Totalprothese und Knirschen Teil 4

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Lesen Sie dazu auch die Artikel  Totalprothese und Knirschen Teil 3  und  Interessante Unterfütterungsmethode einer Totalprothese  aus der Rubrik Betrifft Patienten

 

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Bild 1 *)

 

Die Tinte war noch nicht trocken auf meinem Artikel Bißnahme Methode Wagner , hier in diesem Blog, in dem ich meine Beobachtung niederschrieb, dass Totalprothesen Träger  ihre verschiedenen Prothesen Generationen gar nicht so selten "fremdkombinieren", also den Unterkiefer aus 1999 mit dem Oberkiefer von 2008 zusammen in den Mund stecken.

 sany0042-1.jpg  Da passiert es auch schon. Frau K. (81) erhielt vor 3 Monaten aus der Hand meiner Assistentin eine frische neue Unterkieferprothese (Bild 3) in ihrer Wunschfarbe A1 (hellste Zahnfarbe ab Fabrik). Nach einer erklecklichen Anzahl an "Druckstellen" Sitzungen sahen wir die Patientin eine Zeitlang nicht in der Praxis. Vorgestern erschien sie mit Prothese Nummer 1 (Bild 5) vermutlich aus 1990 im Mund zusammengesteckt mit der A1 Oberkiefer Prothese aus 2007. Natürlich passt der Biss zwischen diesen beiden Exemplaren gar nicht, weshalb die Patienten den Wunsch an mich heranträgt, ich möge doch die alte Prothese im Bereich unter den rechten Backenzähnen mehr "aushöhlen".
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 Bild 3 Neue Unterkieferprothese 2008

Patienten denken immer mit.  Frau K. (81) ist keine Ausnahme, seit mindestens 20 Jahren erträgt sie ihre Totalprothesen unter den verschärften Bedingungen, bestehend aus Pressen (Bruxismus) auf die Zähne und – dadurch – nahezu  fehlendem Kieferkamm vor allem unten.

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 Bild 4 UK Prothese vom Vorbehandler, ca. 2000

Nichts kann sie mehr erschüttern, weder eine neue – aus ihrer Sicht – mißratene Prothese, noch eine Vielzahl von Druckstellen, noch zu hoher oder einseitiger Biss. Das alles bucht sie unter Lappalien, weil schon hundert mal erlebt. Nur bei der Zahnfarbe, da möchte sie jetzt mal das Sagen haben.

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 Bild 5 Prothese ungefähr von 1990

Und es stellt sich heraus, dass der Hauptgrund für die Erneuerung des Unterkiefers wirklich die Farbe A1 ist. Dazu bekomme ich weitere Informationen geliefert: a) die Patienten hat mit der Kombination  OK neue Prothese 2007 und UK älteste Prothese insgesamt die kleinsten Schwierigkeiten. b) unter der neuesten Prothese finde ich beim genauen Betrachten noch Polierspuren vom Labor, was gegen einen aktiven Einsatz derselben spricht.

Jetzt zum interessanten Teil

Was kombiniert der Praktiker aus dem bisher Gesagten? Das ist einfach. 

  • 1. Die alte Prothese stört rechts gewaltig im Biss, muss also schlicht gekürzt werden
  • 2. ausgestattet mit neuen A1 Frontzähnen ist die alte UK Prothese für die Patientin das Gelbe vom Ei
  • 3. Wenn ich als Behandler die 6 Frontzähne zusammen mit dem Labor auf meine Kosten nehme, läuft die Patientin weiterhin für mich Reklame.

Das Bild 1 stellt  den  Vorgang der Bisskürzung dar. Man nehme einen 6 mm Durchmesser Gipsfräser im Handstück, dazu blaue Okklusionspappe von Bausch (250 ym) und trage einheitlich nach jeder Bissmarkierung  500 ym (= 0,5 mm) auf allen Seitenzähnen rechts unten mit leichter Schräge nach außen ab. Meine Spezialität bei solchen Aktionen ist es, den 7-er (Backenzahn ganz hinten) bis ins Rote herunterzuschleifen, damit der auf keinen Fall den Biss beeinträchtigt. Im konkreten Fall hier benötigte das Kürzen des Bisses ca. 5 Minuten, und die Patienten fühlte auch direkt, "jetzt paßt sie viel besser". 

