Gutachter lehnt sich weit aus dem Fenster

Lesen Sie auch die Artikel Folgender Fall: Meine zahnärztliche Assistentin beantragt für einen 42- jährigen Patienten eine   und   Der Kassen-Gutachter als Feinbild  aus der Rubrik Biss, Knirschen und ‚Funktion

 

Gutachter lehnt sich weit aus dem Fenster

Liebe Leser/in, schauen Sie sich zunächst die gesamte Bildergeschichte an. Dazu brauchen Sie nur auf das Foto doppelklicken und auf der Fotogalerieseite am Besten die „Diashow“ anwählen.

 

Mutig nenne ich das Vorgehen meines Lieblings Gutachters im konkreten Fall von Patient W. (48), der mit der einfachen Bitte zu mir kam, doch seine jetzt nicht mehr so ansehnlichen Kronen aus 1989 zu erneuern. Aus meiner Sicht als zahnmedizinischer Behandler ist der Fall eigentlich eine Nullnummer. Herr W. hat seinen letzten Zahn beim Vorbehandler vor mehr als 20 Jahren verloren, in meiner Amtszeit also keinen einzigen mehr, die Kariesfrequenz ist ziemlich genau Null, auch der Parodontalbefund entspricht der altersgemäßen Entwicklung einer ganz gemütlichen und gutmütigen Erwachsenen Parodontitis, die in den nächsten 20 Jahren keinen lockeren Zahn erwarten läßt.

Der Knirschindex auf der Skala 0 bis 4 (analog zum PSI) befindet sich etwa im Bereich von 2 („Knirschen/Pressen sichtbar, keine ernsten Schäden, Kontrolle sinnvoll“). Schmerzattacken durch Zähne kennt der Patient nur noch aus der Erinnerung und einschlägige Vorkommnisse wie Schwellungen, Rötungen etc. sind seit 20 Jahren nicht mehr aufgetreten.

1989 erhielt Herr W. von mir im Oberkiefer 2 festsitzende Brücken. Die damals schon fehlenden 6er und 7er (große Backenzähne) in 3 Quadranten haben wir nach Erörterung der Möglichkeiten (= rausnehmbarer Ersatz) einfach unversorgt belassen. Und genau daran hängt sich jetzt Meister S., der erwähnte Gutachter, auf.

In Bausch und Bogen wird mein Plan der einfachen Erneuerung der Brücken abgelehnt. Das Argument von Dr. S. lautet: “ Im Seitenzahnbereich ist bei der Planung die notwendige Abstützung ebensowenig gewährleistet wie eine Erweiterungsfähigkeit. Die abradierten Zähne im UK und die OK Front werden weiterhin überlastet. Vorbehandlung und Gesamtplanung erforderlich“.

Was ist dazu zu sagen?

Doktor S. glaubt also allen Ernstes, dass er mit rausnehmbaren Gebissen eine „Abstützung“ hinbekommt. Und dazu glaubt er auch noch an deren Notwendigkeit. Okay. Laßt uns zunächst die Abstützung zerpflücken.

haerter.jpgHier sehen wir einen richtigen Knirscher mit rausnehmbaren Teilprothesen. Dessen „Abstützung“ hinten besteht in 2 bis 3mm Luft zwischen den Ersatzteilen. Aus sehr guten Gründen habe ich diesem älteren Patienten keine (!) Unterfütterung oder Auswechslung der Plastikzähne angedeihen lassen. Solche Fehler macht man nur am Anfang seiner Karriere und merkt sich das dann immer folgende Einschleif- und Druckstellen Fiasko. Wer an eine nachhaltige Abstützung von Kaumuskulatur mit 100 kg Kraft auf 2 lächerliche Kunststoff Formschalen auf das Zahnfleisch glaubt, ist auch sonst zu ernsthaften Fehleinschätzungen im Stande.

