Klassischer „CMD“ Fall – behandelt nach Art des Hauses

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Frau Necla K. (52) ist eine langjährige Patientin bei mir; seit 1991 kümmere ich mich um ihren Mund.

Die einschlägige "CMD" Karriere kündigt sich etwa 1999 dadurch an, dass fortlaufend neue Wurzelbehandlung direkt nach frischen Füllungen scheinbar notwendig werden. Scheinbar soll andeuten, dass die Patienten mit massivsten Schmerzen in der Praxis wieder vorstellig wird, nachdem sie tags zuvor relativ wenig aufregende Glas Ionomer Füllungen in verschiedenen Zähnen erhalten hat.

  • 1999 VitE 16 nach Füllung (VitE = Entfernung des lebenden Zahnnerven)
  • 2000 VitE 15 nach Füllung 
  • 2002 VitE 26 nach Füllung, einen Tag später VitE 48 nach Füllung (also Riesenschmerz rechts und links)
  • 2003 VitE 27 ohne Füllung vorher, Verschlimmerung der Schmerzen danach
  • 2004 Februar Schiene OK, keine Besserung,
  • August 2004 Überweisung Radiologie zur Darstellung der Kiefergelenke August, Befund: "… normale Gelenkspaltweite, Keine degenerativen Veränderungen…", Mitteilung des HNO Dr. Danull: "Pulssynchrones Ohrgeräusch nachts bei Costensyndrom, HNO-seits aber alles o.B.", gleichzeitig stärkste Schmerzen, die die Patientin im Bereich des rechten Kiefergelenks/Ohrs erlebt.
  • August 2004 neue Schiene eingebaut, keine Besserung, Eckzahnführung mit Kunststoff auf untere Eckzähne geklebt, keine Besserung, Überweisung an Uniklinik Köln zur Übernahme der Behandlung
  • November 2004 Klinik will Pat. an Kieferchirurg rücküberweisen.
  • Januar 2005 Klinik denkt, dass neue Eckzahnführung und Schiene nötig ist. Die Patientin wird an mich zurückgeschickt.
  • März 2005 starke Schmerzen weiterhin rechts im Ohr und KG, dazu Summen und sie hört Musik (!), die nicht da ist.
  • bis Ende 2008 relative Schmerzpause
  • Jan 2009 starke Schmerzen linksseitig, sowohl andauernd, als auch beim Beissen. Beim Abklopfen der Seitenzähne links reagieren praktisch alle Zähne mit Schmerzen, im Gegensatz zu denen der rechten Seite, die Kälteprobe erbringt keine Überraschungen in Bezug auf die vielen wurzelbehandelten Zähne. 

  

Im Unterschied zum Jahr 2004 habe ich als Behandler im Januar 2009 jedoch keinerlei Hemmungen mehr, die Patientin nun als genuinen Schmerzpatient, statt "Kiefergelenksfall" zu behandeln. Und so sieht die akute Schmerzbehandlung aus:

 sany0008.jpg  Alle Zähne auf der linken Seite sind empfindlich auf das Klopfen mit einem Metallinstrument. Unterschiede lassen sich nicht erkennen.
 sany0007.jpg Die Backenzähne rechts unten 44,45,46 erhalten einen Vorstrich mit Ketac Conditioner (10%Polyacrylsäure) und darüber den Glas Ionomer Zement Ketac molar in der Konsistenz "Trockenmörtel"
 sany0010_copy.jpg  Unmittelbar nach dem Aushärten der Bisserhöhung auf der rechten Seite (44,45,46) schweben die Backenzähne links beim Zubeißen frei in der Luft.
 dsc_0066.jpg  2 Wochen später beißt Frau K. so auf den rechten unteren 6-er
 dsc_0065.jpg  Und so auf den 5-er
 dsc_0067.jpg  Das ist die aktuelle (2 Wochen nach Bisserhöhung) Lage rechts.
 dsc_0069.jpg  Und das ist sie links zum Kontrolltermin. Nebenbei: ich denke im Traum nicht daran, den mit Glas Ionomer Zement (GIZ) rechts erhöhten Biss wieder zu reduzieren. Wozu? Die Patientin hat nur ein großes Problem und das ist ihr Schmerz in der Stärke VAS > 6 auf der Skala 0 bis 10. Wenn es dem Behandler irgendwie gelingt, diesen unter die VAS = 4 zu drücken, ist die Frau glücklich und zufrieden. Abgesehen davon beißen Knirscher alles passend.

 

  Liebe Leser + rinnen, raten Sie mal, was mit dem Schmerz links 2 Wochen nach dem Auftragen einer rustikalen Bisserhöhung von lockeren 1000 Mikrometern rechts passiert ist? Richtig, der hat sich in Luft aufgelöst. Und hat die Patientin irgendwelche Probleme mit ihrem Biss? Antwort: was für Probleme? 

Besprechung

Frau K. gehört der Klassiker Sparte der CMD-Literatur an. Sie hat Schmerzen, teilweise sehr starke (VAS > 6) , lang anhaltende (tage-, wochen-, monatelang) Druckschmerzen, deren subjektiver Zentralort unter und im Ohr verspürt wird. Dazu leidet sie unter Tinnitus und Schwindelattacken. Interessanterweise macht die Bewegung des Kiefers keine Schmerzen, auch nicht in den Akutphasen. Darüberhinaus läßt sich selbst bei flüchtiger Betrachtung des Gebisses erkennen, dass die Pat. knirscht. 

