Bißnahme Methode Wagner

Lesen Sie dazu auch die Artikel  Totalprothese und Knirschen Teil 4  und  Biss der Woche – Hardcore  aus der Rubrik Biss, Knirschen und ‚Funktion‘

 

 

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Bild 1

In der Vorstellung vieler Kollegen/innen nimmt der Biss, also die räumliche Lagebeziehung von Unter- zum Oberkiefer, eine abenteuerlich große Bedeutung ein. Ein nicht korrekter Biss soll diesen Ideen zufolge schuld sein an Dauerschmerzen im Mund, im Ohr, in den Kaumuskeln, im Kopf, im Hals, im Rücken … Dementsprechend schwierig und fehlerträchtig scheint diesen Fachleuten auch die Bissnahme am Patienten zu sein.

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 Bild 2

Ohne Einweisungen in aufwändigen "Funktionskursen" bei den einschlägigen Gurus im Wert des Honorars für 4 Totalprothesen trauen sich viele Zahnmediziner kaum noch, eine sogenannte "Handbissnahme" bei ihren Patienten vorzunehmen. Angeblich – so suggeriert es die CMD Industrie Deutschlands – grenzt die einfache Handbissnahme ohne Zuhilfenahme von Computer und Bissbestecken ja praktisch schon an Körperverletzung. *)

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Bild 3

Zahnfilm DE ( also ich, Joachim Wagner, Zahnarzt) demonstriere in diesen 6 Bildern, wie eine Bissnahme am nahezu zahnlosen Patienten zwar Q&D (quick and dirty = schnell und schmutzig) aber trotzdem  verlässlich durchgeführt werden kann. Wie lauten die Aufgaben beim Bissnehmen? 

a) Der Patient soll rechts und links mit annähernd gleichem Kaudruck aufbeißen

b) Die Kiefergelenk Köpfchen sollen dabein in ihrer natürlichen "Zubeiß" Position liegen, diese ist in der Regel mit der Position "Schieben Sie den Oberkiefer so weit nach vorne, wie Sie können" identisch.

c) Und der Abstand zwischen Kinn und Nase, also die Bisshöhe, soll mittelwertigen Verhältnissen entsprechen. Bei Zahnlosen fehlt dafür jeder Anhaltspunkt, so dass der Zahnarzt hier im Grunde immer auf die Pi-mal-Daumen Methode "das Profil sieht ganz gut aus" zurückgreift.

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 Bild 4

Wie ermittele ich nun den Biss bei fast Zahnlosen? 

Die  Ausgangsbasis bilden blaufarbene Kunststoff Basis Platten, die auf den Meistermodellen  angefertigt werden. Der Zahntechniker befestigt darauf konfektionierte Wachswälle, die weder von der Höhe, noch von der Lage her auf den Fall angepasst sind.

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 Bild 5

Der Patient kann mir innerhalb von Sekunden nach dem Einsetzen der Grobteile schon sagen, auf welcher Seite er zuviel beißt. Um mir die Arbeit zu erleichtern, steht ein
Warmwasserbad von ca. 50 – 60 Grad Celsius bereit. Innerhalb einer Einwirkzeit von etwa 40 Sekunden erweicht das Wachs soweit, dass ich mit einem Zementspatel millimeterdicke Streifen Material abtragen kann. Das wiederhole ich solange, bis der Patient keinen bedeutenden Unterschied mehr zwischen rechts und links bemerkt.

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 Bild 6

Nun kommt der Moment für Bild 1. Mit dem Zementspatel ziehe ich eine Mittellinie tief in beide Bisswälle im Mund, und dazu jeweils eine Linie im Bereich der Prämolaren beidseits. Bis jetzt weiß ich noch nicht, wie der Patient beißt, werde es aber bald. Denn nun üben wir das gezielte Schieben des Unterkiefers mit den Befehlen "Unterkiefer ganz nach vorne" und danach "Oberkiefer ganz nach vorne".  Anhand meiner Markierungen kann ich ziemlich genau erkennen, in welcher Unterkiefer Position der Patient gerade beißt, und wo er vorher gewesen sein muss. Sehen Sie sich dazu Bild 2 und Bild 4 an. Auf dem Oberkiefer Wall sind deutlich 3 Marken zu erkennen, im Unterkiefer nur eine. Die OK Marke ganz vorne (= am weitesten rechts im Bild) war die erste, da hat der Patient gebissen, wie er gerade wollte.

   

Die zweite Markierung (dazwischen) geschieht nach der ersten Übung "Unterkiefer vor .." und die 3. Markierung nach der letzten Übung. Mit der Wanderung des Unterkiefers auf der rechten Seite nach hinten verändert sich auch die Mittellinien Markierung. In Bild 1 ist das deutlich zu sehen. Wenn Sie in Bild 6 genau hinschauen, erkennen Sie die verschobene Erstmarkierung auch wieder, die befindet sich im Unterkiefer Wall neben  der neuen UK Mittellinie.

