Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1

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Vergleichen Sie auch den Artikel: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 2  und  Zahnärzte überschätzen die eigenen Therapieerfolge gewaltig und Wieder 2 Neuropathikerinnen am Montag vormittag aus der Rubrik Chronische Schmerzen

 

1: Aust Endod J. 2000 Apr;26(1):19-26

    Neuropathic orofacial pain part 1–prevalence and pathophysiology.
    Vickers ER, Cousins MJ.

    Department of Anaesthesia and Pain Management, University of Sydney, Royal North Shore Hospital. rvickers@med.usyd.edu.au

    Neuropathic pain is defined as „pain initiated or caused by a primary lesion or dysfunction in the nervous system“. Neuropathic orofacial pain has previously been known as „atypical odontalgia“ (AO) and „phantom tooth pain“. The patient afflicted with neuropathic oral/orofacial pain may present to the dentist with a persistent, severe pain, yet there are no clearly identifiable clinical or radiographic abnormalities. Accordingly, multiple endodontic procedures may be instigated to remove the likely anatomical source of the pain, yet the pain persists. There have been few studies and limited patient numbers investigating the condition. Two retrospective studies revealed the incidence of persistent pain following endodontic treatment to be 3-6% and 5% of patients; one author with wide experience in assessing the condition estimated its prevalence at 125,000 individuals in the USA alone. In one study, 50% of neuropathic orofacial pain patients reported persistent pain specifically following endodontic treatment. Patients predisposed to the condition may include those suffering from recurrent cluster or migraine headaches. Neuropathic pain states include postherpetic neuralgia (shingles) and phantom limb/stump pain. The aberrant developmental neurobiology leading to this pain state is complex. Neuropathic pain serves no protective function, in contrast to physiological pain that warns of noxious stimuli likely to result in tissue damage. The relevant clinical features of neuropathic pain include: (i) precipitating factors such as trauma or disease (infection), and often a delay in onset after initial injury (days-months), (ii) typical complaints such as dysaesthesias (abnormal unpleasant sensations), pain that may include burning, and paroxysmal, lancinating or sharp qualities, and pain in an area of sensory deficit, (iii) on physical examination there may be hyperalgesia, allodynia and sympathetic hyperfunction, and (iv) the pathophysiology includes deafferentation, nerve sprouting, neuroma formation and sympathetic efferent activity.

 Übersetzung: Neuropathische Mund/Gesichtsschmerzen Teil 1 — Vorkommen und Beschreibung

Der neuropathische Schmerz ist festgelegt als „Schmerz ausgelöst oder hervorgerufen durch eine Verletzung oder Fehlfunktion im Nervensystem“. Der neuropathische Mund/Gesichtsschmerz ist früher als „atypische Odontalgia“ (OA) und „Phantom Zahnschmerz“ bezeichnet worden. Patienten, die neuropathische Mund- oder Gesichtsschmerzen erleiden, beschreiben beim Zahnarzt häufig anhaltende starke Schmerzen, haben aber keine klar erkennbaren klinischen oder röntgenologischen Befunde. Typischerweise sind bei ihnen mehrfache Wurzelbehandlungen vorgenommen worden um die denkbare Quelle der Schmerzen wegzunehmen, aber der Schmerz bleibt. Es gibt nur wenige Studien und beschränkte Patientenzahlen, die sich damit beschäftigen. Zwei rückwärtschauende Studien haben den Anteil von Patienten ermittelt, die unter anhaltenden Schmerzen nach Wurzelbehandlungen leiden: eine Studie 3-6%, die andere 5%. Ein Autor mit viel Erfahrung im Bestimmen dieses Leidens schätzt die Zahl der Betroffenen auf 125.000 Patienten alleine in den USA. In einer Studie gaben 50% der neurpathisch Schmerzbetroffenen an, speziell nach endodontischen Maßnahmen (Wurzelbehandlungen) unter Dauerschmerzen zu leiden. Migräne und Cluster Kopfschmerz gehört zu den Erkrankungen, die das Auftreten von neuropathischen Mund/Gesichtsschmerzen begünstigen. Auch der Zustand nach einem Herpes Zoster Anfall (engl. „Shingles“) sowie die Phantomschmerzen nach Amputationen gehören zu den neuropathischen Schmerzen. Die sich verirrende Neurobiologie in diesen Zustand hinein ist komplex. Neuropathische Schmerzen haben keine Schutzfunktion im Gegensatz zu normalen Schmerzsignalen, die vor schädlichen Einflüssen warnen, die das Gewebe schädigen könnten. Die wichtigsten klinischen Eigenschaften von neuropathischen Schmerzen sind:

