Nicht klopfempfindlich, aber 5 Sekunden später

Lesen Sie auch die Artikel Überempfindliche Zähne mit Wurzelbehandlung nicht therapierbar und Die Hochempfindlichen = so wenig wie möglich behandeln aus der Rubrik Chronische Schmerzen

Die Internet Beratung von zahnmedizinisch unplausiblen Dauerschmerz Fällen gewinnt allmählich eine eigene Dynamik. Neue Patienten erscheinen in der Praxis aus entfernteren Gegenden, um eine Diagnose und häufig auch eine Behandlung zu erlangen, die ihnen anderswo anscheinend nicht zugänglich ist. Gestern reiste Frau L. (38) aus Essen an, um sich beraten zu lassen.

Befund: Rechts unten fehlen alle Zähne ab der Nummer 5 nach hinten, links unten fehlt der 6er. Zahnärztliche Bearbeitungsspuren weisen ansonsten nur die Zähne 16 und 37 auf; alle anderen sind noch im kariesfreien Originalzustand. Zahn 16 ist wurzelbehandelt und dazu wurzelreseziert (WSR), Zahn 37 hat eine vergleichsweise simple, wenn auch ausgedehnte Füllung nur auf der Kaufläche.

Die wesentlich wichtigere Krankengeschichte. Wie kam es zum Verlust der Zähne 46 und 47? Die rothaarige Patientin erzählt von schon immer extrem empfindlichen Zähnen. Die kleinste Bohraktion beim Zahnarzt sei immer eine Tortour gewesen, auch mit Betäubung. Angefangen habe das Problem mit Füllungen rechts unten und Schmerzen, die nicht verschwinden wollten, vor mehr als 5 Jahren. Damals behandelte sie noch ihr Schwager, der Zahnarzt ist. Mit bestem Material, gutem Willen und viel Einsatz sei immer wieder versucht worden, die Lage zu beruhigen, bis denn zur Wurzelbehandlung gegriffen werden mußte. Aber auch die Entfernung der Zahnnerven war nicht erfolgreich, die Schmerzen blieben. Daran änderte auch der Einsatz eines Endontologen nichts mehr. Mittlerweile bat der Schwager unsere Patientin von sich aus um einen Behandlerwechsel, weil seine Mißerfolgsquote sich der 100% Grenze näherte. Ein hinzugezogener Kieferchirurg plädierte für das Entfernen der beiden wurzelbehandelten Unterkiefer Backenzähne, obwohl im Röntgenbild keinerlei Anhaltspunkte für eine Entzündung sichtbar waren. Seiner Meinung nach ist Frau L. für Wurzelbehandlungen grundsätzlich „nicht geeignet“, die würden nie funktionieren. 2003 entfernte der Mann dann nacheinander 46 und 47. Danach besserte sich immerhin die Lage rechts unten.
 Als weiterhin problematisch erwies sich der Zahn 16, der vom Endodontist fachgerecht wurzelgefüllt worden war, sich aber nie ganz beruhigen wollte. Auch die dann durchgeführte WSR konnte das Problem nicht wirklich ändern. Der links unten befindliche 37 sei kürzlich bei ihrer neuen Zahnärztin „vorläufig“ mit Anästhesie aufgebohrt und mit Zement verschlossen worde. Die Kollegin habe wegen der nicht ausreichend wirkenden Spritze nicht tief genug bohren können. 

Für die Freiendlücke im Unterkiefer rechts hatte sich Frau L. gedanklich auf eine Implantat Behandlung eingestellt. Die kieferorthopädische Freihaltung der Lücke wurde veranlaßt und ein Finanzplan zur Dübelversorgung aufgestellt, smile … Die Geburt ihres Kindes ließ den Plan vorläufig platzen. Aus der KFO Behandlung besitzt sie diverse Schienen und beim Gebrauch einer bestimmten Kombination hat sie vor einer Woche den Zahn 16 zum starken Schmerzen gebracht. Das war der eigentliche Anlass, gestern den Internet Zahnarzt aufzusuchen.

Spezielle Untersuchung: Mit der Hakensonde umfahre ich alle Backenzähne insbesondere auch im Zahnzwischenraum. Wie aufgrund der annähernden Kariesfreiheit im Mund (abgesehen von den extrahierten Zähnen, sind genau 2 Beisser überhaupt plombiert) zu erwarten war, gibt es keinerlei Anhaltspunkte für irgendwelchen Schwund durch Karies. Auch nicht am Zahn 37, von dem die Behandlerin meint, dass noch „tiefer“ gebohrt werden müsse. Die Kälteprobe erbringt genau die richtigen Ergebnisse, bis auf 16 reagieren die Zähne mit Kälteschmerz. Und dann die Überraschung: beim systematischen Abklopfen aller Zähne auf der rechten Seite erweisen sich die alle Zähne – auch Zahn 16 – als klopfunempfindlich. Aber nur 5 Sekunden nach dem Klopfen auf den 16 kommt es zu einer heftigen Schmerz/Druck Attacke rechts oben, die über den Rest der Untersuchungszeit (mehr als 10 Minuten) anhält.

