon seit Jahrzehnten hinter sich, sie haben die Fortbildung in der Endodontie bereits lange vor der aktuellen Fortbildungsmanie der 00er Jahre absolviert. Hier sind also Fachleute, die bereits lange wissen, dass die Endodontie zwar 80% bis 90% der typischen Schmerzfälle lösen kann, aber sie wissen auch, dass das Verfahren Grenzen hat. Zum einen ist die aktuell vertretene offizielle wissenschaftliche Linie wahrscheinlich nicht besonders intelligent. Das speziell von der DGZMK (Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde) vertretene Behandlungsprotokoll sieht ausdrücklich die mehrfache Einlage von Ca-OH in infizierte Wurzelkanäle vor, obwohl im Laborversuch als auch in der klinischen Beobachtung am Menschen klar wird, dass Ca-OH nicht ausreicht, alle Bakterien zu vernichten. Zum anderen zeigt sich, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung massive Beschwerden nach (wahrscheinlich auch vor) der Wurzelbehandlung hat, die mit zahnärztlichen Mitteln nicht beseitigt werden können. Die Rede ist von neuropathischen Erscheinungen am Trigeminus. Betroffen sind in erster Linie Frauen. Bis ein Zahnarzt aber in der Lage ist, überhaupt zu unterscheiden, ob die geäußerten Schmerzen nicht vielleicht doch von einer bakteriellen Entzündung ausgehen, muss er eine lange Entwicklung durchlaufen haben, in deren Folge er alle Stationen selber – am besten noch am eigenen Leib – studiert hat. Es geht um den klassischen Verlauf einer Karies bis hin zur Abszedierung (Eiterbildung) und aller Behandlungsschritte dazu. Wenn dann im Verlauf von 20 Berufsjahren immer wieder die gleichen Patientinnen an bestimmten Stellen unerwartet mit Schmerzen reagieren, wo normale Patienten ganz sicher keinen Mucks mehr spüren würden, dann kommt der Behandler schon ins Nachdenken. Besonders dann, wenn er die kleinen Tricks der Anästhesie, der Kleinchirurgie (Schrödersche Lüftung, Drainagetechniken …) und der Endodontie (Toxavit, offenlassen …)  alle schon verwendet hat und der Schmerz teilweise paradox reagiert. 

 


Wenn Sie also das nächste mal den Spruch hören  „Der Schmerz könnte vom Zahnfleisch kommen“ sollten Sie sich fragen, ob der Sprecher eventuell noch etwas Nachhilfe in Zahnmedizin braucht.

 

Ein Kommentar zu “Diagnose: Schmerzen vom Zahnfleisch

  1. Wenn ich das hier eher gelesen hätte, hätte ich mir wohl viele viele Monate massiver Beschwerden erspart: Ich hatte Karies (ausgehend vom Zahnzwischenraum) bis ganz kurz vor dem Nerv, wobei unglücklicherweise der Nachbarzahn die Beschwerden machte. So diagnostizierten auch gleich 2 ZÄ nacheinander „Schmerzen von der Zahnfleischtasche“ (also hat nix). Und wer holt schon eine dritte Meinung ein, wenn er zwei gleiche zweite Meinungen hat? Ich habe dann sehr lange versucht mir einzureden, dass ich wirklich nichts habe. Hat nicht geklappt. Erst der 3. ZA fand das Problem, beseitigte es und nun bin ich endlich wieder schmerzfrei. Daran hatte ich zwischendrin schon gar nicht mehr geglaubt.

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