Auf diese Weise läßt sich ganz gemütlich die richtige Unterkiefer Position weiter hinten anvisieren und zwar kontrolliert und zuverlässig. Durch die Übungen zwischendurch ist gewährleistet, dass der Patient nicht verkrampft und seinen Unterkiefer ungewollt vorschiebt. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine eine vorgeschobene Unterkieferposition registriert und anschließend ins Labor weitergegeben wird. Dadurch dass die Wachswälle mehrfach im erwärmten Wasserbad erweicht werden, hat der Patient reichlich Gelegenheit, die Wälle genau so nach seinem Mund zurecht zu beissen, dass die dreidimensionale Wiedergabe der Raumbeziehung von Unter- zum Oberkiefer sicher gestellt ist. Auf den Bildern 4 bis 6 läßt sich das zumindest erahnen. Den Biss verschlüssele ich dadurch, dass ich – in der endgültigen Schlussbisslage – noch einmal 3 neue durchgehende Marken mit dem Zementspatel so deutlich in beide Wachswälle eindrücke, dass ein späteres fehlerhaftes Zusammensetzen der Bissschablonen sofort auffällt..

 

Warum die Q&D (quick and dirty) Methode Wagner besser ist

 Vor vielen Jahren demonstrierte der damalige Oberlehrer Herr Prof. Dr. Zahnersatz Klötzer uns Anfängern im Studentenkurs, wie denn die Bissregistrierung laut Lehrbuch am richtigen Patienten  vorzunehmen wäre. Meister Klötzer verwendete damals Bissschablonen mit  der Stützstiftregistrierung nach Gerber, also diese Pfeilaufzeichnungs Gerätschaften. Einige Wochen nach dieser Aktion kam die Stunde der Wahrheit: die fertigen Prothesen wurden eingesetzt und der Biss erwies sich als jenseits von Gut und Böse = richtig schlimm daneben. In der Tat berichteten die Assistenten anschließend hinter vorgehaltener Hand, dass das Meisterwerk schlichtweg neu angefertigt wurde, vom Oberarzt.

1. Stützstiftregistrierungen

sind von Übel. Nach vielen eigenen Anläufen und Versuchen mit Patienten in den 90-er Jahren meine ich heute zu wissen, warum der Zahnersatz Professor damals so blamabel scheiterte.  Beginnen wir bei den gröbsten Fehlerquellen. a) Die Platte, auf der registriert werden soll, drückt auf die Zunge. Das tolerieren einige, viele Patienten jedoch nicht, die heben das Ding einfach hoch – unbemerkt vom Behandler. b) Es dauert viel zu lange, bis die Primitiv Mechanik tatsächlich so funktioniert, wie gedacht. Zu viel Zeit wird darauf verschwendet, Störkontakte im Weisheitszahnbereich wegzunehmen und/oder die Höhe des Stiftes anzupassen. c) Bis einzelne Patienten gerafft haben, dass sie einen Pfeil mit dem Unterkiefer auf die Platte malen sollen, ist der halbe Tag um. Hier wird viel Konzentration und Schweiß für Null Extraerkenntnis verschwendet. Im Ernst Kollegen: was wollen Sie mit dem Pfeil, abgesehen von der Position der Pfeilspitze? d) Mit der Pfeilspitze hängen gleich mehrere schwere Registrierfehler zusammen. Zum einen verrutscht das aufgeklebte Lochplättchen gerne, dann drücken etliche Patienten genau im Moment der Registrierung den Unterkiefer doch noch nach vorne und schließlich erlaubt das Gestänge im Mund kaum eine Kontrolle über den gerade anliegenden Biss. Meine Aufzählung an Fehlermöglichkeiten bei der Stützstiftregistrierung ist nicht vollständig …(Knirscher drückt UK Schablone vorne/hinten runter, Knirscher verbiegt Stift/Platte, leichte Druckstelle unter der Schablone verhindert das ordentliche Zubeißen, völlig abgebauter Kieferkamm …)