In 3 Tagen gibt die gute Frau die alte UK Prothese ins Labor ab zum Hübschen der Front auf superhell und ich bin sicher, dass wir von diesen Tag an kein Wort mehr über die verflossene Arbeit von 2008 hören werden. Warum schreibe ich das hier überhaupt hin?

Zahnärztliche Beginner in der Praxis glauben noch an das Lehrbuch und daran, dass Patienten,  wie Frau K. hier, als abnormale Sonderlinge zu betrachten sind, die a) nicht ernst zu nehmen b) zu ignorieren und bestenfalls c) durch straffe Führung in die amtliche Lehrmeinung "nur die passenden Prothesen zusammen in den Mund" hineinzupressen sind. Erst langsam lernt der zahnmedizinische Praktiker im Freiland dann, dass die Theorie und die Praxis auch schon mal grob von einander abweichen können. 

Gedankenexperiment

Im vorliegenden Fall erfahren wir von Frau K., dass sie die letzten Wochen nur noch die alte Prothese im Unterkiefer getragen habe.  Vermutlich entspricht die Aussage der Wahrheit, denn sie enthält keine erkennbare Beschönigung. Aus Sicht von Frau K. weist die alte Prothese 2 schwere Mängel: die Zähne darauf sind viel zu dunkel und sie drückt auf der rechten Seite wegen des etwa 2-3 mm (!) zu hohen Bisses. Die neueste Prothese hat dagegen "nur" den Mangel, sich viel zu leicht zu verschieben, der Biss ist ausgeglichen. Trotzdem entscheidet sie sich für die alte Ausgabe mit dem katastrophalen Biss. Was trägt diese Geschichte zur Frage bei, wie wichtig oder weniger wichtig ist der Biss?

Antwort: Frau K. empfindet einen krass falschen Biss als das kleinere Übel im Vergleich zu einer zu kleinen Prothesenbasis. Anders ausgedrückt, eine stark bewegliche Unterkiefer Prothese wird vom Patienten schwieriger ertragen, als eine einseitig zu hohe, die besser liegen bleibt. Das deckt sich auch mit der Beobachtung an besonders begabten "Zahnprothesen Trägern":  nämlich diejenigen, die in der Lage sind, eine fast mitten durchgebrochene Prothese weiter zu benutzen. Das kleinere Bruchstück landet in der Aufbewahrungsbox und mit dem großen Stück kauen diese Hochbegabten dann fast unbeeinträchtigt weiter.

 Das zeigt, dass der Biss eine durchaus relative Angelegenheit ist. Sowohl was die persönliche Empfindlichkeit des Patienten damit angeht, als auch die handwerklichen Maßnahmen des Behandlers.  Dieser Patientin wäre mit einer lehrbuchgerechten "Remontage" der neuen Prothese und Mikrometer genauer Einschleiforgie mit Lupenbrille und roter Okklusionsfolie wahrscheinlich wenig gedient. Die dicke Gipsfräse mit der blauen dicken Okklusionspappe und grobmotorischer Vorgehensweise ermöglicht zusammen mit regelabweichenden Ideen (warum eigentlich nicht mit der alten Prothese?) eine sachgerechte Problemlösung. Kurzzusammenfassung: tritt das Lehrbuch in die Tonne.

*) Bild 1 wechselt automatisch zwischen 5 verschiedenen Zuständen, die durchnummeriert sind. Zwischen jeder Phase erfolgte der Einsatz der dicken Fräse auf der Kaufläche des Backenzahns der Prothese rechts unten. Der gesamte Höhenverlust an diesem Zahn beträgt ca. 2 Millimeter (= 2000 Mikrometer).

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