Warum es keinen Master of chronischen Gesichtsschmerz gibt

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Lesen Sie dazu auch die Artikel Prof. Dr. Jens Türp jetzt auch auf der Gehaltsliste von Pischl   und Neues ist schwer   aus der Rubrik  Betrifft Patienten

 

 

Im zahnärztlichen Gewerbe – hätte ich fast gesagt – wird derzeit gemastert, als gäbe es diese neudeutschen Adelstitel für umsonst. Die Zahnuni Hannover bietet den Master of Lingualverdrahtung für Kieferorthopäden an. Falls Sie das für Unsinn halten, es ist Unsinn, aber es wird wirklich angeboten. Ähnlich zweifelhafte Lehrgänge für richtig teures Geld sind auf dem Markt für Kieferbewegungen, Wurzelbehandlung und Milchzähne. Jeweils als einzelner „Studiengang“ für 2 bis 3 Jahre mit 20 bis 30 Tausend Euros.

Angeblich gibt es in Deutschland den großen Bedarf an Höchstleistern für diese Verrichtungen. Glauben immerhin die Zahnmediziner. Merkwürdigerweise erreichen mich aber immer wieder Briefe wie diesen:

 Sehr geehrter Herr Wagner,

aufgrund Ihrer Internetseite wende ich mich hiermit an Sie. Nachdem ich den Test für neuropathische Schmerzen gemacht habe, liegt der Verdacht nahe, dass bei mir der Trigeminusnerv angeschlagen ist.
Mittlerweile habe ich diverse Zahnärzte und Kieferchirurgen konsultiert, aber keiner geht auf diesen Verdacht ein. Es wird geradezu abgeblockt (vielleicht durch Nichtwissen?).
Kennen Sie einen Zahnarzt in München oder Umgebung der sich auch mit dem Trigeminusnerv auskennt und behandeln kann?
Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen
XY
 

P.S.: Sie sind meine letzte Hoffnung!

 Offenkundig gibt es einen ungedeckten Bedarf in der Abteilung „chronische Schmerzen im Kiefer/Gesichtsbereich“, sowohl in der Grundversorgung (GKV), als auch in höherpreisigen Segmenten. Wir stellen also fest, dass auf der einen Seite – am Markt vorbei – ein Haufen Kollegen sich fit macht für die erhoffte Behandlung des obersten 1% des zahnmedizinischen Marktes in den Disziplinen, für die es sowieso schon lange Koryphäen gibt – aber auf der anderen Seite bei einem stark nachgefragten zahnmedizinischen DauerProblem nicht einmal eine Grundversorgung existiert. Wie kommt das?

Nichtwissen

Der Patient oben hat das ganz richtig erfasst. Diverse Zahnärzte und Kieferchirurgen wissen vielerorts nichts von einer Neuropathie. Und sie sind keine Minderheit. Also ist der Fehler in der Ausbildung zu vermuten. Schaut man sich die derzeitige Situation dort an, bestätigt sich leider die Vermutung. Ich hatte Gelegenheit während des Schmerzkongresses 2008 in Berlin eine Vertreterin der Zahnersatz Abteilung der Uni Münster zum Problem der chronischen Schmerzen zu hören. Dazu nur ein Satz: An keiner einzigen Stelle kam die Tatsache vor, dass 75% der Leidenden weiblich sind. Sagen wir, es war nicht erhellend.

Kinderschuhe

Fairerweise muss gesagt werden, dass viele wichtige Erkenntnisse zum Thema Neuropathie insbesondere des Trigeminus ziemlich frisch sind. Zwar ist der Begriff Neuropathie sehr alt und heißt übersetzt: Folgen einer Erkrankung der Signalübertragung. Aber die wirklich engere Forschung in diesem Gebiet ist maximal 20 Jahre alt, und das, was über die derzeitig mögliche Therapie bekannt ist, ca. 10 Jahre. Stimmt nicht ganz, Amitriptylin ist seit mehr als 20 Jahren auch schon als atypisches Schmerzmittel im Gebrauch. Die Forschung kommt erst jetzt richtig in Fahrt und es wird in nächster Zukunft ganz sicher Neues geben.

Unbefriedigende Therapie

Leider ist es bis heute so, dass wir genau 25% der Schmerzen garantiert wegbekommen. Wieso so wenig, werden einige fragen? Die besten derzeit bekannten und durch doppelblinde Studien überprüften Wirkstoffe (Amitriptylin, Carbamazepin, Gabapentin) wirken nur bei jedem 2. Betroffenen. Mit anderen Worten: bei der Hälfte der Betroffenen wirken sie nicht, oder nicht ausreichend. Leider. Und da, wo sie wirken, erreichen wir in aller Regel eine Schmerzminderung um ca. 50%, was für einen Schwererkrankten aber den Unterschied zwischen Hölle und erträglich ausmacht und deswegen eben nicht unwichtig ist.

 

Zurück zur Eingangsfrage

Warum werden wir trotzdem auch in Zukunft kaum einen Master of chronischen Gesichtsschmerz sehen? Es ist der nicht überbrückbare Unterschied zu den handwerklich ausgerichteten „normalen“ Zahnarztdisziplinen:

medizinisch

denken heißt, sehr vieles in Frage stellen, skeptisch sein, wirkliche Fortbildungen besuchen, nicht nur im eigenen Saft braten, besonders nicht im zahnmedizinischen. Wissenschaftlich begründete Artikel studieren und neuestes Wissen lernen wollen. Keine Guru Veranstaltungen besuchen und dem Oberzampano alles glauben, sondern selbst denken.

chronisch

Zahnärzte sind es einfach nicht gewöhnt, immer wieder den gleichen Patienten zu sehen und die gleiche Grunderkrankung in einer weiteren Variation zu hören und damit umzugehen. Sie wollen akut bohren und dann diese Baustelle die nächsten 20 Jahren nicht mehr angehen. Egal ob es die „orale Rehabilitation“ im Wert eines neuen 5-ers geht, oder „nur“ um eine Wurzelbehandlung; chronisch ist kein Konzept, das im zahnärztlichen Denken Platz hat.

unprofitabel

Schaue ich mir die Rechnung meines Neurologen nach 3 Konsultationen mit einem persönlichen Einsatz des Meisters von lockeren 60 Minuten an, dann kommen mir als Zahnmediziner die Tränen: keine 120 E. und davon die Hälfte für das EEG. Dafür dreht sich der Implantologenbohrer keine 10 Minuten.

 

  Zusammenfassung: Entweder geschehen Zeichen und Wunder und die Zahnmediziner mutieren tatsächlich zu Medizinern (unwahrscheinlich), oder das (Nicht)-Geschäft mit den Dauerschmerzen im Mund und Kiefer bleibt wie bisher abgetrennt vom Zahnarzt (wahrscheinlich), der dafür dann richtigerweise auch Zahnbohrfachmann/frau genannt werden müsste.

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