Kälteüberempfindlichkeit: Warum Zahnpasten nicht funktionieren

Dieses Phänomen kennt jeder praktisch arbeitender Zahnarzt: Nach mindestens jeder 5. Wurzelbehandlung klagen die Patienten über eine Überempfindlichkeit des behandelten Zahns bei Kälte bzw. Wärme. Für den Zahnmediziner ergibt sich dadurch ein mittleres Erkenntnisproblem. Denn er hat höchstpersönlich den Zahnnerv des Zahns beseitigt. Der kann auf keinen Fall weh tun. Wie also erklärt sich der Behandler die Klage?

Option 1: Der Patient ist ein Simulant. Option 2: Die Zähne des Pat. waren schon immer überempfindlich. Option 3: Reiner Zufall

Tatsächlich treffen alle 3 Optionen nicht zu. Weder bildet sich der Pat. seine Beschwerden ein, noch waren die betreffenden Zähne immer überempfindlich und rein zufällig tritt das Geschehen eben nicht auf.

Neue Situation. Die 17 jährigen Schülerin XY wird in der Sprechstunde vorstellig mit starken Zahnschmerzen bei kalten Getränken oder stark zuckerhaltigen Nahrungsmitteln, typischerweise Schokolade. Der Zahnarztlehrling tippt als erstes auf versteckte Karies und veranlasst Röntgenbilder. Sein in der Praxis gereifter Kollege ermittelt als erstes die vermutliche Zentralstelle der Überempfindlich – oft genug im Bereich oberer 6-er – und stellt die Empfindlichkeit aller Zähne im betroffenen Quadrant (1/4 aller Zähne im Mund) fest. Dabei ergibt sich überzufällig häufig das Muster, das mehr als 2 benachbarte Zähne das gleiche, viel zu empfindliche, Verhalten zeigen.

Wenn die Patientin das Pech hat, beim ungeübten Kollegen zu landen, findet der 90% sicher eine „Karies“ im Röntgenbild – und bohrt. Und diese Bohrung geht 100% sicher nach hinten los. 1000% sicher, wenn das gebohrte Loch mit Kunststoff (=Komposite) auf das nackte Dentin gefüllt wird. Am nächsten Tag läuft die Betroffene mit starken Dauerschmerzen wieder beim Behandler auf.

Wie passt das zusammen?

Was kann man aus der Existenz mehrerer überempfindlicher Zähne nebeneinander schließen? Mehr als 2 mal Karies nebeneinander? NEIN. Erstens verursacht eine flache Karies never ever (believe me, ich [Joachim Wagner, Zahnarzt] bin quasi ewig im Geschäft, ich habe Plan) irgendwelche Überempfindlichkeiten. Und zweitens ist die Wahrscheinlichkeit, dass 2 oder 3 Kariesstellen zur selben Zeit (Tag, Stunde) eine parallele Pulpitis auslösen so gut wie gleich Null.

Merksatz: Mehr als 2 Zähne nebeneinander mit erhöhter Kälteempfindlichkeit schließen a) Pulpitiden und b) Karies als Grund aus. Was also verursacht dann die erhöhte Kälteempfindlichkeit? Antwort: Es sind nicht die Zähne.

Zurück zum wurzelbehandelten Patienten. Noch einmal: Die Überempfindlichkeit im Bereich des wurzelbehandelten Zahns bildet sich der Pat. sicher nicht ein. Dafür habe ich zu viele Fälle gesehen. Natürlich habe ich mit Kälte den wurzelbehandelten Zahn nachkontrolliert. Das für den Pat. überraschende Ergebnis war, dass der tote Beißer nicht auf Kälte reagiert. Dafür aber seine Nachbarn, nach hinten und nach vorne. Das wird im Seitenvergleich links – rechts deutlich.

Beider hier geschilderte Fälle hängen eng zusammen. Im Falle der Wurzelbehandlung kann klar gezeigt werden, dass die Kältempfindlichkeit nichts mit dem WB-Zahn zu tun. Und bei der jugendlichen Überempfindlichen ist ebenfalls sicher, dass die symptomatischen Zähne unschuldig sind. Sie unterscheiden sich in Nichts von der Zähnen der Gegenseite rechts/links. Wenn man die jetzt ziehen würde und unter das Mikroskop legen könnte, würde der Pathologe ganz schnell sagen: Die sehen alle perfekt aus, ganz besonders die Pulpa (das Zahnmark).

Der Zusammenhang zwischen beiden Situation ist nervlicher Natur. Alle Zähne haben einen direkten und sehr intensiven Kontakt zum Nervus trigeminus. Und wenn der beschließt, dass die Impulsübertragung vom Zahn ins Hirn höher verstärkt werden muss – was besonders gerne bei der Wurzelbehandlung passiert – dann wird eine ganze Kiefergegend überempfindlich. Und nach 6 Wochen reguliert sich das normalerweise von alleine. Die Patientinnen mit der reinen Überempfindlichkeit berichten deshalb fast alle über bereits früher erlebte Episoden von Überempfindlichkeit und spontanem Rückgang.

