Wir brauchen keinen Milchzahnmaster

Der folgende Beitrag erschien als Editorial im "Zahnärztlichen Anzeiger" des Zahnärztlichen Bezirksverbandes München Stadt und Land in der Nummer 10/2008, geschrieben von Dr. Frank Portugall. Der Autor gestattete mir freundlicherweise, den Beitrag hier mit Bild wiederzugeben.


 

portugall.jpgDer Bologna-Prozess- Zersplittert der Berufsstand?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die anstehende GOZ-Reform, der unselige Gesundheitsfonds und der Basistarif der PKV bedeuten für uns Zahnärzte bald drohendes Unheil, das die betriebswirtschaftliche Basis unserer Praxen stark beschädigen, bei vielen sogar zerstören wird. Dem nicht genug, es kann noch schlimmer werden! Dann nämlich, wenn die Delegierten zur Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer im Herbst eine neue Musterweiterbildungsordnung beraten und beschließen, dass uns Allgemeinzahnärzten ein Heer von Spezialisten, Bachelors und Mastern, zertifizierten Ästhetikspezialisten, Endodontologen, Psychosomatologen, und- und- und- neben den bereits real existierenden traditionellen Weiterbildungsfächern Kieferorthopädie und Oralchirurgie an die Seite gestellt werden soll. Wieweit die Planungen dieser postgradualen Fort- und Weiterbildung bereits fortgeschritten sind, und welche Folgen dies für unser Berufsbild haben wird, wurde dem Vorstand unserer Kammer bei der letzten Klausurtagung der BLZK am 26.04.2008 eindeutig vermittelt. Was unter diesem sog. Bologna-Prozess zu verstehen ist, hat uns Prof. Hickel als Hochschulvertreter und Dr. Dr. Osswald aus München als betroffener Allgemeinarzt und Vorsitzender des Berufsverbandes der Allgemeinzahnärzte in Deutschland erklärt. Unter Bezug auf die im Weißbuch der ZahnMedizin, Band 2 von den deutschen Hochschullehrern Prof. Dr. Schlangenhauf und Prof. Dr. Michael Noack aufgezeigten Perspektiven hat Osswald ein Szenario beschrieben, in dem in Zukunft unzählige Spezialisten aller Couleur um unsere Patienten buhlen mit dem vorhersagbaren Ergebnis, dass der Allgemeinzahnarzt Stück für Stück seine Behandlungskompetenz verlieren wird und als Hauszahnarzt mit eingeschränktem Behandlungsspektrum an dem Hungertuch nagen wird, das ihm die Spezialisten, die zum Teil auf sektorale Budgets oder Einkommensmodelle spekulieren, noch übrig lassen. Osswalds Vision als Antwort auf dieses Szenario ist die unbedingte Erhaltung der Allgemeinzahnärzte, am besten als Fachärzte für orale Medizin, die bisher den hohen Standard der wohlbesungenen Qualität der deutschen Zahnheilkunde garantiert haben. Dem Berufsbild des Allgemeinzahnarztes, der sich berufsordnungsgemäß regelmäßig fortbildet, war es nie fremd, besonders komplizierte Fälle an die Kieferorthopäden, Oralchirurgen oder MKG-Chirurgen zu überweisen. Nach Osswald kennen z.B. die Augenärzte auch keinen Master of Kurzsichtigkeit. Wir brauchen keinen Milchzahnmaster und keinen Spezialisten für den oberen Dreier. Diejenigen, die sich für bestimmte Tätigkeitsschwerpunkte interessieren, können dies auch unter den heute geltenden Bestimmungen tun. Die relative Werbefreiheit, die uns höchste deutsche Gerichte beschert haben, fordert es geradezu heraus, dass sich Kollegen in ihren Webseiten mit ihrem Spezialistentum herausstellen. Ein Verteilungskampf um Patienten ist bereits im vollen Gang und er wird in der Zerstörung eines Berufsbildes enden. Diejenigen, die heute noch den Karren der sozialverpflichteten Zahnmedizin ziehen, werden diese Aufgabe nicht mehr leisten können, wenn die Spezialisten die Rosinen picken. Ja, könnte man sagen, das ist nun mal der Trend der Zeit. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie auf diesen Zug aufspringen. Sie haben Ihr Staatsexamen, eine wesentlich höhere Qualifikation, als Bachelor oder Master. Das Examen befähigt Sie, die gesamte Zahnheilkunde auszuüben und nicht in einer Nische zu sitzen, in der Sie „Master of the Universe“ sind.
Denken Sie bitte darüber nach und wenn Sie an dieser „Show“ nicht gedenken teilzunehmen, so signalisieren Sie Ihren Standesvertretern ein deutliches HALT.

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