Argument „notwendig“. Mein Patient W. ist offenbar ein Wunder der Natur. Entgegen den Erwartungen des Gutachters hat er die Zeit von 1989 bis 2008 trotz fehlender „notwendiger“ Abstützung nicht nur überlebt, sondern das Fehlen gar nicht bemerkt. Schande über ihn. Wenigstens so ein bißchen Kiefergelenksprobleme hätte er doch …

 Argument „Erweiterungsfähigkeit“. Als Zahnarzt sollte man auch Ziele vor Augen haben. Z.B. eine Totalprothese. Dahin geht der Weg, wenn man die Gutachter machen läßt. Es gibt da nur ein Problem: ich als Behandler habe nicht vor und sehe auch keinen vernünftigen Grund, in den nächsten Jahren irgendetwas zu erweitern (= ziehen).

 Argument „abradierte UK Zähne“. Ja, Herr Doktor S., wenn das abradierte Unterkiefer Zähne sind, könnten wir ja noch auf die dumme Idee kommen, diese zu überkronen im Sinne einer „Gesamtplanung“. Glückwunsch zum Eigentor.

Argument „überlastete OK Front“. Ich kann Ihnen gerne überlastete Frontzähne zeigen, genauer gesagt runtergeknirschte Beisser, abgebrochene Kronen, dezementierte Brückenpfeiler etc. durch monströses Geknirsche – nur nicht an diesem Patienten. Herr W. ist definitiv harmlos, was das Pressen und Knirschen angeht und deshalb ist die Erneuerung des vorhandenen Ersatzes einfach wie ein Kindergeburtstag und hält wie Kruppstahl. 


 Zusammenfassung

Den altgedienten Kämpen der Prothetik des vergangenen Jahrhunderts (Kollege S ist geschätzte 60 +) ist kein Argument zu dämlich, um ihre Weltsicht mit Ersatzbeissern von Ohr bis Ohr durchzupauken. Da kann ich mir die Finger wund schreiben in Zahnfilm DE, die Professoren von der Unität (z.B. Kerschbaum) können vorsichtig andeuten, dass gerade die „Abstützungs“ Lehre ziemlich fadenscheinig ist und wissenschaftlich durch so ziemlich gar keine RCT Studie gestützt wird. Das interessiert den Prothetik Ära Zahnmediziner der alten Schule einen feuchten Kehricht. Jetzt erst recht, hoch lebe der zahnärztliche Betonkopf. Zahnersatz bis zum Zäpfchen, koste es, was es wolle. Egal.

Und weltweit nur in Deutschland anzutreffen: meine Lieblinge haben noch immer die Paragrafen der Kassenverträge auf ihrer Seite. *) Seit 2004 dazu noch in verschärfter Form der „Festzuschüsse“ mit der angeblichen Notwendigkeit zur „Gesamtplanung“. Tag für Tag soll Zahnersatz aufgeschwatzt werden, der so nötig ist, wie das berühmte Loch im Kopf.

Aber: der Tag kommt, dann wird auch dieser Unfug wieder einkassiert. Entweder weil a) die Kollegen ihr Gewissen plagt (unwahrscheinlich), oder b) die Krankenkassen endlich merken, auf was für einen Deal sie sich da eingelassen haben (kaum wahrscheinlich), oder c) die Wissenschaft endlich aus dem Knick kommt und kritisch Stellung zum Zahnersatz Wahn allgemein bezieht, die auch einer längeren Betrachtung standhält (ganz unwahrscheinlich).

Passieren tut es wahrscheinlicher deshalb: eine Mehrheit der noch zum logischen Denken fähigen Kollegen ist es leid, eigene Patienten mit zu teueren Kostenvoranschlägen an Mitbewerber im Ausland bzw. solche mit Chinaimport zu verlieren und so systematisch aus der Praxis zu vergraulen.  Die gegenwärtige Wirtschaftskrise mit zunehmender Arbeitsplatzunsicherheit trägt ihres dazu bei, diesen Trend zu beschleunigen. Fragen Sie doch ruhig mal in den Praxen nach, wie denn der übliche Schleichweg vorbei an der hochnotpeinlichen Gesamtplanung so gehandhabt wird.  Die Stichworte dazu lauten: Phantom Teilprothesen (beantragt, aber nicht angefertigt), Show Teilprothesen (beantragt, angefertigt, und ab in Schublade), Spezial Phantom Teilprothesen (beantragt, nicht angefertigt, aber ein bißchen mit abgerechnet …)

Für die mitlesenden Damen und Herren der KZVen: wenn Sie Bedarf an konkreten Beweisen haben, dann kann ich Ihnen Show Teilprothesen frisch vom Bilderspeicher anliefern, mit eindeutigen Belegen für die Schubladennutzung.

