Tod einer Pulpa – was die Gesundheitspolitik tun kann

Lesen Sie auch die Artikel  Dr. David. H. Pashley does not like the 1-bottle-bonder und  Neues ist schwer aus der Rubrik  Betrifft Patienten

 

Der Artikel 2 Seiten vorher hier an dieser Stelle über "Kopfschmerzen nach dem Plombieren" mit dem nachfolgenden Exitus der Zahnpulpa (Zahnnerv), obwohl es laut Behandlerin um eine kleine Kunststoff Füllung fern der Pulpa ging, veranlaßt mich in der Rückschau heute eine grundsätzliche Frage aufzuwerfen: Wieso bekommen wir Zahnärzte und die betroffenen Patienten von der Wissenschaft und/oder der Herstellerseite im Grunde gar keine Informationen zu den offenbar nur von mir und vielen Patienten beobachteten schweren Nebenwirkungen der Kunststoff Füllungen mitgeteilt.

Über die Industrie und ihre Auskunftsfreude mache ich mir keine echten Sorgen, das Problem ist eher die Wissenschaft als unabhängige Wächterin. Wo gibt es kunststoffkritische Äußerungen, die durch handfeste Beweise, am besten großangelegte Feldstudien belegt werden können. Antwort: Ist nicht. An dieser Stelle hören wir häufig das Argument, es hätte ja keinen Sinn, heute mit Kunststoff A und Bonder B eine große Studie anzufangen, weil es Kunststoff A und Bonder B in der Zusammensetzung in 5 Jahren sowieso nicht mehr gibt. Bon. Das ist zwar nur ein Scheinargument, weil die grundsätzliche Zusammensetzung der Plastikwerkstoffe im Mund sich nicht wirklich seit etwa 30 (!) Jahren geändert hat, es handelt sich nach wie vor essentiell um gemahlenen Sand vermischt mit flüssigen Kunstharzen, die mit Kampferchinon lichtempfindlich gemacht werden. Aber vordergründig reicht das offenbar als Ausrede.

Und nun zu meiner Idee, wie wir an belastbare, neutrale und vor allem frei und schnell verfügbare Massendaten zu dem Problem herankommen, ob es gravierende Nebenwirkungen der Füllungskunststoffe gegenüber anderen plastischen Materialien gibt. Ich selbst sammle seit etwa 2 Jahren  – wenn ich gerade ein wenig Zeit und Lust habe – selbstgeschriebene Berichte von Zahnarztpatienten in den einschlägigen Foren im Internet über Nebenwirkungen von Kunststoff Füllungen. Dazu hat es 2 Sammelbecken. Im Neueren, das vom Juli 2008 bis jetzt reicht steht der aktuelle Zähler bei 17 eindeutigen Fallgeschichten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass

  • ich die nur spärlich ausgeschmückten Beiträge gar nicht berücksichtige (50% Verlust)
  • ich diese Arbeit eben nicht systematisch durchführe (min. 50% Verlust)
  • ich alle Beiträge, bei denen der Schmerz auch noch eine andere Quelle als die frische Kunststoff Füllung haben könnte, gleich weglasse (min. 50% Verlust)

Dazu  kommt die Dunkelziffer derjenigen, die kein Internet haben, die Foren nicht finden, keine Zeit für das Surfen haben, nicht schreiben wollen …. von geschätzten 1 zu 1000. Hochgerechnet komme ich also in 4 Monaten auf 136.000 Fällen von ernsthaften Nebenwirkungen bei der Anwendung von Kunststoff in Zähnen. Wir reden also von gesundheitspolitisch bedeutsamen Dimensionen. Falls den mitlesenden Beamten im BMG die Rechnung unplausibel erscheint, dann kalkulieren Sie einfach folgendermaßen: 20% aller Kunststoff Füllungen machen ganz sicher vorrübergehend Beschwerden. Mindestens 2% eher 5% machen eine dramatische Pulpitis bis zum Pulpenuntergang. Das sind bei 10 Mio. Füllungen in Deutschland minimal 200.000, realistisch eher 500.000 pro Jahr. Daraus entstehen bei 300 Euro direkten Folgekosten (Wurzelbehandlung, Extraktion, WSR, Zahnersatz) beim Zahnarzt und 200 Euro indirekten (Schmerzmittel, Arbeitsausfall durch extra Sitzungen beim ZA)  runde 100 bis 200 Mio. Euro jedes Jahr. Peanuts sind das meiner Meinung nach nicht.