  1. auslösende Faktoren wie Verletzungen oder Erkrankungen (Infektion) und häufig eine Verzögerung des Beginns nach der auslösenden Verletzung (Tage bis Monate)
  2. typische Beschwerden wie Dysästhesia (unnormale unangenehme Wahrnehmungen), Schmerzen mit Brennen oder einschießendem stechenden und scharfem Charakter, und Schmerzen in einem Gebiet mit eingeschränktem Empfindungsvermögen
  3. bei der körperlichen Untersuchung findet sich Überempfindlichkeit, Allodynie (leichte Berührung macht Schmerz) und eine Überfunktion des autonomen sympathischen Nervensystems 
  4. untersucht man die betroffenen Nerven, finden sich abgeschnittene Nervenenden (Deafferentation), aussprießende Nerven, Entstehung von Neuromas (Nervgewebshaufen) und (erhöhte) Aktivität des sympathischen Nervensystems

 

  Kommentar: Schon im Jahr 2000 beschreiben die beiden Australier ER Vickers und MJ Cousins exakt das, was ich (Joachim Wagner) seit etwa 2005 hier verstärkt publiziere: es gibt gar nicht so selten Schmerzen im Mund/Gesichtsbereich, die nicht daher kommen, wo sie her zu kommen scheinen. Es stellt sich jetzt eigentlich nur noch die Frage, warum die Zahnärzte hier in Deutschland das noch nicht mitbekommen haben.

PS: Teil 2 folgt selbstverständlich noch 

16 Replies to “Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1”

  1. Guten Tag Herr Wagner!

    Eine Frage: ich habe eindeutig die Art von neuro-Schmerz die Sie beschreiben. Ich bin 25, mittlerweile 4 Zahnlücken und 6 tote Zähne, Wurzelbehandlungen führen nicht zum Erfolg, Schmerzbeseitungung meist erst nach Zahnziehen. Dazu starke diagnostizierte Migräne und chronische Darmentzündung.

    Meine Frage: was kann man denn gegen diesen neuropathischen Schmerz tun? Hochdosierte B-Vitamine werden mir schon in großen Mengen injeziert; auch lauter andere Supplemente nehme ich jeden Tag ein – vor allem wegen Darm.

    im Schmzerzentrum wurde mir empfohlen, Cortison zu nehmen – das würde aber meine Darmflora noch stärker schädigen, so dass Vitalstoffe noch schlechter aufgenommen werden und somit die NErven noch schlechter versorgt werden – ein Teufelkreislauf. (Die Zahnprobleme fingen ja auch erst mit der DArmerkrankung an).

    Sie kennen sich im Thema neuropathischer Schmerz aus, welche Therapieansätze gibt es da?

    ich freue mich sehr auf eine Antwort von Ihnen,

    mit freundlichen Grüßen,

    yxz

  2. Hallo xyz, Schauen Sie sich den neuesten Artikel Neuropathische Schmerzen Teil 2 an. Die Australier sagen: Amitriptylin (ich auch seit Jahren), Carbamazepin (ich auch), und nur bei scharfen einschießenden Schmerzen auch Gabapentin. Ansonsten ist das Einreiben mit Capsaicin gut für Sie. Das gibt es als Medikament, aber schneller und billiger als Cayenne Pfeffer. Im Klartext: Das Essen anschärfen bis die Tränen kommen.

    Viele Grüße
    Joachim Wagner

  3. Trigeminus-Neuralgie
    Sehr geehrter Herr Wagner,

    erst mal vielen Dank für diese informative und engagierte Homepage.

    Nach eingehendem Studium habe ich für mich erkannt, dass ich wohl auch unter einer Trigeminusneuralgie zu leiden scheine:
    Wurzelbehandlung Sommer 2007, nach einigen Wochen erfolgreich (Zahn 34, war dann ruhig), dann aber dummerweise zu einem privaten Endodontologen gegangen (der mich überredet hat, er meinte, er könne den Zahn viel besser abfüllen als mein Kassen-ZA). Er bohrte den ohnehin schon sehr langen Zahn bis in den Kieferknochen (Bohrung über den Zahn hinaus). Seitdem: ständige Schmerzen, Höchstdosen Ibu halfen kaum was, Extraktion Zahn 34, zwei OPs beim Kieferchirurgen, Schmerz kam immer wieder.
    Uniklinik Mainz Mai 2008: Der Gesichtsnerv im linken Unterkiefer sei gereizt/beschädigt. Therapie: Amitriptylin – half wunderbar, Schmerz ging weg (Dosis 40mg über den Tag verteilt, dann immer weniger).

