Jungdynamische Kollegin schreibt Kostenpläne

lesen Sie auch die Artikel   Spezialisieren oder Untergehen? und  Normal: "alle Plomben erneuern"   aus der Rubrik Welches Füllungsmaterial

 

Unsere Geschichte beginnt mit dem Entschluss von Frau Z. (54)  aus Köln, nach einigen Jahren Zahnarztabstinenz sich wieder in Behandlung zu begeben. Sie findet die Praxis X + Y im Kölner Umfeld, deren Teilhaberin Dr. X. laut Eigenwerbung im Internet über den großen Überblick in  1) Implantologie, 2) Parodontologie und 3) Funktionsdiagnostik mit Mitgliedschaft in zig Fachgesellschaften und Kompetenz in allen Lebenslagen verfügt. Zahnärztin X. hat zudem ihre Doktorarbeit über die Zytotoxizität von Amalgam verfasst. Das sind die Zutaten zu dem, was jetzt kommen wird.

Sehr hilfreich ist es auch, dass Frau Z. (54) privat versichert ist. Privatversicherte, die einem neu zulaufen, sozusagen also 1a Frischfleisch, sind für bestimmte Kollegen/innen das NPU (Nonplusultra = Beste was es gibt). Weil meistens 5 bis 10 große Euroscheine nur nach der "Grundsanierung" herausschauen, und da ist die Prothetik noch gar nicht angedacht. Am besten sind natürlich frische Privatpatienten, die auch noch einen tatsächlichen Behandlungsbedarf mitbringen. Aber es geht auch ohne, und zwar so:

  • Amalgam Füllungen müssen grundsätzlich  neu
  • Füllungen vom Vorgänger müssen grundsätzlich neu
  • es liegt immer eine Parodontitis vor, man muss nur lange genug suchen
  • Funktionsanalytischer Bedarf liegt immer vor, auch dann, wenn der Patient nichts davon merkt. 

Nach  diesem Schema geht die Behandlerin Dr. X an unsere Frau Z. heran.  Frau Z. hat nicht sehr viel akuten Behandlungsbedarf. Einigermaßen dringend ist nur der zerstörte Zahn 37 unter einer dezementierten Brücke von 34 auf 37 (die sich – wie immer – hinten gelöst hat). Die Amalgamfüllungen in den Oberkiefer Seitenzähnen sind sicher nicht hübsch, aber auch ganz gewiss keine dringenden Fälle. Was macht die Kollegin Dr. X. zuerst? Sie beginnt mit der "Amalgamsanierung" im Oberkiefer. Jeder gefüllte Zahn wird aufgebohrt und mit Kunststoff und teilweise Keramik beklebt.  Soweit so gut. 

Mittlerweile kommen unserer Patientin Frau Z. angesichts der Vielzahl von Terminen und vor allem der 4 (!) Kostenpläne für die 1) Bohrbehandlung an 60% aller Zähne, 2) Teilchirurgische Parodontitis Behandlung, 3) Lasereinsatz extra zu 2, 4) Funktionsanalyse incl. Einschleifplan und Schiene leichte Zweifel an der Notwendigkeit des Gesamtaufwandes. Zumal trotz geschätzter Kosten von 5000 für diese "Vorarbeiten" über den Zahnersatz noch gar nichts gesagt wird. So beschließt Frau Z. eine Zweitmeinung einzuholen – bei mir.

Diesmal gibt es zur Abwechslung kein Foto von der Lage, das hat Gründe. Sagen wir es so: ich bin erstaunt, dass die Behandlerin in aller Seelenruhe Plastikfüllungen im Mund verteilt, laut Plan u.a. auch an einem wenig defekten Kronenrand einer Goldkrone (übrigens alles Analog Berechnungen = erheblich teurer als die GOZ Füllungspositionen), aber die offene Wurzel 37 sich selbst überläßt. 

Bei der geplanten Parodontitis Behandlung gibt es fachlich keine ernsten Bedenken, die Taschen sind vertieft, was in der Gesamtbetrachtung einer gutartigen Erwachsenen Parodontitis ohne große Herausforderungen entspricht. Dass die Patientin von der stattgefunden Aufklärung aber den Eindruck bekommen hat, die Zähne wären kurz vor dem Ausfallen, ist aber nicht der Fantasie der Patientin entsprungen. Zum Lasereinsatz schüttel ich mal gerade nur den Kopf. Auseinandersetzungen zu diesem Thema sind angesichts der extrem dünnen Datenlage, vor allem der Nicht-Hersteller-abhängigen Forschung, einfach nur waghalsig.  400 € setzt unsere tapfere Dr. X dafür an und aus Unternehmersicht ist das auch wunderbar, weil so die ganz schnelle Kohle geht.

