Das hohe Ross der Kieferorthopäden

Lesen Sie dazu auch die Artikel  Erwachsenen Kieferorthopädie, Abteilung Sandsack  und  Kieferorthopäden schlachten Individual Prophylaxe für Kinder aus  aus der Rubrik  Berufspolitik

 

kovo1-3.jpg  Für "selbstligierende Brackets" werden Euro 649,60 veranschlagt, für das Entfernen derselben 275,80 dazu *) "Komfortbögen" für 590,52 macht zusammen 1.515,92 Euros. Sie lesen gerade den Kostenvoranschlag Nummer 1 von KFO Dr. X aus Leverkusen an meine alleinerziehende Patientin, Frau H. (43), mit 2 Kinder im Alter von 11 und 13 Jahren für die "Mehrkosten" der kieferorthopädischen Behandlung ihrer Tochter.
 240-1.jpg  Kostenvoranschlag Nummer 2 beinhaltet "nur" 60,88 Euro. Dafür aber 4 mal im Jahr über die Gesamtdauer der KFO Behandlung, also voraussichtlich 12 mal. Wir reden von 720 Euronen und diese sollen ausgegeben werden für Sandstrahl (Airflow) Arbeiten und Fluorlackierungen, wovon alleine der Fluorlack mit 180 Euro (12 mal 15) beziffert wird.
 bracketumfeld-1.jpg  Und damit die Sache rund wird, möchte Dr. X auch noch "das Bracketumfeld versiegeln" für das Kleingeld von 182,16 Euro. Kostenvoranschlag Nummer 3. 

 

Rund ist auf jeden Fall der Gesamtbetrag von 2.400 Euro für die privaten Zusatzleistungen, die sich Dr. X bei unserem Fall H. gönnt. Denn dazu kommt die Kassenleistung "kieferorthopädische Behandlung beider Kiefer", abgerechnet über die AOK Leverkusen mit geschätzten weiteren 3.600 Euro. Da macht die Kieferorthopädie mit festsitzenden Gerätschaften doch richtig Spaß.

Der Zufall will es, dass ich (Zahnarzt Joachim Wagner) mit Bögen und "selbstligierenden Brackets" selber hantieren kann – und deren Einkaufspreise kenne. Ohne große Mühe läßt sich bei Ebay USA ein Satz (20 Stück) selbstligierende Stahlbrackets (die sind im Kostenvoranschlag auch gemeint) für 180 US-$ also etwa 120 Euro auftreiben.  Beim "Orthodealer " gibt es die passenden Bögen dazu, zwischen 5 und 6,50 Dollar in NiTi (NickelTitan), was vermutlich mit "Komfortbögen" gemeint ist. Davon benötigt der Durchschnittsfall keine 20 Stück im Lauf der Gesamtbehandlung. 

Betriebswirtschaftlich denkt Dr. X sich den Kostenvoranschlag Nummer 1 so:  Bare Extraaufwendungen von ungefähr 300 Dollar abzüglich der Materialkosten für die einfachen Stahlbrackets und Bögen  (meinetwegen 100 Dollar) stehen reine Mehrerträge von 1500 Euro gegenüber. Mehr Arbeit ist damit nicht verbunden, im Gegenteil, bei den selbstligierenden Brackets spart der Kieferorthopäde Zeit. Und die ist bekanntlich Geld.  Welch ein fantastisches Geschäft: zweimal profitieren und nichts dafür leisten. Davon träumt die gesamte Geschäftswelt.

Der Kostenvoranschlag 2 setzt die angefangene Linie fort. Harmlose 60 Euro tauchen rechts unten als Summe auf, dahinter verbirgt sich aber ein Fortsetzungsvertrag mit einer Gesamtsumme, die das monatliche Einkommen der 3-köpfigen Familie übersteigt. Das Beste dabei ist die Tatsache, dass diese Vorbeugungsleistungen mit Fluorgel gegen Karies und Sandstrahlung bereits vom normalen Zahnarzt als Kassenleistung erbracht werden würden. Dazu kommt es dann nicht mehr, wenn die Erziehungsberechtigten blind beim KFOt unterschreiben, denn dann heißt es "wir machen das schon alles …" Fazit: 720 Euro für die Katz.

