TMD (CMD) vermutlich ein „Central Sensitivity Syndrome“

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overlapBest Pract Res Clin Rheumatol. 2011 Apr;25(2):141-54. doi: 10.1016/j.berh.2011.02.005.

Central pain mechanisms in chronic pain states–maybe it is all in their head.

Abstract

Mechanisms underlying chronic pain differ from those underlying acute pain. In chronic pain states, central nervous system (CNS) factors appear to play particularly prominent roles. In the absence of anatomical causes of persistent pain, medical sub-specialities have historically applied wide-ranging labels (e.g., fibromyalgia (FM), irritable bowel syndrome, interstitial cystitis and somatisation) for what now is emerging as a single common set of CNS processes. The hallmark of these ‚centrally driven‘ pain conditions is a diffuse hyperalgesic state identifiable using experimental sensory testing, and corroborated by functional neuroimaging. The characteristic symptoms of these central pain conditions include multifocal pain, fatigue, insomnia, memory difficulties and a higher rate of co-morbid mood disorders. In contrast to acute and peripheral pain states that are responsive to non-steroidal anti-inflammatory drugs (NSAIDs) and opioids, central pain conditions respond best to CNS neuromodulating agents, such as serotonin-norepinephrine reuptake inhibitors (SNRIs) and anticonvulsants.

Übersetzung

 

Zentrale Schmerzmechanismen bei chronischen Schmerzzuständen, vielleicht ist alles in ihrem Kopf.
Phillips K1, Clauw DJ.

Zusammenfassung


Mechanismen, die chronischen Schmerzen zugrunde liegen, unterscheiden sich von denen der akuten Schmerzen. Bei chronischen Schmerzzuständen erscheint das zentrale Nervensystem (ZNS) die besonders herausragende Rolle zu spielen. In der Abwesenheit von anatomischen Ursachen der anhaltenden Schmerzen haben medizinische Fächer historisch bedingt weitreichende Etiketten (zB Fibromyalgie (FM), Reizdarmsyndrom, interstitielle Zystitis und Somatisierung) für das angelegt, was jetzt als ein einziges gemeinsames Bündel von CNS Prozessen erscheint.

Das Markenzeichen dieser „zentral angetriebenen Schmerzzustände“ ist ein diffuser hyperalgetischer Zustand, welcher mit experimentellen sensorischen Prüfung bestimmbar und durch funktionelle Bildgebung bestätigt werden kann. Die charakteristischen Symptome dieser zentralen Schmerzzustände umfassen multifokale Schmerzen, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Gedächtnisstörungen und eine höhere Rate an komorbiden affektiven Störungen.

Im Gegensatz zu akuten und peripheren Schmerzzustände, die auf nicht-steroidale entzündungshemmende Medikamente (NSAIDs) und Opioide ansprechen, sind zentrale Schmerzzustände am besten durch ZNS neuromodulierende Mittel, wie Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) und Antikonvulsiva zu beeinflussen.

Kommentar

Den Volltext des wissenschaftlichen Papiers finden Sie hier http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3220875/

Seit Jahren mehren sich die Beweise, dass bestimmte Krankheiten mit chronischen Schmerzen in Körperteilen, die sich unter dem Mikroskop nicht von Gesunden unterscheiden, vermutlich einen gemeinsamen Nenner haben: Die zentrale Überempfindlichkeit, auf englisch „Central Sensitivity Syndrome“. Dazu zählen

Gemeinsam ist den Diagnosen, dass überwiegend Frauen betroffen sind, die Krankheiten als unheilbar gelten und die bisherige Behandlung aus unsystematischem Herumprobieren mit zweifelhaftem Erfolg besteht. Dazu überlappen sich die Diagnosen häufig, das heißt, dass beispielsweise Frauen mit Fibromyalgie sehr viel häufiger auch an TMD leiden als Gesunde. Die Grafik oben veranschaulicht die Zusammenhänge.

Beispiel Vulvodynie. Eine 100%-ige Frauenkrankheit. Bei Männern findet sich nichts Entsprechendes  im Bereich der sichtbaren Geschlechtsorgane. Schauen Sie sich den aktuellen Wikipedia Eintrag an. Dort ist die Rede von „Ausschlußdiagnose“, „Häufig wird keine Ursache gefunden“ dazu der denkenswerte Satz „Die Behandlung hängt von der Ursache der Vulvodynie ab“. Nichts Genaues weiß man nicht. Diagnostik unsicher, Ursache unbekannt, Behandlung Geschmacksache. Beim genauen Hinschauen trifft dieser beklagenswerte Zustand auf praktisch alle aufgezählten Diagnosen zu.

An der TMD (in Deutschland CMD) doktort jeder Zahnarzt hierzulande herum, wie er das mal vor 20 Jahren gelernt hat. Nicht auf Beweisen fußend, in Ahnungslosigkeit der tatsächlichen Ursache verordnet dieser in 99,9% der Fälle Schienen. Behandlungserfolg durch Placeboeffekt. Und raten Sie mal, wie der Frauenarzt bei Vulvodynie vorgeht? Sie sagen es. Er verschreibt ohne weiteres Nachdenken Pilzsalbe, wiederum eine reine Placebo Behandlung, weiße Vaseline hätte den gleichen Effekt. Ähnliches bei chronischem Blasenschmerz, unspezifischem chronischen Rückenschmerz usw.  Jeder wurstelt vor sich hin.

Die wirkliche Ursache bei allen genannten Diagnosen lautet: Fehler in der absteigenden (vom Hirn ins Rückenmark) Schmerzunterdrückung , hervorgerufen durch erbliche und Umwelteinflüsse. Warum der wahrgenommene Schmerz der Patienten bei den verschiedenen Diagnosen z.B. im Kiefer bei TMD oder in der Harnblase bei interstitieller Zystitis auftaucht, weiß man bis heute nicht. Was man aber weiß, ist, dass es eben nicht daran liegt, dass die schmerzenden Körperregionen selbst krank wären. Genau das ist der Grund, warum Operationen im Kiefergelenk bei TMD oder an der Wirbelsäule bei chronischem unspezifischen Rückenschmerzen vorhersagbar scheitern. Man macht eine überempfindliche Körperstelle richtig schlimm, wenn man gesundes aber schmerzendes Gewebe in operiertes Gewebe verwandelt.

 

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