Ein Bisswunder

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dsc_0008.jpg Hier haben wir den Prothetik Klassiker Problemfall: Herr Ü. (30) erhält 2 Wochen nach dem Abschleifen des Zahns 37 seine Metallkeramik Verblendkrone zur Probe auf den Zahn. Eigentlich war eine Metallkrone vorgesehen, um den bissempfindlichen, vermutlich angerissenen Molaren durch eine Vollkrone vor dem Auseinanderbrechen zu schützen. Mit dem Spiegel in der Hand sitzt unser Patient vor seinem abgeschliffenen Zahn und verlangt plötzlich, dass dieser Zahn doch weiß sein müsse. Abgesehen davon, dass das die vorher abgesprochene Preiskalkulation sprengt, spricht auch die nicht vorhandene Höhe im 7er Bereich gegen eine Versorgung mit einer Doppelschicht Krone. Herr Ü. läßt sich aber nicht erweichen und besteht partout auf seinem geweißelten Hütchen.

dsc_0111.jpgNun zum Problem. Ohne Krone im Mund beißen alle Zähne links fest aufeinander, wie hier in der Aufnahme zu beobachten ist. Gibt man nun die angefertigte Metallkeramik Krone auf den Stumpf, ändert sich der Biss dramatisch:

dsc_0112.jpg Da bleibt einem der Mund offen stehen, so wild ist die Abweichung gegenüber der Situation ohne Krone. Wir reden hier von lockeren 1000 Mikrometer = 1 Millimeter. Nur als Anfänger versucht man in dieser Situation noch, mit dem Schleifer in der Hand die Lage zu verschlimmbessern. Bei diesem Höhenunterschied kann dabei nur eine vollkommen durchlöcherte „neue“ Krone oder ein körperverletzend massakrierter Gegenzahn herauskommen. Zahnärzte mit mehr als 3 Jahren Dienst im Schützengraben kommen erst gar nicht mehr auf die Idee, die Arbeit hier retten zu wollen. 

Kurzes Nachdenken

Wie ist eine solche Riesenabweichung in der Höhe zu erklären? 3 grundsätzlich verschiedene Mechanismen fallen mir dazu ein:

  • a) die Krone ist nicht „unten“ auf dem Stumpf, sondern klemmt irgendwo. Im konkreten Fall hier habe ich das ausgeschlossen durch eine Einprobe mit A-Silikon dünnfließend in der Krone.
  • b) der Biss stimmt im Modell nicht. Das wäre z.B. der Fall, wenn ein blinder Zahntechniker eine Gipsblase am Zahn vor dem Stumpf nicht entfernt und die beiden Gipsmodelle vom Ober- und Unterkiefer trotzdem zusammengesetzt hätte. Auch dieser Punkt kann ausgeschlossen werden, weil hier ein sogenannter Quadrantenabdruck im Einsatz war, der den Original Patientenbiss gleich mit aufzeichnet. Sozusagen Methode „Idiotensicher“.
  • c) also bleibt nur noch: der Zahn 37 ist in der Zwischenzeit zwischen Abdruck und Anprobe von 2 Wochen richtig übel hochgewandert.

 Um das zu testen, setze ich dem Patient die völlig unangepaßte Krone mit Temp-Bond und Vaseline provisorisch ein und kläre ihn über die aktuelle Sachlage auf. *) Es soll versucht werden, das Wandern des Zahns rückgängig zu machen. Wenig begeistert verspricht mir Herr Ü., es doch 2 Wochen lang zu versuchen.

dsc_0006.jpgHeute (30.12.2008) sehe ich den guten Mann wieder. Das erste was hier passiert, ist ein Foto vom aktuellen Biss. Links sehen Sie den Biss, den ich – ohne irgendeine Einschleifmaßnahme – durch einfaches Einbeißen-Lassen nach 2 Wochen erzielt habe. Die schon verloren geglaubte Krone ist damit gerettet.

Kommentar

Und wieder fällt mir ein weiterer Mosaikstein vor die Füße. Das große Mosaik zeigt irgendwann ein sich wiederholendes Muster: der Biss ist mitnichten der heilige Gral der Zahnmedizin, sondern ziemlich relativ. Wer sich hinstellt und behauptet, dass es einen „Einbeiß“ Effekt nicht geben könne, dürfe oder solle, schweige nun stille. 

*) Natürlich mache ich dergleichen nicht zum ersten Mal. Nur zum ersten Mal so schön dokumentiert.

3 Replies to “Ein Bisswunder”

  1. Gratuliere, wirklich gut dokumentiert, sehr schöne Fotos. Ich halte das „Einbeissen-Lassen“ ebenso für eine Möglichkeit.
    Interssant wäre, ob der Patient zwischen Abformung und Anprobe eine provisorische Krone getragen hat. Dieses Provisorium stützt u.a. den beschliffenen Zahn okkulusal und approximal ab und verhindert dadurch eine so starke Elongation.
    Der Zahn hatte einen Riss. War der Zahn noch vital? Warum sollte der Zahn nicht mit einer geklebten Vollkeramikteilkrone oder Krone stabilisiert werden?
    Vielen Dank für die interessante Falldarstellung.
    Grüsse K.

  2. Hallo Herr Kuhmann,

    der Zahn ist vital und soll es auch bleiben. Genau deshalb bin ich von geklebten Keramikkonstruktionen wenig begeistert, deren typische unerwünschte Nebenwirkung ist leider gar nicht so selten eine Überempfindlichkeit beim Zubeißen. Die kann ich hier überhaupt nicht gebrauchen. Die Metallkeramik kann ich guten Gewissens mit Glasionomer Zement einsetzen, und das ist nach meinem Dafürhalten die stabilste und zahnfreundlichste Kombination. Viele Grüße Joachim Wagner

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