Der Kostenvoranschlag 3 beziffert die Leistung "Bracketumfeld versiegeln" mit weiteren 180 Euro.  Wenn die  KFOten mit entsprechenden klinischen Studien nachweisen könnten, dass das einmalige Gepinsel um die Stahlbrackets herum tatsächlich die Zahnhalskaries bei den Hochrisikofällen, und das sind die Apfelschorlen Junkies, verhindern würde, was vermutlich nicht funktioniert UND wenn die Raffke Mentalität nicht so überdeutlich in allen 3 Papieren hier auftauchen würde, DANN könnte man sich mit dem Kostenvoranschlag 3  vielleicht noch anfreunden.

 

Aber so wie hier präsentiert hinterläßt dieser Stapel Papiere "Ich will mehr" einen ausgesprochen unangenehmen Nachgeschmack. Ich bin sicher, dass der betroffene KFOt diese Kostenvoranschläge von irgendwelchen Vorlagen des Kampfverbandes der Kieferorthopäden abgeschrieben hat. Kampfverband deshalb, weil die Mitglieder sich gegenseitig bescheinigen, in dieser Republik a) total unterbezahlt und b) nicht angemessen gewürdigt zu werden, was sie aktiv ändern wollen. Aus der Sicht des kleinen Allgemeinzahnarztes mit eingeschränktem Behandlungsspektrum (wie z.B. Joachim Wagner, Zahnarzt)  stellt sich die behauptete Unterbezahlung allerdings etwas differenzierter dar. Ausweislich der Statistik der KZBV liegt der Einnahmeüberschuß der KFOten immer noch beim Doppelten des gemeinen Zahnarztes (letzterer knapp unter 100.000 Euro im Jahr).  Die ganz fleissigen unter den Spangenmachern knacken auch schon mal die Million im Jahr. 

Frau H. soll jetzt also 2.400 Euro zuzüglich dem sowieso fälligen Eigenanteil von 20% der Kassenrechnung von 3.600 Euro für die Brackets ihrer Tochter zahlen. Die Frau hat keine 700 im Monat, darum ist sie mit diesen Kostenvoranschlägen zu mir gekommen, um die Notwendigkeit der Leistungen aus meiner Sicht zu hören. Und ich habe ihr das gesagt, was hier zu lesen ist. Übrigens wurde ihr auch schon ein Ratenplan ausgehändigt. Damit alles reibungslos …

*) Das ist eine absolute Unverschämtheit. Bei der Kasse ist eine "Multiband Behandlung"  beantragt und genehmigt worden. Diese umfasst das Kleben von Stahlbrackets incl. aller (!) Materialkosten und selbstverständlich auch das Entfernen. Wie der KFOt es dann fertigbringt, Mehrkosten für das Entfernen der "selbstligierenden Brackets" anzusetzen, die sich im Entfernungsaufwand in absolut gar nichts von den normalen Brackets unterscheiden, das kann Ihnen nur der KFOt selbst erklären. Ich nicht.

2 Replies to “Das hohe Ross der Kieferorthopäden”

  1. 🙁
    spricht da der neid??? ich sage ja den patienten auch nict, sie sollen nur die kassenfüllung verlangen und keine kunststofffüllung zahlen (materialwert bei henry schein kleber 1 euro). ich glaube, deswegen macht man als kfo auch 4 jahre zusatzausbildung, weil man hier wieder sieht, dass zahnärzte von kfo keinen schimmer haben und besser ihre klappe halten bei sachen wovon sie bestenfalls 2 semester ne wochenstunde geschlafen haben.

  2. RE: Das hohe Ross der Kieferorthopäden
    Hallo KFOler, ich bin nicht der Einzige, der meint, dass die KFO ihrerseits ihre Hausaufgaben nicht macht. Schauen Sie mal hier: [url]index.php?option=com_content&view=article&id=409 [/url]Viele Grüße Joachim Wagner

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