    Weitgehend schmerzfrei von Juni bis August 2008, Amitriptylin verringert bis Null. Ganzer Juli + August: schmerzfrei!
    Seit zwei Wochen (ca. seitdem es nicht mehr warm draußen ist) plötzlich wieder starke Schmerzen (Skala: ca.5), die mich sogar bei interessanter Tätigkeit total nerven. Seit 2 Wochen nehme ich wieder Amitriptylin, schleiche mich wieder rein, bin jetzt schon bei 30 mg täglich, Schmerz will sich nicht bessern. Schwellungsgefühl im OP-Gebiet.

    Das Ganze macht mich depressiv, die Lebenslust lässt immer mehr nach.
    Mein Frage: Gibt es denn auch geheilte Fälle? (Hier auf der HP habe ich noch keine gefunden …)
    Die Expertin an der Uniklinik Mainz sagte, es heilt, aber es kann lange dauern …

    Viele Grüße
    Sabina

  4. re: Trigeminus-Neuralgie
    (Fortsetzung … Sehr geehrter Herr Wagner)
    Weitgehend schmerzfrei Juni bis August 2008, Amitript. verringert bis Null.Ganzer Juli + August: schmerzfrei! Seit zwei Wochen (ca. seitdem es so kalt ist) plötzlich wieder starke Schmerzen (Skala: ca.5), die mich sogar bei interessanter Tätigkeit total nerven. Seit 2 Wochen wieder Amitriptylin, schleiche mich rein, bin jetzt schon bei 30 mg täglich, Schmerz geht nicht weg + Schwellungsgefühl im OP-Gebiet. Das Ganze macht mich depressiv, keine Lebenslust mehr. Frage: Gibt es denn auch geheilte Fälle? (Hier auf der HP habe ich keine gefunden …) Die Expertin an der Uniklinik Mainz sagte, es heilt, aber es kann lange dauern …

    Viele Grüße
    Sabina

    1. Sehr geehrter Herr Wagner,

      auch erst mal vielen Dank für Ihre Homepage!!

      Mir geht es so wie Sabina, nach einem ganz schlimmen Zeit vom Februar 2008 bis Ende Mai 2008. Mit Extraktion eines Backenzahnes, anhaltenden Schmerzen, Wunde wieder aufgemacht, Aufbissschiene etc. Dann Schmerztherapeut, der gab mir Tillidin und den Tip mit Körperakupunktur. Die Akupunktur war dann die ausschlagebene Therapie, Tillidin nur 3mal eingenommen, schmerzfrei von Juni bis Mitte September. Seit es wieder kalt geworden ist, gehen die Schmerzen wieder los, sehr schwankend mal mehr mal weniger.. Habe seit letzter Woche wieder angefangen mit Akupunktur, heute gehe ich mal wieder zum Zahnarzt um mal meine Zähne mal wieder checken zu lassen, machen lassen will ich nichts.. ist Kälte ein größer Faktor bei Neuropathie, was kann man da machen, außer auswandern? Bekommt man von einem normalen Zahnarzt Amitriptylin verschrieben? Was ist die Anfangsdosis?

      Viele Grüße

      Nicole

      1. Hallo Nicole, gut dass Akupunktur bei Ihnen hilft, generell scheint das aber nicht der Fall zu sein. Kälte ist ein sicherer Auslöser von NP Schmerzen bei einem bestimmten Anteil der betroffenen Frauen. Was Ihnen dabei am besten hilft, da kann ich nicht mitreden.
        Amitriptylin verschreibt Ihnen auf jeden Fall Ihr Hausarzt, denn der kennt das Mittel ganz sicher – in der Regel als Antidepressivum. Bei der Verwendung als Anti-NP muss viel niedriger dosiert werden. Ich fange mit 5mg/pro Tag an.

        Viele Grüße Joachim Wagner

    2. Hallo Sabina, ausheilen kann nur die Natur. Wir sind erst am Anfang der Erforschung des Fachgebietes Neuropathien. Ungefähr da, wo die Bakteriologie vor 100 Jahren war. Damals haben auch Ärzte nicht daran geglaubt. Ich erwarte aber schnelle Fortschritte in den nächsten 10 Jahren. Viele Grüße
      Joachim Wagner

  5. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    Guten Tag Herr Joachim Wagner,

    Ich denke nachdem ich das hier gelesen habe , das ich Jahre verschwendet habe der HWS die Schuld meiner beschwerden zu geben! Etliche Spezialisten und tausende von Euro´s für CMD und co. 3 Zähne gerissen und nun nach 2 Jahren laufen noch immer Schmerzen … Ich habe schmerzen im rechten unter und oberkiefer sowie ausstrahlende
    schmerzen ins gesicht und kopf… Dürfte ich mal bei ihnen Vorstellig werden ? Vielen Dank im Vorraus !

