Zement, der nicht mehr in den Mund gehört

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Die "alten" Zahnmediziner, worunter diejenigen zu verstehen sind, die noch an der Uni in richtige Münder Amalgam verlegen gelernt haben *), kennen den sogenannten Phosphatzement auch noch in der täglichen Füllungsbehandlung. Gelehrt wurde beispielsweise an der Universität sany0021.jpgMarburg im Zeitraum bis 1983 (meine Studienzeit), dass unter Amalgam unbedingt immer (!) Phosphatzement zu verlegen sei und darunter je nach Tiefe Calciumhydroxyd- Präparate. Phosphatzement hat sicherlich einige interessante Eigenschaften: a) kostet er in der Produktion fast nichts (Zinkoxyd und Phosphorsäure), b) ist er weiß, c) ist er chemisch halbwegs stabil gegenüber Säuren, d) hat er eine mittlere Bruchfestigkeit und e) härtet er in Minuten aus. Das waren bis 1970, vor dem Erscheinen von ernstzunehmenden Alternativen, sany0032.jpgsicher alles ganz vernünftige und gute Argumente. 

Aber heute schreiben wir das Jahr 2008. Inzwischen gibt es neue Erkenntnisse:

  1. Wir brauchen keine Schicht Phosphatzement zwischen Dentin und Amalgam, die war nur im Kopf von bestimmten Lehramtsinhabern vor 1980 notwendig – auf die Beweisführung verzichten wir hier großzügig. Amalgam kann mit bestem Erfolg direkt auf das Dentin verlegt werden.
  2. Zum Zementieren von laborgefertigten Ersatzstückchen (Krone etc.) ist Phosphatzement eher schlecht geeignet: a) versetzt die dann noch aktive Phosphorsäure den lebenden Odontoblasten (Zellen im  "Zahnnerv") im Moment des Zementierens einen Säureschock und b) lösen aggressive Flüssigkeiten in der Mundhöhle den Phosphatzement am Rand nachweislich auf.
  3. Als Zwischenschicht oder "Unterfüllungsmaterial" eignet sich Phosphatzement deshalb wenig,  weil a) das Material eine ganz geringe Biegebruchfestigkeit hat (bricht sofort bei Biegebelastung) und b) von alleine nicht auf den Dentin haftet, also immer auf Unterschnitte etc. angewiesen ist und deshalb von planebenen Flächen garantiert herunterfäll.
  4. Auch die "beliebte" Verwendung von Phosphatzement als Provisorium in aufgebohrten Zähnen ist problematisch. Das Zeug bricht sehr leicht, kaut sich dramatisch schnell ab und fällt wegen seiner nicht vorhandenen Transparenz sofort als Baustelle auf.

In jedem einzelnen Punkt sind die konventionellen Glas Ionomer Zemente (konv GIZ) – das sind solche, die nicht mit Licht, sondern ausschließlich chemisch härten – dem Phosphatzement haushoch überlegen.

  • konv GIZ eignet sich hervorragend zum Zementieren aller Restaurationen aus Gold, Keramik und Kunststoff. Die dabei frei werdende Polyacrylsäure reizt den Zahnnerv nicht ein Viertel so stark wie Phosphorsäure, trotzdem ist abgebundener GIZ viel lösungsfester als Phosphatzement.
  • konv GIZ ist DAS (!) Unterfüllungsmaterial schlechthin. Ganz besonders bei Kunststoff im Seitenzahnbereich. Der wichtigste Vorteil dabei ist, dass bei einer zu befürchtenden Undichtigkeit der Kunststoff Füllung die Karies trotzdem keine Chance hat, weil GIZ als Zwischenschicht mit einem Rohanteil von 25% Fluorid die Säureangriffe wirkungslos macht. Dazu kommt, dass GIZ ohne jede Vorbehandlung mit einer ganz erheblichen Kraft (vermutlich mehr als 10 MPa) auf Dentin klebt – auf Dauer.
  • Wenn Zähne provisorisch zu versorgen sind, dann sollte jeder Zahnmediziner unbedingt konv GIZ als Möglichkeit einbeziehen. konv GIZ ist heute keineswegs mehr so bruchempfindlich, wie das gerne von Kunststoff Verkäufern behauptet wird, kaut sich auch nicht mehr so schnell (wir reden von Jahren, nicht Wochen) ab und ist farblich fast so gut, wie Composite.

 

Und jetzt reden wir mal Tacheles, warum bis heute immer noch mit Phosphatzement zementiert wird: aus erster Quelle höre ich: "weil das preiswerter ist". Für wen das preiswerter ist, brauchen wir hier nicht zu fragen. 

Ich – Joachim Wagner, Autor von Zahnfilm DE – verwende seit mindestens 10 Jahren ausschließlich Glasionomerzement (vorwiegend in der Form von "Ionofil" von Voco zum Handanmischen) zum Zementieren jedes Teilchens, das in meinem Laden in einen Mund festmontiert wird. Seit dieser Zeit hat sich a) die Zahl der Pulpitiden nach Einsetzen von Kronen stark verkleinert, b) das Dezementieren (Ablösen) der Kronen vom Stumpf verringert und c) Schwerstkaries unter noch relativ jungen Kronen (unter 10 Jahren) nicht mehr gezeigt. Aus meiner Sicht gibt es keinen vernünftigen Grund, noch irgendein anderes Material einzusetzen. 

Noch ein Wort zu "Durelon" = Polyacrylsäure mit Zinkoxyd Zement: Durelon habe ich in der Anfangszeit meiner Praxis von 1986 bis ca. 1994 zum endgültigen Zementieren von Kronen etc. verwendet. Die Ergebnisse waren zum Teil verheerend, darunter befanden sich: unbemerkte Ablösungen der Kronen bei verblockten Konstruktionen mit kariösem Untergang der KronenAnker, Stiftlockerung, Auflösung des Zementes am Rand, vergleichsweise häufige Karies unter Kronen mit Durelon.

*) Nebenbei: Es ist ein Skandal erster Güte, dass die jetzt heranwachsende Zahnmediziner Generation von Amalgam mehr oder weniger keine Ahnung hat. Zwar werden die Kandidaten noch mit dem Stoff behelligt und müssen sogar an Plastikpuppen das"gefährliche" Material in Plastikzähne stopfen, sehen aber nie in ihrem Leben aus eigener Erfahrung, was Amalgam aus ihrer Hand mit richtigen Zähnen in lebenden Menschen macht. Nämlich meistens nichts, vor allem nichts überempfindlich beim Beissen.

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