Warum stoppt Schlaf die Migräne?

Orexin als zentrales Eiweiß in der Schlafregulierung und des Schmerzschalter im Thalamus

Auszüge aus dem wissenschaftlichen Artikel https://www.researchgate.net/profile/Marcelo_Bigal/publication/256611845_Why_Does_Sleep_Stop_Migraine/links/0046352aa16439ccf4000000.pdf

Der folgende Beitrag besteht aus Auszügen aus einem hochinteressanten Papier eines Insiders des Pharmariesen Merck & Co, USA. Wir erfahren hier die schon bekannten Details der spannenden Frage, warum Schlaf eine Migräne abkürzen bzw. beenden kann. Die Parallele zur Trigeminus Neuropathie drängt sich förmlich auf. Auch dabei verschwindet der Schmerz für die Dauer des Schlafs, zumindest in den meisten Fällen. Wie ist das zu erklären? Im Wachzustand Schmerzpeaks bis 10 von 10, ab dem Moment des Schlafs ist Funkstille. Die schlimmsten vorstellbaren Schmerzen im Wachzustand, danach einfach weg, rien, nada, nothing. Zum Glück kommt allmählich Licht ins Dunkel. Das Zwischenhirn = der Thalamus wird zum Brennpunkt der Forschung. Dieser ist das Portal, über den alle Informationen aus dem Körper zum Großhirn umgeschaltet und auch gesteuert werden. Wir wissen heute, dass der Thalamus in der Lage ist, eine bestimmte Sorte von Schmerzsignalen (nachweislich neuropathische trigeminale Schmerzen) im Schlaf einfach abzuschalten. Und wie das funktioniert, das ist das Thema dieser Publikation.

Increasing evidence suggests that human circadian rhythms are regulated by a thalamic switch that can be activated or deactivated to regulate sensory information reaching the cerebral cortex and the degree of consciousness [52]. The transition from sleep to wakefulness comes as thalamocortical pathways activate the cortex that has been primed by neurotransmitters (serotonin, histamine, norepinephrine) released from ascending pathways originating in the brain stem. The extent of information passing to the cortex through the thalamus is “gated” based on the arousal level of the central nervous system that is in turn set by outputs from the brain stem and hypothalamus.

Zunehmende Beweise legen nahe, dass der zirkadiane Rhythmus des Menschen durch einen Thalamus Schalter geregelt werden, der aktiviert oder deaktiviert werden kann, um sensorische Informationen zu regulieren, die das Großhirn erreichen und den Bewusstseinsgrad steuern[52]. Der Übergang vom Schlaf bis zum Wachsein stellt sich als Aktivierung thalamokortikaler Bahnen dar. Durch Neurotransmitter (Serotonin, Histamin, Noradrenalin) wird das Großhirn gestartet, welche freigesetzt werden von aufsteigenden Bahnen, die aus dem Hirnstamm kommen. Der Umfang der Informationen, die durch den Thalamus zur Kortikalis gelangen, wird gesteuert auf der Basis der Erregungsstufe des zentralen Nervensystems, das wiederum durch Ausgänge aus dem Hirnstamm und Hypothalamus eingestellt wird .

The orexin peptides bind to two different orexin receptors OX-1R and OX2R. The binding affinity of OX-A and OX-B for OX2R is similar, but the affinity of OXB for OX1R is approximately 10 times lower than for OX2R.

Die Orexinpeptide binden an zwei verschiedene Orexin-Rezeptoren OX-1R und OX2R. Die Bindungsaffinität von OX-A und OX-B für OX2R ist ähnlich, aber die Affinität von OXB für OX1R ist etwa zehnmal niedriger als für OX2R.

Recent research has focused on a small number of orexinergic neurons that are clustered in the lateral hypothalamus [53]. It was not until recently in 1998 that it was discovered that these neurons produce a pair of closely related neuropeptides that were named orexin A (OX-A) and B (OX-B) by one group of investigators and hypocretin 1 and 2 by the other.

Die jüngste Forschung konzentrierte sich auf eine kleine Anzahl von orexinbildenden Neuronen, die im lateralen Hypothalamus gebündelt sind [53]. Erst 1998 wurde bekannt, dass diese Neuronen ein Paar eng verwandter Neuropeptide produzieren, die von einer (Forscher)Gruppe Orexin A (OX-A) und B (OX-B) genannt wurden, von einer anderen Hypocretin 1 und 2.

OX1R and OX2R are co-expressed in brain stem
nuclei responsible for sleep/wake control and sub-cortical
arousal, the exception being the noradrenergic locus ceruleus
where OX1R are selectively expressed and are involved in
REM sleep gating [55]. Interestingly (see above) it is these
brain-stem regions that have been shown to be activated
during migraine attacks.

