Skandal: Bulk Fill nie dicht

Die Doktorarbeit von Dr. Hannah Zesewitz erschien 2015. Ihr Thema:

Randdichtigkeit von Klasse-II Restaurationen mit „Bulk-Fill“ Füllungswerkstoffen unter dem Einfluss einer Thermo-Mechanobelastung

Bild 1

Zunächst der Begriff Bulk Fill. Es handelt sich um Kunststoff Füllungsmaterialien aus der Reihe der Komposites, also Mischungen aus 2/3 feingemahlenem Quarz und 1/3 Resin (Kunststoff). Diese werden normalerweise in kleinen Portionen in das Zahnloch eingebracht und jeweils einzeln lichtgehärtet. Der Sinn kleiner Portionen ist, dass auf diese Weise der Schrumpfstress (zwischen 2 % bis 4% des Volumens) auf die Klebung zwischen Füllung und Zahn verringert wird. Was fest ist, kann nicht mehr schrumpfen. Die Klebung geschieht durch einer Abfolge verschiedener Flüssigkeiten, die vor dem Füllen nacheinander auf die Innenwände der Zahns aufgebracht werden. Das kostet natürlich Zeit. Zahnarztzeit. Drum hat die Industrie Produkte auf den Markt gebracht, die in einem Rutsch in den Zahn gestopft und ebenso auf einmal gehärtet werden.

Die Doktorandin ist der Frage nachgegangen, ob die so erstellten Füllungen genaus so dicht sind wie die in Kleinarbeit hergestellten.

Hier ist nicht der Raum, die Doktorarbeit nachzuerzählen. Nur so viel: Frau Zesewitz hat in 80 einzelnen menschlichen Unterkiefer Backenzähnen genormte Löcher gebohrt und dann die 80 Zähne in 10 Gruppen a 8 Zähne eingeteilt – für die unterschiedlichen Materialien. Nach Vorschrift der Hersteller klebte sie die Füllung entsprechend ein. Dabei wurden die Zähne einzeln in der Hand gehalten. Methodisch handelt es sich also um einen „in vitro“ (= im Reagenzglas) Versuch.

Die Abbildung oben zeigt die 10 Gruppen. Die Nummer 7 (Herculite XRV) stellt eine Ausnahme dar. Diese Zähne sind in kleinen Portionen aufgebaut worden, also kein Bulk Fill. Die Nummer 9 (Charisma PPF) unterscheidet sich von allen anderen Gruppen dadurch, dass das Material nicht mit Blaulicht gehärtet wurde, sondern durch Mischen zweier Pasten.

Nach sorgfältigem Beschleifen und Polieren werden die Füllungsränder anschließend unter 200-facher Vergrößerung nach Defekten ( Bild 2) abgesucht. Es folgt eine Thermocycling (warmes Wasser, kaltes Wasser) 500 mal, wieder unter das Mikroskop und zum Schluss die Kausimulation im Automat und danach die letzten Bilder (Bild 3).

Bild 2
Bild 3

Ausweislich des Bildes 1 erreichen die besten der untersuchten Materialien nur eine Dichtigkeitsquote von 85% (Charisma PPF). Und das, obwohl die Zähne nicht im Mund repariert werden mussten, wo es a) immer feucht ist, b) Nachbarzähne die Sicht nicht gerade verbessern, c) keine perfekten glatt geschliffenen Ränder vorkommen und d) der untere Rand der Füllung Richtung Zahnfleisch nicht poliert werden kann. Im Mund entstehen Randfehler also ganz sicher öfter, der Prozentsatz für dichte Ränder bewegt sich dementsprechend nach unten. Eine Durchführung im Mund heißt methodisch „in vivo“ (im Leben). Diese hätte jedoch den Nachteil, dass man vom Randspalt kein Elektronenmikroskop-Bild herstellen könnte.

Bild 4

Der Hammer: Die Doktorandin zeigt im Bild 4 die Zahl der Füllungen, die nach Kausimulator oder nach Sägen (zur Beurteilung der Klebung in Zahnmitte) schlicht rausgefallen sind. Die Tatsache des Rausfallens zeigt, dass diese Füllungen Null Klebefläche zum Zahn hatten. Im Mund wäre dieser Zustand gleichbedeutend mit einer Körperverletzung. Denn dann wirkt die Plastikfüllung als Saug/Druckpumpe für Speichel, der wiederum in relativ kurzer Zeit eine fette Karies rund um die „Füllung“ verursacht. Ein absolutes NoGo.

Bemerkenswert: In zahnärztlichen Postillen (z.B. „Zahnärztliche Mitteilungen“, bekommt jeder Niedergelassene zwangsweise von der Kammer) ist bis heute keine Warnung vor diesen Materialien erschienen. Unlängst nahm ich an einer Email Diskussion mit Kollegen teil, in der einer seine Begeisterung für Bulk Fills darlegte. Wenn ich mir dann das Bild 4 zur Brust nehme und feststellen muss, dass in Gruppe 1 „Bulk Fill“ und Gruppe 2 „Bulk Fill + Pearl“ die Hälfte der jeweils 8 Füllungen einfach rausfällt, dann frage ich mich, was für Schlafmützen in der Standespresse die Themen bestimmen.

Ich sags mal deutlich: Gruppe 1 + 2 = „Bulk Fill“ und Gruppe 8 „Tetric Evoceram Bulk Fill“ sind völlig inakzeptable Materialien, nicht viel besser Gruppe 3, 4 und 10. Alle haben Füllungsverluste = Null Klebung. Das sind 60% der getesteten Materialien! Und von den verbliebenen 4 Gruppen sind 2 keine eigentlichen Bulk Fills, s.o.

Take home message: Augen auf bei der Materialwahl. Wenn Bulk Fill dann nur Sure Fil SDR oder Charisma PPF. Nachtrag: Ich sehe gerade, dass Kulzer Heraeus das Charisma PPF nicht mehr in Deutschland anbietet. Dafür in Russland und Ukraine. Falls das hilft.

2 Replies to “Skandal: Bulk Fill nie dicht”

  1. Wie häufig wird denn sowas in Deutschland verwendet, bzw lohnt es sich, beim Zahnarzt vorher nachzufragen, welche Materialien verwendet werden? Klingt ja schon beängstigend wie sowas die Zahngesundheit runterwirtschaften kann, besonders wenn man eh als Aussenseiter-Patient ohne organischen Befund bereits viele Zähne gelassen hat.
    Ich möchte aber ungerne jetzt beim Zahnarzt wieder den Klugscheißer spielen, der mittlerweile leidensbedingt ein so hohes Fachwissen hat, dass er sich rein theoretisch selbst füllen und wurzelbehandeln könnte, wenn er die handwerklichen Kenntnisse dazu hätte.

    .. allerdings hat es was, solches Fachwissen zu haben, nicht zuletzt auch von dieser Seite hier. Daher danke, Herr Wagner, immer wieder sehr lehrreich, Ihre Beiträge!

    1. Wenn ich mir das Angebot der Dentalindustrie zu Bulk Fill anschaue, weiß ich, dass da eine ordentliche Nachfrage hintersteckt. Aber Sie werden keine belastbaren Zahlen bekommen. Die Hersteller lassen sich nicht in die Karten schauen.
      VG J. Wagner

Kommentar verfassen