Interpretation der Befunde & Krankengeschichte:  Diese Neupatientin leidet mindestens unter Kombinationsschmerzen aus hochempfindlichen Zähnen und einer Verselbstständigung von Zahnschmerzen, die wir neuropathische Schmerzen des Trigeminus nennen. Vielleicht ist auch nur die Neuropathie als alleinige Ursache im Spiel. Was spricht für diese Diagnose?

  • a) Die Patientin ist kein Karies Risikofall. Beweis siehe oben.
  • b) Die Behandlung der bisher zahnärztlicherseits angefaßten Zähne (16,37,36,46,47) endete ausnahmslos (!) in Dauerbeschwerden bzw. Extraktionen.
  • c) Es waren verschiedene, darunter sehr motivierte (Schwager) und kompetente (Endodontist) Behandler beteiligt. Dass alle Behandler in allen Fällen schlecht gearbeitet haben, ist extrem unwahrscheinlich.
  • d) Die laufende Behandlung des 37, die von der Zahnärztin abgebrochen wurde, weil das Entfernen von „Karies“ (sichtbar gemacht mit Anfärbeflüssigkeit) trotz Anästhesie zu schmerzhaft war. 
  • e) Zahn 16 wurde trotz nicht vorhandenem Röntgenbefund mit einer WSR „behandelt“. Auch diese WSR hatte Null Erfolg. Beides, der Nichtbefund im Rö-Bild und der Nichterfolg stellt bei neuropathischen Patienten den Normalfall dar.
  • f) Das erstaunliche Schmerz/Zeit Profil beim Klopfen auf den 16. Wenn ein „normaler“ entzündeter oberer Backenzahn mit einem Metallinstrument abgeklopft wird, zuckt der Patient sofort im Behandlungsstuhl, weil das gut weh tut. Frau L. hat nicht gezuckt und noch einmal wörtlich bestätigt, dass das Klopfen auf 16 sich nicht anders anfühlt, als auf die gesunden Nachbarzähne. Kaum hatte sie es gesagt, kam der bekannte Schmerz und Druck ungefähr am 16. Das ist ein glasklarer Beleg gegen eine entzündliche Verursachung der Schmerzen. 

Frau L. sagte zwischendrin: „Eigentlich habe ich jetzt gar keine Lust mehr auf irgendeine zahnmedizinische Maßnahme, denn völlig egal, was gemacht wird, es geht ja doch alles in die Hose …“. Und genau so sehe ich das auch. Frau L. ist eine Patientin, die am besten auskommt ohne Zahnmedizin, jedenfalls die, die wir heute als solche verstehen. Dazu, liebe/r Leser/in, schauen Sie noch mal unter dem Punkt d). Da bohrt also eine Zahnbohrfachfrau feste in dem Zahn 37 unserer Patientin L. herum, weil sie meint, dass da noch Karies sein müsse, denn die Färbeflüssigkeit zum Anfärben von Karies wäre das Maß der Dinge. Was die Bohrfachfrau jedoch dabei übersieht, sind sehr schwerwiegende Argumente gegen jedes Weiterbohren in diesem Zahn bei dieser Patientin

  • 1) Frau L. hat rote Haare und extrem empfindliche Zähne. Das hat enorme Auswirkungen auf die zulässige Bohrtiefe und -menge. Das weiß man als erfahrener Behandler irgendwann. Die Kollegin offenbar noch nicht.
  • 2) Färbeflüssigkeit zum Erkennen von Karies ist für Bohrfachleute, die nie ein Handinstrument zum Wegnehmen von erweichtem Dentin verwenden. Wer die Zähne immer nur mit dem Elektrobohrer „bearbeitet“, muss sich nicht wundern, wenn er öfter zu tief herauskommt.
  • 3) Frau L. hat kein Problem durch Karies und auch nie ein solches gehabt. Frau L. hat alle Probleme im Mund durch zu mechanische „Fachbohr“ Behandlung erlitten. Und der Zahn 37 ist auf dem besten Weg, das gleiche Schicksal zu nehmen, wenn die Behandlerin zum nächsten „Tieferbohren“ ausholt. *)

Und daraus gewinnen wir einen Merksatz: Hochempfindliche Zähne und deren Besitzerinnen müssen anders behandelt werden. Schonender, biologischer und intelligenter.

*) Gedankenexperiment: Angenommen die Behandlerin hat tatsächlich noch richtige weiche Matsche ganz unten drunter gelassen. Was glauben Sie, wird passieren, wenn diese durch eine GlasIonomerZement Füllung zur Mundhöhle hin dicht abgeschlossen wird? Richtig. In aller Regel nichts. Den Bakterien geht der Nachschub ganz schnell aus.

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