  6. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    [quote name=“Marc“]Dürfte ich mal bei ihnen Vorstellig werden ?[/quote]
    Hallo Marc, selbstverständlich dürfen Sie bei mir vorstellig werden. Viele Grüße Joachim Wagner

  7. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    Auf Seite 27 im nachfolgenden Link ist nachzulesen, dass nach Wurzelbehandlungen neuropathische Schmerzen ausgelöst werden, ebenso verschwinden diese Schmerzen auch nicht unbedingt nach dem Ziehen von Zähnen.
    Zahnärzte wollen davon nichts wissen, und sehen solche Beschwerden natürlich nicht mit ihrem Tun im Zusammenhang.
    Die meisten Trigeminusneuralgien sind wahrscheinlich ursprünglich auf dentale Ursachen zurückzuführen.
    „Innervation der Mandibular…..“
    http://d-nb.info/1012218961/34

  8. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    [quote name=“Manuela“]Auf Seite 27 im nachfolgenden Link ist nachzulesen, dass nach Wurzelbehandlungen neuropathische Schmerzen ausgelöst werden, ebenso verschwinden diese Schmerzen auch nicht unbedingt nach dem Ziehen von Zähnen.

    Zahnärzte wollen davon nichts wissen, und sehen solche Beschwerden natürlich nicht mit ihrem Tun im Zusammenhang.

    Die meisten Trigeminusneuralgien sind wahrscheinlich ursprünglich auf dentale Ursachen zurückzuführen.
    [..][/quote]

    Wenn dem so wäre, dann dürften Trigeminusneuraldien nicht bei Menschen mit einem völlig gesunden Gebiss auftreten, die nie beim Zahnarzt waren. Dem ist aber nicht so!

  9. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    Eine neurologische Störung hat neurologische Ursachen und keine dentalen.

    Was hier bereits aus unzähligen Beiträgen hervorgeht, dass jede Reizung durch dentale Eingriffe ein Risiko darstellt.

    Das sollten sich als allererstes mal diejenigen Behandler hinter die Ohren schreiben, die Schmerzpatienten mit unsinnigen Eingriffen am Gebiss traktieren und somit die Schmerzen verstärken und chronifizieren.
    Das betrifft die CMD-Fraktion und insbesondere die Fraktion, die so gerne an Kiefern und Zähnen herumreißt und herumfräst 😡

  10. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    [quote name=“sven“][/quote]

    Wenn dem so wäre, dann dürften Trigeminusneuraldien nicht bei Menschen mit einem völlig gesunden Gebiss auftreten, die nie beim Zahnarzt waren. Dem ist aber nicht so![/quote]

    Die wenigsten Menschen mit einer Trigeminusneuraligie werden ein gesundes Gebiss haben.

  11. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    [quote name=“sven“]Eine neurologische Störung hat neurologische Ursachen und keine dentalen.

    [/quote]

    Wie Du siehst zeigt die Realität aber etwas anders!

  12. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    [quote name=“Manuela“][quote name=“sven“]Eine neurologische Störung hat neurologische Ursachen und keine dentalen.

    [/quote]

    Wie Du siehst zeigt die Realität aber etwas anders![/quote]

    Die Realität zeigt, dass auf der Grundlage einer neuropathischen Störung jede zahnärztliche Behandlung einen Schmerzschub auslösen kann.

    Die Ursache ist nicht der Zahn oder der Zahnarzt, sondern die zugrundeliegende neuropathische Erkrankung, die oft unerkannt ist.

    Das zeigen die vielzähligen Berichte: Dem Zahn wird die Schuld gegeben. Er wird wurzelbehandelt. Alles wird schlimmer. Der Zahn wird gezogen. Es wird noch schlimmer und die Schmerzen bleiben und werden gar schlimmer. Wenn dann immer noch nicht neurologisch behandelt wird, sondern weiter am Gebiss rumgemacht wird durch CMD, Sanierungen und sonstigen völlig wirkungslosen und schädlichen Maßnahmen, die bei einer Schmerzerkrankung nicht helfen, steht am Ende die Arbeitsunfähigkeit.

  13. RE: Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1
    Dazu kann ich nur jedem raten das Buch von Dr. Ernesto Adler: Störfeld und Herd im Trigeminusbereich, zu lesen.

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