Aus dem Geschilderten wird klar, dass das Pinseln von irgendwelcher Chemie oder der Gebrauch angeblich sinnvoller Zahnpasten a) nie durchschlagenden Erfolg haben kann und b) hauptsächlich dann wirkt, wenn der spontane Rückgang der Empfindlichkeit gerade im Gang ist.

4 Replies to “Kälteüberempfindlichkeit: Warum Zahnpasten nicht funktionieren”

  1. Hallo Herr Wagner,

    nach dem Einsetzen von Cerec Inlays im Unterkiefer (37&36) habe ich zunehmende Schmerzen gehabt. Dies gipfelte dann in einer Wurzelbehandlung des 37. Daraufhin wurden die Beschwerden immer schlimmer. Der Zahn wurde also noch einmal geöffnet, gespült und Ledermix eingelegt.

    Jetzt steigerten sich die brennenden Schmerzen, teilweise habe ich das Bewusstsein verloren. Nach etwa zwei Wochen waren die Beschwerden besser, auch Akupunktur hat geholfen.

    Bei einem neuen Zahnarzt sollte die Behandlung nun zu Ende geführt werden. Der Zahnarzt (Endodontologe) hat sehr vorsichtig gearbeitet und mir mitgeteilt, dass ich sehr kleine Zähne hätte und er von einer Überinstrumentierung und den daraus resultierenden Beschwerden ausgeht.

    Auch er hat noch gespült und wieder Ledermix eingelegt. Es war zwei Tage auch total ok, allerdings ist es seit gestern wieder so schlimm wie zu Beginn.

    Jetzt stelle ich mir die Frage, ob es sich um eine Neuropathie handeln könnte. Ich mache natürlich große Sorgen, auch um die Weiterbehandlung des wurzelbehandelten Zahns. Der Zahnarzt sagte, dass man bei anhaltenden Schmerzen über eine Extraktion nachdenken müsste. Ich bin natürlich versucht, das zu machen, auch weil es mir vor weiteren endodontischen Behandlungen graust.

    Meine Hausärztin konnte mir nicht weiterhelfen und schloss eine neurologische Erkrankung aus. Einen Termin beim Neurologen habe ich Ende des Monats.

    Über Ihre Einschätzung würde ich mich sehr freuen.

    Herzliche Grüße
    W. Altner

  2. Hallo,

    Ich sehe klare Anzeichen einer neuropathischen Entwicklung. Zitat „Jetzt steigerten sich die brennenden Schmerzen, teilweise habe ich das Bewusstsein verloren“
    Das ist nicht normal. Sowohl Bewußtsein als auch Brennen. 97% aller Patienten werden das nie erleben.
    Schauen Sie auf meinen neuesten Artikel über MTA.
    Ich empfehle einen einzigen Versuch mit diesem Material.
    Wenn kein Erfolg innerhalb von Stunden eintritt, muss der Zahn weg.

    VG J. Wagner

  3. Hallo Herr Dr. Wagner,

    ich habe seit Monaten mit einer enormen Kälteempfindlichkeit an 26 zu kämpfen. An diesem Zahn wurde 2017 eine indirekte Überkappung gemacht. Schon kurze Zeit später konnte ich kein Eis mehr essen. Da ich aber ohnehin ungern kalt trinke bzw. esse, wurde das damals noch nicht zu einem Problem.

    Leider wurde damals direkt auf Dentin geklebt ohne jedes Überkappungsmaterial. Füllungsmaterial ist leider Komposit.

    Nun hat meine neue Zahnärztin vorgeschlagen die Füllung auszutauschen und eine MTA-Einlage zu machen. Symptome des Zahnes sind nur eine enorme Kälteempfindlichkeit (schon bei Berührung mit Zahnpasta). Aber eben am gesamten Zahn, nicht etwa nur an freiliegenden Zahnhälsen (die als Test vor ein paar Wochen versiegelt wurden).

    Ich bin sehr verunsichert, ob man den Zahnnerven so noch einmal beruhigen kann oder ob nicht lieber direkt eine Wurzelkanalbehandlung gemacht werden sollte.

    Wie sind hier Ihre praktischen Erfahrungen?

    Vielen Dank!

    1. MTA ist ein ziemlich guter Vorschlag. Für Sie sehe ich 2 Möglichkeiten:
      1) Sie warten die Überempfindlichkeit im Laufe von 6 Monaten ab. Entweder verschwindet sie von alleine, oder nicht.
      2) Sie optieren auf MTA plus einem zahnneutralen Material, das entweder aus GIZ (chemisch härtend) oder Amalgam besteht. Kunststoff ist nicht zulässig.

      Das hängt ausschließlich von Ihrem konreten Schmerzlevel ab, den ich nicht beurteilen kann und will.

      VG J. Wagner

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