2. konventionelle Handbissnahme

Der Blick in eine Prothetik Lehrbuch hilft, die dort befindliche Bissnahme von der Wagner’schen zu unterscheiden: laut Lehrbuch sollen die Wachsbisswälle sauber bearbeitet werden. Und zwar wird gefordert, dass a) die Position des Walls schon ungefähr der der späteren Zähne entspricht und b) die "Kau" Oberfläche der Wachswälle tischeben geformt sein müssen. Das erfordert stundenlanges Machen und Tun mit Wachsflamme, rosa Plattenwachs und "Wachswallformer" am Patienten. Nach dieser Fleissarbeit beisst dann der Patient der Theorie zufolge ringsum Wachs auf  Wachs gleichmäßig auf und das in der richtigen Höhe und in der hinteren Position der Kiefergelenkköpfchen. Zahnärzte sind eben alle Überflieger und beherrschen den Kopfstand mit gleichzeitigem Blockflötenspiel im Schlaf. Es hat nur ein Problem: häufig stimmt der so ermittelte Biss nicht. Unbemerkt vom Behandler bleibt beispielsweise links hinten noch 4 mm zuviel Wachs liegen, welches der Patient geschickt mit Zunge und/oder linksseitigem Vorschub ausgleicht. Und schon nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Ich verzichte darauf, hier die Fehlerquellen durchzugehen. Unter den real existierenden Bedingungen einer zahnärztlichen Praxis entpuppt sich die konventionelle Handbissnahme als ein Haufen warmer Luft, als nicht praktikable Idee von Leuten, die Lehrbücher schreiben, und diese Spezies hat mit der Kassenpraxis eher wenig Berührungspunkte. Meinetwegen darf sich jeder Behandler in der mechanisch akkuraten Bearbeitung von Wachswällen austoben, wie es ihm beliebt, aber ich lasse mir nicht erzählen, dass innerhalb von 30 Minuten schöne gleichmäßige aufeinander beissende Wachswälle mit der Trennung genau auf der Camperschen Ebene, der korrekten Bisshöhe und das ganze auch noch nachgeprüft in RKP herstellbar sind.

Tipp: Wenn Sie als Behandler glauben, auf diese strammstehenden Bisswälle  nicht verzichten zu können, dann wenden Sie einfach zuerst die Methode Wagner an und lassen anschließend im Labor Ihre Traumwälle im Artikulator basteln. Das funktioniert wenigstens und der Patient freut sich über die kurzen Stuhlzeiten.

3. Und überhaupt

Jetzt bohre ich 22 Jahre auf eigene Rechnung und habe genügend  Ergebnisse der verschiedenen Arten von Bissregistrierungen bei Teilbezahnten und Zahnlosen Patienten gesehen. Hier sind die wichtigsten Beobachtungen:

3.1. Für Hardcore Knirscher ohne eigene Zähne spielt die Bissregistrierungs Methode ohnehin keine wirkliche Rolle. Nach der 5. Druckstellen Sitzung nach Eingliederung benutzt jeder Behandler zum Einschleifen der Okklusion irgendwann die große Hartmetall Fräse, die mit dem 6 mm Durchmesser im Handstück. Das geschieht, um völlig unplausible Dauerdruckstellen durch das Entfernen von 1000 ym (= 1 mm) Kauhöhe auf einen Sitz in den Griff zu bekommen.

3.2.  Selbst nach sorgfältigster Registrierung vor der Fertigstellung und Druckstellen Entfernung danach bringen es Patienten fertig, ein Jahr später mit einer Kombination aus einer alten und einer neuen Totalprothese zur Kontrolle zur erscheinen. Häufig höre ich dazu den Spruch "die alte Unterkiefer Prothese ist bequemer".  Dass der Biss dann total den Bach hinunter geht …  

3.3. Die besten Bisse auf funktionierenden Totalprothesen sah ich bei meinem Kollegen K. um die Ecke, einem Ex-Dentisten (reine Totalprothesen Anfertiger, die irgendwann in den 50 oder 60-er Jahren zu den Zahnärzten eingemeindet wurden). Nie im Leben hat dieser Mann zu einem Stützstift gegriffen, da bin ich sicher. Aber er hatte seine Handwerker Methode, die überzeugend funktionierte. Er verkaufte seine Praxis schon vor mehr als 10 Jahren (Zahnarzt Generation Gold).

3.4. Für die Kollegen: Eigenartigerweise erscheint die Bissregistrierung bei unseren Koryphäen sehr selten als großes Thema bei Totalprothesen, dafür viel öfter in Zusammenhang mit CMD im bezahnten Gebiss. Ich sage Ihnen warum: Bei Totalprothesen liegt die Fehlerquote so hoch **), dass auch die "Experten" keine Lust mehr auf Hochleistungsregistrate (genauer als 0,5 mm)  haben oder das öffentlich zelebrieren wollen. Bei Bezahnten kann auch ich Bissregistrate im Mikrometer Bereich anfertigen – gar kein Problem. Nur: wozu, diese Patienten sind ja noch im Besitz  eines definierten Bisses.

*) Beispielsweise wirbt Privatdozent Ahlers für seinen kommerziellen TmdCheck mit dem Hinweis, dadurch auf der "juristisch sicheren Seite" zu sein.

**) Und wer das nicht zugibt, ist in meinen Augen unredlich.

One Reply to “Bißnahme Methode Wagner”

  1. zahnarzt flammersfeld
    q&d – das finde ich mal richtig gut beschrieben. ich mache das nur so und hab immer einen namen dafür gesucht 😆 vielen dank für diese nüchterne und extrem praxisnahe betrachtung und beschreibung. have a nice drill in 2012, j.m.

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