Mischfall Hyperästhesie Höckerbruch – Fortsetzung

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Neuropathischer Mund/Gesichtsschmerz Teil 1   aus der Rubrik Chronische Schmerzen

 

Dies ist die Fortsetzung des Artikel Mischfall Hyperästhesie – Höckerbruch vom 04. Jan. 2009. Am 6.1.2009 erhielt Frau M. ihre Vollkrone aus einer harten Goldlegierung mit Iono molar (konventioneller Glasionomer Zement) definitiv auf den überempfindlichen Zahn 37 zementiert.

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Was kann der Prothetiker an dieser Krone alles kritisieren?

 

1) Die Lücke zwischen  37 und 35 bleibt offen. 

2) Der Kronenrand steht sichtbar ab.

dsc_0017.jpg3)  Der Biss stört nicht unerheblich.

4) Schaut sich der Zahntechniker den Zahnhut auf einem Gipsstumpf an, überkommt ihn der dringende Wunsch, das Teil gleich wieder einzuschmelzen.

 

Trotz und alledem habe ich genau diese Krone genau in diesem Mund ohne Korrektur des Bisses (!) fest zementiert.  Warum?

Schauen wir noch einmal zurück in die Vorgeschichte. Unsere Patientin hier gehört zur Sorte der weiblichen hoch- bis höchstempfindlichen  Zahnleidenden. Selbst eine kleine flache Füllung irgendwo an irgendeinem Zahn artet regelmäßig in eine subjektive Folter für die Patientin aus, auch dann, wenn die Spritze gut wirkt. 

Diese krude Metall Vollkrone ist für den Mund von Frau M. im wahrsten Sinn das Gelbe vom Ei. Nach 2 Jahren fortgesetzter Schmerzen beim Zubeißen auf der linken Seite, die von der Patientin immer am oberen Backenzahn erlebt wurden, ist es endlich gelungen, den eigentlichen Übeltäter: einen angebrochenen Höcker des unteren 7-ers nicht nur zu erkennen, sondern auch wirksam und langfristig zu behandeln. Die Patientin küßt mir dafür die Füße. 

Und jetzt kommen die Gründe, warum ich mir erlaube, auf etablierten Glaubenssätzen der Zahnmedizin bei der Versorgung von Zähnen mit Kronen herumzutrampeln. 

dsc_0012.jpg 1) Für einen Lückenschluß 36 wäre es erforderlich gewesen, den jungfräulichen Zahn 35 abzuschleifen. Das tue ich mir und dieser Patient nicht an. Wenn die Finanzen der guten Frau es erlauben, gibt es ein Implantat 36.

2)  Der Kronenrand muss sichtbar abstehen, weil ich den Zahn ausschließlich okklusal gekürzt habe. Die Außenwände befinden sich noch im Originalzustand, also blieb dem Zahntechniker keine Möglichkeit, als mächtig auszublocken. Essentiell entspricht die Präparationsform der uralten Ringband Deckelkrone.

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3) Der Biss ist meine geringste Sorge. Was hier an Erhöhung passiert ist, geht vermutlich auf das Konto Lageveränderung des präparierten Zahns und das regelt sich bekanntlich von alleine.

4) Wir haben es hier mit einer Rustikalausgabe von Krone zu tun. Das drückt sich bereits dadurch aus, dass es sich um eine Vollmetall Ausführung ohne Keramik Verblendung handelt. Die Patientin leidet nämlich nicht nur unter höchst empfindlichen Zähnen, sondern sie knirscht dazu auch kurz unterhalb der Höchststufe. Wenn das zahntechnische Machwerk realistische Aussicht auf 20 Jahre Haltbarkeit haben soll, ist das unter diesen Bedingungen meiner unbescheidenen Meinung nach nur in Vollmetall vorstellbar. 

 

Manöverkritik

Wäre es denkbar gewesen, dieser Patientin mit richtlinienkonformem Zeugs zu helfen? Antwort: Denkbar ist alles, aber unwahrscheinlich. Richtlinienkonform hätte hier eine Brücke von 37 auf 35 gezimmert werden müssen, und das in der Ausgabe Hohlkehl- oder noch schlimmer Stufenpräparation. Da weiß ich als 22 Jahre bohrender Zahnschleifer doch schon im voraus, was dabei herausschaut: Jede Menge Zahnschmerzen beim Schleifen, Provisorium Tragen, Anprobieren und Zementieren. Ganz abgesehen von der Frage, ob der angeschlagene Zahnnerv 37 einen Textbuch HohlkehlSchliff überlebt haben würde; warum muss ich mich denn überhaupt mit einer Diamant Fräse in die Zahnnervnähe hineinfräsen, wenn es doch offensichtlich auch ohne geht? Was war noch mal das Problem eines abstehenden Kronenrandes? Angeblich fallen davon die Zähne durch Parodontose aus. *) Bei unserer Patientin hier wird ganz sicher einiges passieren in den nächsten Jahren, ein Ausfallen des 37 wegen Überstehens des Kronenrandes gehört aber nicht dazu.

Die Patientin ist jetzt gerade mal 39 Jahre alt. Das schlimmste Ereignis in ihrem Mund wäre eine Pulpitis 37, ausgelöst durch a) den zahnärztlichen Schleifer oder b) durch eine dezementierte Ankerkrone einer Brücke 35-37. Dann geht der Zahn mit hoher Wahrscheinlichkeit komplett den Bach runter, die Erläuterungen dazu stehen im ersten Teil dieser Geschichte. Das bleibt ihr mit der hier gewählten Bauernkrone garantiert erspart. Und genau das ist das Ziel der Übung, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und schon wieder sehen wir: Zahnersatz Richtlinien sind für Ordnungsfanatiker, nicht für Patienten.

 

*) Auch diese Behauptung gehört in den Bereich "Legenden in der Zahnmedizin". Schlüssig bewiesen durch hochwertige kontrollierte Studien ist da meines Wissens ziemlich gar nichts.

PS: Die Patientin erscheint am Di 21.01.2009 noch einmal zur Kontrolle. Ergebnis: keine Schmerzen beim Beissen, vom Biss ist spontan gar keine Rede, auch der abstehende Kronenrand ist offensichtlich der Zunge nicht im Weg. Lediglich sorgt sich die auch angstbesetzte Patientin um Karies unter dem 26 (links oben an). Nach 2 Minuten ist die Sitzung – ohne Einschleifen – beendet und ein Patient sehr zufriedengestellt.

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