OX1R und OX2R werden in Hirnstamm Kernen zusammen produziert. Sie sind für die Schlaf- / Wachkontrolle und Erregung des Mittelhirns verantwortlich. Die Ausnahme ist der noradrenerge Locus ceruleus, wo OX1R selektiv hergestellt wird. Dieser ist beteiligt in der Regulierung des REM-Schlafes [55]. Interessanterweise (siehe oben) sind es diese Hirnstammregionen, von denen gezeigt wurde, dass sie aktiviert sind bei Migräneanfällen.

Orexin neurons fire during active waking and virtually
cease firing during sleep. Deficiencies in the expression of
orexin peptide or its receptors lead to dysfunction in the
mechanisms that determine sleep and arousal states in genetically
altered mice, dogs and humans. Studies on human sleep
syndromes where there is a loss of ability to control sleep
states (narcolepsy) have shown the central involvement of
impairments in the orexin producing systems [56].

Orexin-Neuronen feuern während des aktiven Aufwachens und hören damit fast komplett im Schlaf auf. Mängel beim Produzieren von Orexinpeptid oder seinen Rezeptoren führen zu Funktionsstörungen im Mechanismus, der den Schlaf- und Erregungszustand steuert, in genetisch veränderten Mäusen, Hunden und Menschen (!). Studien bei menschlichen Schlafstörungen, bei denen die Fähigkeit zur Kontrolle des Schlafes verloren geht (Narkolepsie), haben die zentrale Beteiligung von Beeinträchtigungen in den Orexin produzierenden Systemen gezeigt   [56].

In addition to their importance in wakefulness, recent studies
in animals have linked the orexins to modulation of nociceptive
processing, but the pharmacology of these interactions
is still not fully understood and can be conflicting

OX-A and OX-B have been shown to be analgesic when
given i.c.v. and intrathecally, but not subcutaneously, in line
with their peptidic nature [59]. In animals, the efficacy of
orexin-A acting at OX-1R (as defined by blockade of the
response with the small molecule OX-1R antagonist
SB334867, was found to be similar to that of morphine

The dual
orexin antagonists were shown [66] to inhibit electrically
evoked trigeminal nociceptive transmission and neuronal
Curr Pain Headache Rep (2013) 17:369 Page 5 of 8, 369
activity in the trigeminocervical complex supporting a pronociceptive
role for orexins in trigeminal pain pathways.
Delineation of the exact orexin receptor responsible for this effect
awaits the study of OX-1R and OX-2R selective antagonists.

Given these data suggesting that orexins could promote
trigeminovascular nociception, the propensity to sleep during
migraine, and the possibility that migraine could be triggered
by stimuli that activate the hypothalamus and increase orexin
activity such as stress, fatigue, sleep deprivation or poor sleep
hygiene [67, 68] there is the potential for orexin antagonism to
treat or preventmigraine headaches.

8 Replies to “Warum stoppt Schlaf die Migräne?”

  1. Bitte um Hilfe!
    Ich habe seit 4 Wochen unfassbare Zahnschmerzen im UK…44-46 mit Brücke versorgt 45 fehlt. 44 wurzelbehandelt und revidiert…46 vital….47 nach 2 Revisionen gezogen.
    Laut Röntgen und CT alles in Ordnung.
    Ich habe Dauerschmerzen…ohne Schmerzmittel nicht auszuhalten 🙁 Auch nachts.
    3 Zahnärzte könnten mir nicht helfen…der jetzige vermutet eine Trigenemusnehemalige 🙁

    Was soll ich tun?

    Bitte um Hilfe
    Liebe Grüße Sabine

    1. Ihre Informationen sind etwas zu sparsam. Beantworten Sie bitte diese Fragen
      1. Welches Schmerzmittel nehmen Sie und wie gut und wie lange wirkt es?
      2. Wie stark ist der Schmerz auf der Skala 0 bis 10?
      3. Wann war die letzte Zahnarzt Behandlung mit Bohren?
      4. Können Sie wegen des Schmerzes nicht schlafen, oder haben Sie sowieso Schlafprobleme?
      Als erste Maßnahme sollten Sie sich beim Hausarzt diese 2 Medikamente verschreiben lassen: Amitriptylin 10mg 0 – 0 -1 , Gabapentin 100mg 1 – 1 – 1 . Wenn die innerhalb von 2 Wochen (es sind keine Schmerzmittel!) anfangen zu wirken, dann ist die Diagnose klar.
      VG J. Wagner

  2. Ich hab gerade eine Info bekommen das eine Frau eine Tiefe Hirnstimulation bekam und seit dem ist die neuropathie weg.
    Können sie dazu was sagen?

