Ferulasäure: Schützt und erneuert Nervengewebe

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ACHTUNG: Einige User haben mich darauf hingewiesen, dass der Lieferant der Ferulasäure Beipackzettel mit einschüchternden Warnungen (z.B. Ätzend, Schutzbrille und Handschuhe verwenden …) mitsendet.

Hier die Entwarnung: Ferulasäure ist eine sehr schwache Säure, 2 Nummern (Zehnerpotenzen H+) weniger als z.B. Zitronensäure aus der frischen Zitrone oder Essigsäure aus normalem Haushaltsessig. Es ist völlig ausgeschlossen, dass sich jemand damit irgendwo (Auge, Mund, Speiseröhre) verätzt. Der Warnhinweis ist eine reine rechtliche Absicherung, nichts weiter.

Hintergrundinfo: Im Magen befindet sich immer eine verdünnte Salzsäure, die dazu führt, dass der pH im nüchternen Zustand bei 1 (!) liegt. Neutrales Wasser hat einen pH von 7 und Ferulasäure garantiert nicht unter 4.

Anwendung: Ein halbes Glas mit lauwarmem Wasser mit 1g (= 1.000mg) Ferulasäure verrühren, es löst sich nicht komplett. Und schlucken. Rein geschmacklich lässt sich dabei feststellen, dass das Zeug sehr mild ist.

Ferulasäure (engl. ferulic acid)

In Google scholar fördert die Suche nach den Eigenschaften der Ferulasäure, wenn sie von Menschen oder  Säugetieren geschluckt wird,  zu erstaunlichen Ergebnissen. Die sind:

  1. Ferulasäure hilft gegen neuropathische Schmerzen. Beweis: Mäuse bekommen den Ischiasnerv einseitig operativ beschädigt, was zu hoher Empfindlichkeit der Hinterpfote führt. Mit Ferulasäure verschwindet die Überempfindlichkeit, mit Placebo nicht. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4991467/
  2. Ferulasäure verlangsamt das Wachstum von Tumoren. Beweis: Löst man in Ratten durch Azoxymethan Dickdarm Krebs aus, wächst der Tumor langsamer und es bilden sich weniger Metastasen, wenn man den Ratten Ferulasäure zufüttert.   https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0304383500004614
  3. Ferulasäure ist ein Antioxidant und schützt vor freien Radikalen. Beweis: Ferulasäure bewirkt im Menschen ein Anti-Aging und greift in den Zelltod Mechanismus ein.     https://www.jstage.jst.go.jp/article/jcbn/40/2/40_2_92/_article
  4. Ferulasäure verlangsamt Morbus Alzheimer. Beweis: Eine leicht veränderte Ferulasäure erhält bei Alzheimer Patienten die kognitiven Fähigkeiten länger als Placebo.   https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0031921
  5. Ferulasäure verbessert Diabetes mellitus Typ 2. Beweis: Eine gefürchtete Komplikation von Diabetes ist die Nierenschädigung. Im Tierversuch mit Ratten kann gezeigt werden, dass Ferulasäure das Nierengewebe sichtbar verbessert.     https://www.nature.com/articles/emm201178

Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Ferulasäure scheint eine Allzweckwaffe für und gegen fast alles zu sein. Dazu kommt die Substanz in fast allen pflanzlichen Lebensmittel vor, weil die Pflanzen Ferulasäure zum Bauen ihrer Zellwände mit Zellulose benötigen. Rohe Pflanzenteile enthalten wenig freie Ferulasäure, aufbereitete (z.B. gekochte) dagegen mehr. Das ist auch bei Mais der Fall. Mais aus der Dose hat bezüglich Ferulasäure höhere Gehaltswerte als roher Mais. Im besten Fall enthält Mais 1% Ferulasäure bezogen auf das Gewicht.

Zurück zur Frage, was kann Ferulasäure für die Patienten von zahnfilm.de tun? Oben findet sich unter der Position 1. die Studie zur Wirkung auf neuropathische Schmerzen. Liest man die Originalseiten, wird deutlich, dass die Wirkung von Ferulasäure auf die Schmerzen stark von der verwendeten Konzentration abhängt. Konkret haben die Forscher den Mäusen bis zu 80mg ferulic acid pro kg Körpergewicht in den Mund gedrückt. Übertragen auf einen 80kg schweren Menschen wären das 6.400mg . Wie wir wissen, ist eine direkte Umrechnung Tier/Mensch über das Körpergewicht aber nicht zulässig. Die Körperoberfläche scheint als Maßstab besser geeignet zu sein. Danach wäre das Ergebnis nach Gewicht noch einmal um den Faktor 10 zu verringern; also würden 640mg bei einem 80 kg schweren Menschen einer Portion von 80mg/kg Gewicht bei der Maus entsprechen.

