Kiefergelenks Schmerzen – vielleicht

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Das verspricht eine interessante Fortsetzungsgeschichte zu werden.

sany0025.jpgFrau L (60) erscheint heute in der Sprechstunde mit folgender Fehlerbeschreibung: seit ca. 1 Woche leidet sie unter zunehmenden Schmerzen, die sie deutlich im rechten Kiefergelenk lokalisieren kann. Auf Nachfrage bestätigt sie, dass das Öffnen und das Bewegen des Unterkiefers nach links verstärkt Schmerzen auslöst. Sie ist auch im Besitz einer Schiene aus einer früheren Kiefergelenksgeschichte, aber das Teil paßt nicht mehr.

 Der Fall sieht vollkommen übersichtlich aus und ich will gerade die Arbeit abgeben an meine Hilfen zur Abdrucknahme und Anfertigung einer Schiene, dann fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, doch vorsichtshalber einen Blick in den Mund (!) zu riskieren. Der Patientin, die sich ihrer Diagnose sicher ist, begründe ich das damit, dass es doch oberpeinlich wäre, wenn sich erst Wochen nach der nicht erfolgreichen Schienenbehandlung herausstellt, dass ein dickes Loch schuld an den Schmerzen ist. Und was stellt sich heraus? Bingo, der 48 (im Bild letzter nach oben) ist unser Zahn des Tages.

Dieser hat auf Zahnfleischhöhe auf seiner Rück/Außenseite (gerade eben im Bild nicht mehr erkennbar) eine ganz ordentliche Karies mit einer geschätzten Tiefe von 1,5 bis 2 mm, was an der Stelle die Pulpa gefährdet. Beim Klopfen mit einem Metallinstrument reagiert der 47 (vorletzter Zahn) negativ, der 48 leicht positiv. Das paßt zur tiefen Karies, denn der Zahnnerv ist nicht mehr 100% okay. Bei der Kälteprobe meldet sich der 47 schnell, der 48 fast nicht mehr, auch das ein Hinweis auf einen möglicherweise im Untergang befindlichen Zahnnerv.
Ich teile der Patientin meine Beobachtungen mit und stelle sie vor die Wahl 1) Entfernung des 48 durch den Chrirugen oder 2) Schienenanfertigung, lasse sie aber nicht am Zweifeln, welche Lösung ich für die Richtige halte, nämlich 1). Die Patientin entscheidet sich für 2).

Schön. 3 Stunden später sehe ich die Patientin noch einmal zum Einsetzen der OK Schiene. Dabei fragt sie mich, ob diese auch für tagsüber geeignet ist. Ja sicher, ist die Antwort. Der Schmerz würde jetzt etwas zunehmen, deshalb würde sie die Schiene gleich im Mund lassen.

Diagnose und Prognose heute Dienstag 09.12.2008: Ich glaube nicht an das Kiefergelenk als Ursache der Schmerzen. Selbst die eindeutigen Bewegungsschmerzen beim Öffnen und Seitwärtsbewegen des Unterkiefers können nicht als glasklarer Beleg für eine Entzündung im Gelenk gedeutet werden. Warum nicht? Weil wir inzwischen aus neurophysiologischen Versuchen an Mäusen und Ratten ganz gut wissen, wie die 1. Zellebene des Trigeminus (alle Fasern von Haut, Schleimhaut, Zahninnerem, Kiefergelenk, Kieferhöhle, Auge …) mit der folgenden 2. Ebene (so genannte "wide dynamic range neurons = WDR-Neuron" im Stammhirn) verschaltet ist. Es ist so, dass Fasern von einzelnen Pulpen (Zahninnerem) zusammen mit Fasern von Hautbezirken um den Mund und Fasern aus dem Kiefergelenk auf ein und demselben WDR-Neuron landen. Insbesondere werden grundsätzlich Ober- und Unterkieferpulpen gemischt mit Schleimhaut- und Hautbereichen UND dem Inneren des Kiefergelenks. Neuroanatomisch ist es also einfach zu erklären, wieso es bei einer Pulpitis (Zahnnerventzündung) zu Kiefergelenksschmerzen kommt. Der Schmerzpatient ist gar nicht im Stande, den wirklichen Ursprung herauszufinden, weil das Mischpult ihm keine Einzelsignale liefert, sondern nur ein Summensignal.
Deshalb wage ich heute die Behauptung, dass ich Frau L. in den nächsten 2 Wochen wiedersehen werde, und auch der Chirurg eine Beschäftigung erhält. Danach werden die Kiefergelenksprobleme "mysteriöserweise" wieder verschwinden.

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