*) meines Wissens ist weltweit kein Gesetzgeber oder halbstaatliche Versicherung so bescheuert, Zahnärzten en detail vorzuschrieben, wie der Zahnersatz bis hinten hin auszusehen hat – bis auf die Teutonen, die bekanntlich auch einem Hitler Folge leisteten, bis zum bitteren Ende. Typisch an diesem germanischen Alleingang sind 2 Dinge: a) die Regelungswut der in ihre Sessel pupsenden Funktionäre der sogenannten „Selbstverwaltung“ bestehend aus KZVen und Krankenkassen. Die Anführungszeichen bei der „Selbstverwaltung“ beziehen sich auf deren unmittelbare Herkunft aus der Nazi-Zeit und daraus gepflegten Traditionen (z.B. das sogenannte „einvernehmliche“ und komplett undurchsichtige und 100% undemokratische Ernennen von Gutachtern). Und b) das absolut kritiklose kriecherische Befolgen der Blödsinns Paragrafen (Zahnersatz Richtlinien) durch die gesamte deutsche Zahnärzteschaft. Noch nicht ein einziger der Herren Professoren hat sich dazu seit 2004 jemals kritisch zu Wort gemeldet. Auch das erinnert deutlich an die unglückliche DEUTSCHE Tradition des Gehorchens. Wohin dieser Unsinn führt, ist an einzelnen Kostenvoranschlägen zu erkennen, bei denen Kollegen sich nicht entblöden, ihre Planungen dadurch „gutachtergängig“ zu gestalten, dass sie wider besseres Wissen Zähne ziehen wollen, die einzelnen Bestimmungen der aktuellen Richtlinien „im Wege stehen“. Auch hier für die mitlesenden KZVen: ich kann das nachweisen, also Vorsicht.

 

Nachtrag Herbst 2009

Nach erfolgreichem Protest bei der Krankenkasse gegen das drakonische Gutachten des Herrn S. genehmigt die AOK Leverkusen doch tatsächlich ein Obergutachten bei Dr. P. in Leichlingen. Als günstig erweist sich, dass der Erstgutachter krankheitshalber aus dem Dienst scheiden mußte und deshalb nicht mehr „seinen“ Obergutachter Eitel P. aus Bergisch Gladbach durchdrücken konnte. Um auch beim unbekannten Obergutachter Dr. P. für eine möglichst neutrale Bewertung zu sorgen, begleitete ich den Patienten zum Begutachtungstermin, was in der Gutachtenordnung ausdrücklich so vorgesehen ist. Und siehe da: Der ca. 68- jährige Kollege Dr. P. sieht nach ca. 5-minütiger Beschäftigung mit meinem Patienten keinen Grund, meinen Plan nicht zu befürworten. Na also, geht doch.

2 Replies to “Gutachter lehnt sich weit aus dem Fenster”

  1. Festzuschüsse
    Wozu die Aufregung?

    Die tatsächliche ZE Planung ist doch weitgehend frei gestaltbar (andersartig / gleichartig) und für die Festzuschüsse muss halt einer Regelvers geplant werden.

    Vergleiche mit „drittem Reich“ usw. finde ich persönlich unangemessen. Wer lehnt sich denn hier aus dem Fenster??

    mfkG

  2. Hallo Kollege,
    zugegeben, das dritte Reich ist geschmacklich leicht daneben; das hatte ich auch schon überlegt. Was mich aber nach wie vor ankotzt: die AOK hier in Leverkusen benutzt die Animositäten des Herrn Gutachters S. gegen mich, meine Pläne direkt auf der „Regelversorgungsebene“ zu blockieren. Der Typ sagt einfach: Regelversorgung nicht zulässig, wahrscheinlich bis runter zum Kunststoff Provisorium. Das ist das Problem, wenn Sie verstehen, was ich meine.
    Viele Grüße Joachim Wagner

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