Weil die natürlichen Quellen von Ferulasäuren stark unterschiedliche Gehalte aufweisen, ist für die Behandlung von neuropathischen Schmerzen die Verwendung von chemisch gereinigter Ferulasäure von Vorteil. Nur damit kann die hohe und gleichmäßige Dosierung erfolgen. Leider habe ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) keinen Lieferanten gefunden, der Ferulasäure in Reinform und in Kapseln anbietet. Amazon und Konsorten haben nur Kombinationspräparate im Angebot, deren Gehalte an Ferulasäure lächerlich gering sind. Selbstverständlich haben viele gewerbliche Chemiehändler die Reinsubstanz vorrätig, aber es scheint bisher nur eine Verkaufsstelle für private Konsumenten zu geben, siehe Bild. Wie dem auch sei, aus o.a. Angebot läßt sich leicht errechnen, dass die empfohlene Tagesdosis von 1.000 mg (= 1 Gramm) Ferulasäure etwa 0,40 Euro kosten würde, also nur eine kleine Hürde darstellt. Ärgerlich ist, dass sich die Patienten zum Abmessen der 1.000 mg eine Feinwaage zulegen müssten.



12 Replies to “Ferulasäure: Schützt und erneuert Nervengewebe”

  1. Guten Abend Herr Dr.Wagner,

    Ich habe jetzt 10 Gramm Ferulasäure zuhause. Da stehen zig Warnhinweise zb. Ätzend, nur mit Handschuhen und Schutzbrille verwenden etc. !
    Hab ich die Falsche? Ist das ätzend wenn ich die einnehme? Hab doch richtig Angst vor dem Zeug in der Tüte.

    Können sie mir helfen?

    1. Hallo Strawberry,
      dont worry, be happy. Der Warnhinweis soll den Lieferanten pauschal vor rechtlichen Problemen schützen, mit der konkreten Säure hier hat das nichts zu tun. Die ist harmlos, weil sie in der Natur in teilweise hoher Konzentration vorkommt. Siehe hier: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5466124/. Dort können Sie nachlesen, dass 125 g frische Zuckerrüber oder 330g Popcorn ziemlich genau 1000mg Ferulasäure enthalten. Wenn Ihnen das lieber ist: besorgen Sie sich entsprechend diese Sachen. Ansonsten: 1000 mg Ferulasäure abmessen, in einem Glas Wasser auflösen und schlucken. Bon appetit.
      VG J. Wagner

  2. Vielen Dank für die schnelle Antwort.

    Morgen werde ich mal mit der Säure anfangen.

    Ich hab etwas entdeckt. Ein Medikament dessen Phase 3 Studie leider erst in einigen Jahren abgeschlossen ist. Ich hab auch keine Ahnung ob es und wie schnell dann sowas auf dem Markt kommt .
    Es handelt sich um ein Medikament das gegen die TGNeuralgie entwickelt wurde und in etwa so wirkt das je mehr der Nerv feuert desto stärker wirkt das Medikament dagegen. Wäre ja eine große Hoffnung aber es dauert ja noch 4 Jahre …..
    Sie können ja mal danach googeln.

    Es heisst BIIB074.

    Schönen Abend

    1. Mehrere große Pharmagruppen arbeiten an Wirkstoffen gegen die Neuropathie, nicht nur Trigeminus, weil das ein Riesenmarkt mit Milliardenumsätzen wird. Da ist also Etliches in der Pipeline. BIIB074 scheint zumindest keine ernsten Nebenwirkungen zu haben, über die Wirkung im Vergleich zu etablierten Substanzen konnte ich nichts erfahren. Die direkte Beeinflussung des Nav1.7 Ionenkanals ist prima vista sicher ein lohnender Ansatz. Aber nicht der einzige. Eins ist sicher, wir werden in den nächsten 10 Jahren eine Vielzahl neuer Möglichkeiten bekommen, den Schmerz gezielter auszuschalten.
      VG J. Wagner

