Solide Handwerkerarbeit hätte hier geholfen

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Themenverwandt sind auch die Artikel Die Zahnbürste alleine verhindert keine Karies   und Karies im Zahnzwischenraum   aus der Rubrik Karies praktisch und theoretisch

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Auf dem Röntgenbild sind 2 akut behandlungsbedürftige Stellen zu sehen: 36 (in der unteren Reihe der 2. von rechts) und 31 (unten 3. von links). Dieser Patient kam zu mir als dem 4. Behandler. Die Vorgeschichte beginnt bei seinem Hauszahnarzt, der nach starken Schmerzen im Bereich der Unterkiefer Frontzähne links zunächst den Zahn 31 nach einer negativen Kälteprobe trepanierte = bis zum Zahnnerv aufbohrte. **)

Es kam in der Folge zu wiederholten und z.T. heftigsten Schmerzattacken. Der Kollege erwog nach dem Versagen der Behandlungsmaßnahme auch noch weitere Frontzähne zu trepanieren (wegen „Schatten auf dem Röntgenbild“), überwies aber den (Privat)Patient dann doch an einen Kieferchirurg, mit der Maßgabe, den Zahn 31 zu resezieren, weil ein Durchkommen mit normalen Wurzelkanalinstrumenten von oben nicht möglich sei. Der Kieferchirurg erklärte die Baustelle 31 zum kleineren Problem „machen wir ruck zuck“, erkannte aber immerhin auf dem frisch angefertigen OPG (das Röntgenbild, das hier abgebildet ist)

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ein nicht gerade kleine Loch im Zahn 36, welches dem Hauszahnarzt völlig entgangen war. Noch ehe es zum Schnitt im Frontzahnbereich beim Chirurgen kam, mußte der Patient einen Notdienst wegen einer starken Schmerzattacke nachts aufsuchen. Der diensthabende Kollege empfahl dabei „Kommen Sie morgen in meine Sprechstunde, da ziehen wir den 36 und bauen gleich ein Implantat ein, das dauert keine Stunde …“. Unserem Patienten ging das nun wieder deutlich zu schnell. Er erinnerte sich, im Internet etwas von einer Timbuktu-Methode und von einem Zahnarzt Wagner gelesen zu haben, der in Leverkusen schafft, was wohl nur wenige zehn Kilometer von der Großstadt entfernt liegt, in der er wohnt.

So kommt es denn. Der Patient rückt an. Die Schmerzen erlebt der Patient als überfallartige starke Attacken aus dem heiteren Himmel auf der linken Seite, die sich nach seinem Gefühl in den Schneidezähnen vorne unten abspielen. Und das seit Wochen. Hat denn einer der Behandler jetzt irgendetwas an dem 36 unternommen, frage ich? Nö. Der Hauszahnarzt hat den ja gar nicht gefunden. Bon

An dieser Stelle – liebe/r Leser/in – möchte ich den Werbeblock einschieben für das Ultra Low Tech Instrumentarium, mit dem dieser Fauxpas (Fehler) sicher nicht passiert wäre. Es geht um die Hakensonde, ein Teil für Euro 3,75. Hätte unser hier angesprochener Hauszahnarzt statt seiner üblichen geraden Sonde (im Bild links) eine Hakensonde (im Bild rechts) verwendet, dann wäre diese im Zahnzwischenraum 37/36 hängen geblieben. Warum? Weil eine Hakensonde einen Rückwärtswinkel zwischen Haken und Stiel hat. Außerdem passen Hakensonden häufig noch gerade so in die Zahnzwischenräume hinein, so dass eine rückseitige Zahnwand ziemlich eindeutig befundet werden kann – ohne Röntgenbild. In meinem Laden ist die Hakensonde das Untersuchungsinstrument Nummer 1, die gerade Sonde reicht mir für diesen Job nicht aus.

 Gleich in der ersten Sitzung exstirpiere ich den Zahn 36 vital = der noch  lebende Zahnnerv wird in Lokalanästhesie entfernt und die Nervhöhle mit Ledermix (Cortison / Antibiotikum Gemisch) gefüllt. Es ist davon auszugehen, dass die starken Schmerzen überhaupt nichts mit den Schneidezähnen zu tun haben, sondern die ganze Zeit ausschließlich vom praktisch pulpaoffenen 36 ausgegangen sind. Dessen Behandlung ist darum vorrangig.

 

Kommentar: Da waren Düsseldorfer Pappnasen am Werk. Nummer 1 fühlt sich für den Gebrauch der Hakensonde überqualifiziert („eher was für die Afrika Zahnmedizin“), Nummer 2 will WSRs durchführen, die keiner braucht, Nummer 3 *) verkauft Implantate, obwohl hier eine Wurzelbehandlung die angemessene Behandlung  darstellt und kein Einziger macht irgendetwas, um dem Patienten die starken Schmerzen effektiv zu nehmen. Das ist in dieser Häufung schon recht bedenklich. 

*) Passenderweise liegt auch schon die Rechnung vom Kollegen 3 vor u.a. mit der Position WK (Aufbereitung des Wurzelkanals) am 31, von der der Patient meint, dass sie ganz sicher nicht … Das rundet die Geschichte ab, meine ich.

**) Negative Kälteproben besagen nichts, das weiß eigentlich jeder in unserer Branche. Alle Frontzähne dieses Patienten reagieren nicht auf Kälte, und alle sind weder tot, noch haben sie Entzündungen an der Wurzelspitze. Das Aufbohren war – Sie sagen es – Unsinn.

Nachsatz Dienstag 05.08.2008: Der Patient erscheint zur Sitzung 2 und berichtet, dass die Schmerzen nicht mehr aufgetaucht sind – auch vorne nicht, trotz Nichtbehandlung des 31. Entsprechend dem Timbuktu Behandlungsprotokoll wird diesmal die Ledermix Einlage entfernt und durch CHKM (Chlorkampfermenthol) ersetzt. 

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