Richtig hanebüchen wird jetzt die Abteilung Funktionsanalyse. Die ist der eigentliche Grund für diesen Artikel. Bis dahin kann man als Kollege ja noch ein Auge zudrücken und sagen: jeder Patient bekommt den Behandler, den er braucht. Manche brauchen es halt aufwändig. Bon. Schnell wird aus den Darstellungen der Patientin Z. aber klar, dass sie kein Problem mit ihrem Unterkiefer, den Kieferbewegungen, den Gelenken und den Muskeln hat. Seit 15 Jahren klickt es zwar leicht im linken Kiefergelenk, das stört sie aber nicht und das Wichtigste: es hat NIE wehgetan. Schauen wir uns dazu noch den Biss von Frau Z. an: die Brücke 34-37 ging inzwischen völlig verloren. Auf dem 38 besteht kein Kontakt zum Oberkiefer, damit beißt auf der linken Seite der untere 3er (Eckzahn) als der am weitesten hinten stehende Zahn, rechts ist es der 5. (Prämolar). Von ursprünglich 14 Kaueinheiten beissen jetzt nur noch 8 und davon kein einziger Molar. Verschärfend kommt hinzu, dass Frau Z. knirscht, nicht sehr stark, aber erkennbar.

Und da hinein will Frau Dr. X. funktionsanalysieren, einen Einschleifplan (Abrechnungsposition) schreiben und allen Ernstes einschleifen. Nochmal zum Mitdenken: es gibt keine Schmerzen, es gab keine Schmerzen und der Knirscher-Patientin Z. fehlen ohnehin schon alle Molaren und etliche Prämolaren. Hallooo, geht es Ihnen gut, Frau Doktor? Das Beste ist der Spruch, den die Behandlerin dazu gefügt hat, auf die gezielte Frage der Patientin, ob denn nach dem Einschleifen und Bisskorrigieren vielleicht dann Beschwerden kommen könnten: "ja, das wäre möglich". Bravo.

Kommentar: ich bin sprachlos. Das hatte ich noch nicht. Der Zahnarzt schreibt einen Kostenplan für eine sowieso windige Funktionsanalyse (wissenschaftlich ist das hauchdünnstes Eis, auf dem die Einschleifer sich bewegen) für die Behandlung von nicht vorhandenen Beschwerden und räumt vorher schon ein, dass genau die Beschwerden danach auftreten können. Auf die Nummer kann nur der Funktionsanalyst kommen. Das eignet sich für die Comedy Serie "Wie sich Doktor Zahn tiefer wühlt". Das Schlimmste an dieser Geschichte ist nicht, dass das ein typisches Vorkommnis im wirklichen Leben ist. Behandlungen, die nötig sind, wie das berühmte Loch im Kopf, gibt es schließlich überall in der Zahnmedizin. Das Hauptproblem an dieser Funktionsnummer ist die Geschlossenheit der reinen Glaubenslehre "CMD – Funktionsanalyse – Biss – Sanierung – Ganzkörperbehandlung". Das ist einer Heilslehre vergleichbar. Die Befürworter finden durch ihren Universal Heilanspruch immer einen Grund, warum – auch bei völliger Symptomlosigkeit trotzdem funktionsanalytischer Behandlungsbedarf vorhanden sein soll. Jegliche Kritik wird automatisch mit dem Argument abgebürstet, dass man als Nichtwissender, sprich Ungläubiger, nicht mitreden könne. 

Und das ist die Stelle, Medames et Messieurs FAL, an der ich 22 Jahre eigene Praxiserfahrung und 800 Patienten pro Quartal ins Spiel bringe: mir erzählt so schnell keiner mehr was vom Pferd. Auch kein Patient.

One Reply to “Jungdynamische Kollegin schreibt Kostenpläne”

  1. RE: Jungdynamische Kollegin schreibt Kostenpläne
    Zitat:
    [dass die Behandlerin in aller Seelenruhe Plastikfüllungen im Mund verteilt, laut Plan u.a. auch an einem wenig defekten Kronenrand einer Goldkrone (übrigens alles Analog Berechnungen = erheblich teurer als die GOZ Füllungspositionen), aber die offene Wurzel 37 sich selbst überläßt.]

    Wie?

    Über Wochen hinweg alles mögliche gemacht, was nicht vordringlich ist, aber die undichte Krone am 37 und die OFFENE Wurzel ihrem Schicksal überlassen?

    Privatpatienten leben tatsächlich gefährlich!

    http://zahnfilm.de/af/index.php?option=com_content&view=article&id=892:privatpatienten-leben-gefaehrlich&catid=19&Itemid=100008

Kommentar verfassen