  3. Lieber Herr Wagner, helfen solche Mittelchen auch gegen Schmerzen die zum Teil oder sogar ganz psychosomatisch sind? Bzw. auf Angst basieren / dadurch verstärkt werden? Bei mir ist es so, dass ich chronische Gesichtsschmerzen habe, aber keine direkte Diagnose. (Neuropathie, Neuralgie, Schmerzgedächtnis..)
    Mein Facharzt sagt es wäre eine Kombination, wobei das ja eher Ausschlusskriterien sind und einige Punkte der Neuropathie die ich hier gelernt habe passen, andere wiederrum nicht.

    Bietet sich etwas auf Ihrem Repertoire da zur Hilfe an bzw. bieten Sie solchen Patienten auch eine Sprechstunde an? (Wäre halt interessant wegen hunderten Kilometern Fahrt..)

    1. Hallo Dennis,
      Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Trig. Neuropathie eine rein somatische Erkrankung darstellt. Wir haben es mit einer nachweislich übersteigerten Funktion bestimmter Ionenkanäle auf der Oberfläche der Fasern des Trigeminus zu tun. Deshalb wirken auf die Kanäle dämpfende Mittel überhaupt. In der Epilepsie haben wir dasselbe Problem, darum sind Antiepileptika und bestimmte Antidepressiva wirksam. Sekundär, also als Folge, entwickeln sich bei einigen Trig. Neuropathikern auch Depressionen und Angststörungen. Das ist aber eine Folge, keine Ursache.
      Beim Vorliegen von Psychosomatik ist es exakt umgekehrt. Zuviel psychischer Druck (Stress, Arbeit, Familie …) führt zu körperlichen Beschwerden wie Tinnitus, Reizdarm, Reizblase … Das passt aber nicht zur Trig. Neuropathie. Im Tierexperiment kann man die Schmerzen gezielt auslösen durch leichten Dauerdruck auf einen Trigeminusast. Beim Menschen wissen wir inzwischen, dass Unfälle mit Gesichtsbeteiligung, Herpes Zoster und Herpes Simplex und eine erbliche Belastung auf Migräne und Trig. Neuralgie an der Auslösung einer Trig. Neuropathie schuld sein können. Übermäßiger Stress eher nicht.

      An Ihrer Stelle würde ich mir meine empfohlene Dreierkombination für Trig Neuropathie verschreiben lassen und für min 2 Wochen testen. Wenn sie anschlagen, dann haben Sie eine Trig. Neuropathie unabhängig von psychosomatischer Beteiligung.
      VG J. Wagner

      1. Vielen Dank, das Amitriptylin sowie das Gabapentin habe ich schon zuhause. Wie wichtig ist hier das Carbamazepin? i.d.R. sind Ärzte ja eher zurückhaltend was Verschreibungen angeht.
        Wie sieht es denn aus, wenn ich mit der Kombi nichts erreiche.. was empfehlen Sie Ihren Patienten in so einem Fall? Da wird es ja sicher auch den einen oder anderen geben, oder? Ich würde Sie ja glatt mal besuchen, wenn ich nicht so elend weit weg wohnen würde.. wäre nur die Frage ob’s wann bringt, denn dann wäre mir kaum eine Reise zu weit. 😉 Aber wenn Sie natürlich schon vorher sagen dass es im psychosomatischen Bereich keine oder nur wenig Hilfe Ihrerseits geben kann, dann macht das ja nur wenig Sinn. Oder?

        1. Hallo Dennis,
          Carbamazepin kann die Leber „schädigen“, die Leberenzyme im Blut steigen dabei an. Ganz ernste Nebenwirkungen sind nicht bekannt, schon gar nicht bei der Kinderportion von 150mg. Epileptiker wurden früher bis 3.600mg hochdosiert.
          Beim Versagen der Kombination kommen die Mittel der zweiten Wahl in Frage.
          Und nur Mut hilft, Sie bekommen entweder ein vernünftige Behandlung oder die Diagnose: Ist nicht neuropathisch.

          VG J. Wagner

          1. Ich fasse das mal ins Auge, danke für Ihren Rat – Ich wünsche Ihnen und auch der ganzen Community hier einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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