    1. Laut dieser Metastudie https://s3.amazonaws.com/academia.edu.documents/40015055/Deep_brain_stimulation_for_pain_relief_a20151114-20768-11xxt9.pdf?AWSAccessKeyId=AKIAIWOWYYGZ2Y53UL3A&Expires=1554121290&Signature=kwvQLHIW0o6rXJu0NIFSM3YLKIs%3D&response-content-disposition=inline%3B%20filename%3DDeep_brain_stimulation_for_pain_relief_A.pdf
      ist die durchschnittliche Erfolgsrate 50%, also ganz gut. Allerdings für sorgfältig ausgewählte Fälle. Beispiel „failed back surgery“ = gescheiterte Rücken OP, also stärkere Dauerschmerzen als vorher. Mir scheint hier die Frage entscheidend zu sein: Wo sitzt der Schmerzgenerator? Im Hirn oder nicht? Bei der Trig. Neuropathie nehmen wir an, dass ab etwa 2 Jahren Dauer ein Hirngenerator zum Hauptstörenfried wird. Und da greift die Deep Brain Stimulation an.
      VG J. Wagner

  3. Guten Morgen Herr Dr.Wagner ,

    Ich habe mal wieder eine neue Idee im Kampf der Neuropathie. Ich nehme 3 Medikamente relativ hoch aber es bringt alles kaum was. Vor einiger Zeit glaubten wir noch die Neuropathie bildet sich zurück. Aber Fehlanzeige, sie hat sich einen komplett neuen Zahn gesucht und verschlimmert sich wieder. Die Tiefe Hirnstimulation steht im Raum aber bevor ich sowas teste beobachtete ich mit einer mitleidigen ein Forum der Neuralgie.

    Dort bekam ein Mann nach immer wieder kehrenden schweren Anfällen mit starken Verletzungen nun Testweise im Krankenhaus Emgality. Der Ansatz klingt einleuchtend:
    Wo liegt der Unterschied zwischen Emgality und Aimovig?

    Beide Medikamente bekämpfen den gleichen „Bösewicht“: CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) wurde als ein Schlüsselmolekül in der Migräne-Attacke identifiziert. Dieser Botenstoff wird während einer Migräne-Attacke aus Nervenenden des Trigeminus-Nervs verstärkt freigesetzt.  
    Galcanezumab (Emgality) soll nun CGRP direkt an sich binden und dadurch verhindern, dass er seinen Rezeptor aktiviert. Der Wirkstoff Erenumab (Aimovig) dagegen soll den Rezeptor blockieren, damit der Botenstoff sich nicht anhaften kann.

    Er meldete sich vor ein paar Tagen an die Mitglieder das seine 10/10 Schmerzanfälle weniger wurden und auf 3/10 runter gehen. Für ihn ein Wahnsinns Erfolg. Ob dies so bleibt hoffen wir zu Erfahren.

    Was denken Sie darüber eine Migräne Spritze einzusetzen bei unserer Störung?
    Es entspringt ja aus unserem Feind dem Trigeminus.

    Liebe Grüße Strawberry

    1. Herzlichen Dank Strawberry, das ist eine hochinteressante Idee: CGRP direkt angreifen. Das macht sicher Sinn, zumal Sie das Menschenexperiment ja beobachten können. Leider gibt es dazu nur Mäuse und Rattenversuche in der Literatur. Die kann man nicht auf Menschen direkt übertragen. ABER: Der Wirkstoff setzt die Schmerzantwort bei „neuropathisierten“ Tieren deutlich herunter, das ist geklärt. Ein Wermutstropfen ist der Preis: pro Monat eine Spritze a knapp 700 Euro. Egal ob Galcanezumab oder Erenumab. In Härtefallen sicherlich vertretbar, aber die Kassen haben dazu das letzte Wort. Da dürfte der Casus knacktus sitzen.
      VG J. Wagner

  4. Lieber Herr Wagner, ich würde es super finden, wenn Sie mal einen Artikel über das Schmerzgedächtnis schreiben könnte, grade in Verbindung mit Gesichtsschmerzen. Und einem Exkurs zum Thema löschen des Schmerzgedächtnis bzw Symptomlinderung. Da ich hier viel gelernt habe und ich mir recht sicher bin dass Sie auch hier viel Ahnung haben wäre ich sehr an einem Artikel von Ihnen interessiert. Ich würde mich da sehr drüber freuen. 🙂

    1. Ihre Frage ist hochinteressant. Erste Ansätze habe ich gefunden. Dabei ist auch das Resveratrol aufgetaucht. Ganz grob stellt sich die Lage so dar: Die 2.Schaltstelle (=Nervenzelle) des Trigeminus im Rückenmark baut sich im Zuge von schädigenden Reizen (Zahnarzt, Unfall, Verbrennung) plastisch um und dadurch entsteht immer eine Überempfindlichkeit. Das ist normal und schützt die verletzte Stelle. Läuft alles richtig baut sich diese Nervzelle später wieder zum normalen Muster zurück. Aber eben nicht immer. Die Signalwege für diesen Rückbau versucht man aufzudröseln.
      VG J. Wagner

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