Von der Anamnese (Krankengeschichte) her wissen wir, dass

  1. Der "CMD" Schmerzphase eine auffällige Zahnschmerz Periode von 1999 bis 2003 vorausging, der insgesamt 5 vitale (lebende) Zahnnerven aus kaum nachvollziehbaren Gründen zum Opfer fielen.
  2. Der Radiologe genau zum Zeitpunkt der schlimmsten Schmerzen keinerlei Krankheitszeichen im Bereich beider Kiefergelenke finden konnte.
  3. Die konventionelle Schienenbehandlung und das Einbauen einer Eckzahnführung auf den Schmerzverlauf keine erkennbare Wirkung zeigte.
  4. Der Uniklinik Köln auch nichts Intelligentes dazu einfiel.

 

Welche Erkenntnisse lassen sich gewinnen bzw. vermuten?

 Frau K. ist definitiv kein Kiefergelenkspatient, sondern ein chronischer Schmerzfall. Der Beweis ist das prompte Anschlagen meiner gelenksbelastenden Schmerztherapie. Frau K. kam bekanntlich vor 2 Wochen mit Schmerzen auf der linken Seite.  Daraufhin habe ich rechts den Biss massiv erhöht, was zwar das linke Kiefergelenk belastet, aber die Zähne dort vorübergehend in den Schongang versetzt. Das war deshalb bei dieser Patientin sinnvoll, weil ihr ALLE (!) ZÄHNE links weh taten. Ihrem Kiefergelenk fehlt es an nichts und schon gar nicht auf der linken Seite. Ich will Sie – liebe Leser – jetzt nicht mit der ganzen Theorie langweilen, die unsere Gnatholegen an dieser Stelle über die Kaumuskulatur und ihre sagenhaften Möglichkeiten, das Kiefergelenk zusammenzudrücken, mit Hingabe abspulen. Diesen Sermon lassen wir einfach weg.

Was auch ganz klar für die ätiologische Rolle (Verursacher) der übertriebenen Schmerzempfindung  im gesamten Krankheitsbild von Frau K. spricht, ist die einschlägige Vorgeschichte. Schaue ich mir die vielen Schmerzfälle hier in den Foren des Internets an, wo praktisch im Wochentakt ein einmal angefaßter Zahn anfangs nur gefüllt, dann wurzelbehandelt, dann noch mal reseziert, und schließlich extrahiert wird, und das bei immer der gleichen Patientin, der Schmerz aber bleibt oder schlimmer wird, dann weiß ich doch genau, was mit unserer Frau K. los ist. 

Und dann kommt noch der "Rat" aus der Uniklinik Köln: mach die Schiene und die Eckzahnführung neu. Sehr originell und wirklich weiterführend, diese Leute. Was mir an denen besonders gefällt: 3 oder 4 Sitzungen lang durfte Frau K. dort Ende 2004 die "Kiefergelenk-Sprechstunde" besuchen, einen dicken Kostenvoranschlag entgegennehmen und sich erklären lassen, dass die Schmerzen wohl so einfach nicht zu beseitigen seien. Als sich dann herausstellt, dass Frau K. zu der Zeit nicht ganz flüssig  … 

 

Nachsatz: Knirschern kann man den Biss brutalst verändern, die kommen am nächsten Tag nie zum Meckern, auch nicht, wenn nur ein Zahn beißt. Dieser Merksatz wurde Ihnen präsentiert von J.W.

 

5 Replies to “Klassischer „CMD“ Fall – behandelt nach Art des Hauses”

  1. RE: Klassischer „CMD“ Fall – behandelt nach Art des Hauses
    Hallo Herr Wagner,
    es ist erschreckend wie wenig Sie verstehen.
    Seit 1991 ist die Pat. bei Ihnen in Behandlung; Sie machen mehre Wurzelbehandlungen , die nach Ihrer Aussage nur scheinbar notwendig sind.
    Dann machen Sie 2004 eine Schiene von der Sie selbst nichts halten (siehe Ihre Kommentare hier auf Ihren Seiten).
    Dann wissen Sie nicht weiter und überweisen zur Uniklinik Köln. Das denen auch nichts einfällt ist eine leider traurige Sache, aber hier nicht Thema. Und dann ergreifen Sie zufällig die richtige Therapie, ohne Sie zu verstehen und ziehen die falschen Schlußfolgerungen.
    Ihre Patientin hatte rechts durch Abnutzung etc. o.ä. eine einseitige Bißsenkung oder eine zumindest stärkere Bißsenkung als auf der linken Seite. Diese führte zu einer Mehrbelastung der Zähne auf der linken Seite und zu Schmerzen im rechten Kiefergelenk, auf Grund der Kompression. Das Auftragen von GIZ auf die rechte Seite führt zu eine Dekompression und zu einer gleichmäßigeren Lastverteilung auch auf die rechte Zahnreihe d.h. zu einer Entlastung der linken.
    Das Ganze nennt man Funktion von der Sie wie hier dargestellt offensichtlich keine Ahnung haben.

  2. Hier der Rest meines abgeschnittenen Postings:

    gleichmäßigeren Lastverteilung auch auf die rechte Zahnreihe d.h. zu einer Entlastung der linken.
    Das Ganze nennt man Funktion von der Sie wie hier dargestellt offensichtlich keine Ahnung haben.

    Jens Heinemann

  3. RE: Klassischer „CMD“ Fall – behandelt nach Art des Hauses
    Danke, Herr Heinemann, für Ihr engagiert vorgetragenes Plädoyer. Aber in diesem Leben werden wir beide uns nicht mehr einig über den Biss, denke ich. Viele Grüße Joachim Wagner

  4. RE: Klassischer „CMD“ Fall – behandelt nach Art des Hauses
    Hallo Herr Wagner,

    aber vielleicht ist der von mir aufgezeigte Mechanismus doch mal einen Gedanken wert.
    Entschuldigen Sie bitte, wenn ich in meiner Ausdrucksweise etwas „zu engagiert“ war.
    Einen schönen Abend noch. Jens Heinemann

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