Was wir brauchen ist ein fleissiger Mitarbeiter in einem der staatlichen Institute für Qualitätssicherung in der Medizin, von denen es alleine in Köln 2 Stück hat, der systematisch das deutschsprachige Internet tagtäglich nach Forenbeiträgen dieser Art durchforstet und diese in einer Datenbank einträgt. Selbstredend müssen alle Materialien z.B. Amalgam, GIZ, kunststoffverstärkter GIZ, Keramikteilchen … berücksichtigt werden. Auf diese Weise kämen wir zu einem Datenpool, der die wichtigsten Anforderungen an klinischen Studien erfüllt:

  1. randomisierte (zufällig ausgewählte) Zähne und Materialien in zufällig verteilten Patienten, also keine Bevorzugung von guten Putzern für Kunststoff z.B.
  2. repräsentative Patientenauswahl, also nicht immer nur die Gesunden oder "besonders Geeigneten".
  3. kontrollierte Bedingungen. Das bedeutet, dass immer gleichzeitig zum untersuchten Material (hier Kunststoff) die anderen Matieralien parallel unter denselben Bedingungen mitgetestet werden. Nur so läßt sich eine Beeurteilung überhaupt erstellen. In der Zahnmedizin gibt es leider viel zu viele nichtkontrollierte Studien. Die sind schlicht und einfach für die Mülltonne.
  4. Multicenter = nicht ein Untersuchungsteam macht Füllungen, sondern 50.000 – 100.000 wirkliche Zahnärzte  werden einbezogen, also die "Tollen Hechte" und die "Schlechten" und die 90% Normalos.
  5. es findet keine systematische Beeinflussung der Ergebnisse durch spezielle Einflüsse statt, wie z.B. getürkte Auswahl der verwerteten Patientendaten, zu kurze oder zu lange Zeit, in der die Ergebnisse erfasst werden, auf die Eigenschaften eines Materials zugeschnittene Versuchs- und Erfassungsbedingungen etc. 

Kurzum: Hier liegt eine elegante Möglichkeit, an hochwertige, auf anderem Weg kaum greifbare, Daten schnell, preiswert und für jeden transparent zu gelangen. Die Transparenz ist dadurch gewährleistet, dass die zu schaffende Datenbank öffentlich zugänglich sein wird. Innerhalb von 2 Jahren würden dann nach meiner Erfahrung belastbare Daten vorliegen haben, die in einer statistischen Auswertung konkrete und stabile Aussagen über die heute angewendeten Materialien und ihre unerwünschten Nebenwirkungen zulassen.

Ich bin sicher, dass dabei eine glasklare Aussage zuungunsten von Kunststoff herausschaut. Ob es dann 4 zu 1 (harte Nebenwirkungen von Kunststoff zu denen von GIZ und Amalgam) ausgeht, wie uns die Wissenschaft aus Großbritannien (wo deutlich mehr GIZ verarbeitet wird) bereits sagt, oder gefühlte 10 zu 1, lasse ich heute offen. Und auch die Bemerkung lasse ich dem Zusammenhang fallen: Inlays, besonders die weißen werden bei dieser Statistik wahrscheinlich unangenehm auffallen. 

 Ein Ergebnis einer solchen Fleissarbeit könnte es z.B. sein, dass die Plastikfüllungs Materialhersteller ihre Verarbeitungsvorschriften ändern müssen. Darin sollte die unkritische Verklebung von Kunststoff auf offene Dentinkanäle als problembehaftet dargestellt werden und im Zweifel lieber eine Unterfüllung aus zahnfreundlichem Material, wie z.B. GIZ verlangt werden. Außerdem muss die Wissenschaft aufgefordert werden, die gefundenen Daten mit entsprechenden Theorien und Versuchen auch in der Lehre abzubilden, damit die heranzuziehenden Folgegeneration von Zahnmedizinern nicht zu unkritisch an ein Problemmaterial herangeht.

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