Realitätsverlust kommt auch in der Zahnarztpraxis vor

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Kollege V.A. berichtete kürzlich von folgender Begegnung mit einer Neupatientin:

"Das hatte ich noch heute Mittag: Patientin (59) die meinte ihr ganzes Gebiß wäre vesrstümmelt worden. Sie versuchte uns glaubhaft dazustellen,, dass die OK-Brücke rechts innerhalb von 2 Jahre so nach innen gewandert wäre, dass die Wange jetzt eingefallen ist. Ausserdem standen vor 2 Jahre alle (nicht überkronten) Unterkieferfrontzähne noch schön in Reih und Glied, durch den OK-Frontkronenblock wäre im UK jetzt alles zusammengedrückt und zusamengeschoben, die Eckzähne würden jetzt vorstehen, abbeissen oder kauen könne sie auch nicht mehr und den vorne sichtbaren Verschleiss hatte sie vor zwei Jahren auch noch nicht gehabt.

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Dazu wäre nach der letzte Brücke ihr ganzes Gebiß schief geworden……
Dabei hatte Sie generell ein recht gesundes Parodontium (PSI-2) mit wenig Attachmentverlust, keine Beweglichkeiten,  und eine verschlüsselte Bißlage (mit generell sichtbaren Abrasionen) so dass die beschriebenen Zahnbewegungen normalerweise nicht möglich gewesen wären. Auch Frontkontakt war da, und alles ohne Schmerzsymptomatik,. Allerdings war die gesamte Physiognomie asymmetrisch, hatte Sie eine OK-Mittellienenverschiebung (natürlich- oder unfallbedingt konnte ich nicht mehr in Erfarung bringen), und eine grössere Narbe auf der Oberlippe. Die vorsichtige Frage ob denn die bemängelten Brücken begutachtet worden sind, wurde sofort bejaht; aus dem Gutachten wäre "für sie wohl nichts herausgekommen, weil die Kollegin 2 Jahre Nachbesserungsrecht hätte".

Ich habe Ihr zunächst gesagt, dass ich nicht glaube das sie vor zwei Jahren wie ein junges Mädchen ausgesehen hat, daraufhin bekamen wir nicht mal mehr die Erlaubnis den reichlich vorhandenen Zst zu entfernen… :-)"

"Also, die Pat. hat mich nicht als CMD Guru aufgesucht. Sie wollte von mir hauptsächlich neuen Zahnersatz und eine Zahnstellungskorrektur. Gleichzeitig aber auch die Bestätigung, dass Vorbehandler Sie "vermurkst" haben: Bißlage und Zahnstand stark verändert, bis zu (für die Pat.) angebliche Unbrauchbarkeit aber ohne Schmerzsymptome! Diesen Gefallen konnte ich die Pat. niet tun, da ich zahmmedizinisch eine ander Meinug vertrete wie sie. Mit der Bemerkung: "keine glaubt mir" ist sie dan aufgestanden und hat die Praxis verlassen."


  Kommentar

Sie sind zum Glück selten *): Menschen mit Vorstellungen in ihrem Kopf über die vermeintlich katastrophale Entwicklung ihrer Zähne und des Bisses. Auffällig ist das Mißverhältnis zwischen den geschilderten Eingriffen von Vorbehandlern und den darauf zurückgeführten Folgen. "Seitdem die Krone 1988 eingebaut wurde …." geht seit 30 Jahren die Innenwelt der Betroffenen unter. Dass die aber offenbar immer noch steht, auch die Zähne noch alle da sind, die Kiefergelenke eben nicht weh tun und objektiv keine Funktionseinschränkung zu erheben ist, stört die so Erkrankten nicht im Geringsten. Immer sind sie schwer betroffen und immer ist der Zahnarzt an allem schuld. 

Dank der fehlenden Grundlagenforschung in der deutschen Zahnmedizin zum Thema psychiatrische Erkrankungsformen im zahnärztlichen Behandlungsstuhl existiert bis heute kein Fachbegriff für die so Erkrankten.  Dr. Marbach, einer der ganz wenigen Wissenschaftler – natürlich aus den USA – auf diesem Gebiet hat die Krankheit "Phantombiss" genannt. Lasst uns deshalb von PB = Phantombiss Leidenden reden.

Ich rede von Patienten mit einer harten psychiatrischen Störung, die ganz eindeutig wahnhafte Züge aufweist, also schizophrene Anteile hat, die keiner logischen Diskussion oder Auseinandersetzung zugänglich sind. Da kann man sich als Fachmann den Mund fusselig reden, dass der Biss bestens in Ordnung ist; diese Patienten kommen heute mit Lockerungserscheinungen der Oberkiefer Frontzähne als Beschwerde und wenn man als Behandler den Fehler macht, darauf einzugehen und dabei womöglich den Biss verändert, sind sie spätestens morgen mit erheblich verschlimmerten Beschwerden wieder da. Und glaubt man als Behandler mit Schienen und raffinierten nichtinvasiven Maßnahmen zumindest nicht in die Falle "irreversible Gebissveränderung" zu tappen, wird auch dem wohlmeinendsten Therapeuten irgendwann ein Licht aufgehen, dass hier keine normale Handwerker Arbeit gefragt ist. Egal, was man macht, es geht bei PB Patienten immer schief. 

Und so sind sie zu erkennen:

  • Somatische (auf den Körper bezogene) Behandlung führt regelmäßig zu paradoxen Ergebnissen
  • PB Patienten reagieren auf die Nachfragen zur genauen Angabe des Orts und der Stärke von Schmerzen ausweichend
  • PB Patienten haben ganz genaue Vorstellungen, welcher Zahnarzt was falsch gemacht hat. Konfrontiert man sie mit Beweisen des Gegenteils hat das keinerlei Auswirkungen auf die Überzeugung
  • PB Patienten sind typischerweise bei mehr als einem Zahnarzt in Behandlung und "verschleißen" erstaunliche Mengen von Behandlern. So genanntes Koryphäen Killer Syndrom.
  • PB Patienten haben ein überzufällig hohes Aufkommen an Begleiterkrankungen aus der Reihe Depression, Angststörung und Schizophrenie
  • PB Patienten sind erheblich Suizid (Selbstmord) gefährdet
  • Eine systematische Behandlung mit Escitalopram (Antidepressivum)  verringert bzw. beseitigt die Beschwerden im Mundbereich.

 *) Prävalenz in der Bevölkerung geschätzt zwischen 0,5% und 1%, analog des Vorkommens der BDD (Body Dysmorphic Disorder).

Literatur: Occlusal dysesthesia and temporomandibular disorders: is there a link?

Clark G, Simmons M.

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