Hindenburgs Unredlichkeit bringt Hitler an die Macht

Bewertung:  / 2
SchwachSuper 

Mein Buch des Monats heißt : "Heinrich Brüning   Memoiren 1918 - 1934" und beginnt im Vorwort: Zitat "Die nachfolgenden Darstellungen der wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte in den Jahren 1918 bis 1934 sind zu verschiedenen Zeiten geschrieben. Als ich am 30. Juni 1934, vier Wochen nach meiner Flucht aus Deutschland, am Rundfunk vom dem Massenmord von politischen Freunden und Gegnern in Deutschland hörte, war mir klar, dass Hitler nicht nur jeden möglichen Widerstand, sondern alle Zeugen seiner dunklen Vergangenheit beseitigen wollte ..." Zitat Ende

Ausgabe 1970, Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart, antiquarisch erworben. 

Eine Schlüsselszene des überaus lesenswerten Buches findet sich auf Seite 550. Am 23. April 1932 (also 5 Wochen vor seinem Rausschmiß und nur 13 Tage nach Hindenburgs Wiederwahl zum Reichspräsidenten, die Brüning mit allen Mitteln auch des Staates unterstützt hatte) fährt Reichskanzler Heinrich Brüning mit seinem Reichswehrminister  Wilhelm Groener übers Land zu einem längeren Gedankenaustausch. 

Zitat

"Groener erklärte, dass er angenommen habe, nach den Ereignissen im November 1918 und Sommer  1919, dass der Reichspräsident das Wort halten würde, das er ihm auch in bezug auf meine Unterstützung gegeben habe. Er habe zwar, namentlich im Sommer 1919, schon starke Zweifel an dem Charakter des Reichspräsidenten bekommen. Die damalige Reichsregierung sei in ihrer überwiegenden Mehrheit entschlossen gewesen, den Versailler Vertrag abzulehnen. Ebert [SPD] habe seine eigene Bereitwilligkeit, im äußersten Falle den Versailler Vertrag zu unterschreiben, davon abhängig gemacht, ob die Oberste Heeresleitung noch irgendeine Möglichkeit des bewaffneten Widerstandes sähe. Im Falle einer bejahenden Antwort hätte er gegen die Annahme des Vertrags entschieden. Ebert habe Groener mitteilen lassen, dass er Hindenburg am Nachmittag vor dem Beschluß des Reichskabinetts anrufen und ihn um eine klare Meinungsäußerung über die Möglichkeit weiteren militärischen Widerstandes befragen würde. Hindenburg sei zu Groener ins Büro gekommen, etwa eine halbe Stunde vor dem angekündigten Anruf Eberts. Groener habe ihm die Frage Eberts dann vorgelegt. Hindenburg habe erklärt, er, Groener wisse doch genauso wie er selbst, dass ein weiterer Widerstand nicht in Frage käme. Groener habe ihn auf die Bedeutung dieser Entscheidung hingewiesen. Hindenburg sei aber fest geblieben. Als es ungefähr noch eine Viertelstunde bis zum Anruf Eberts gewesen sei, habe Hindenburg plötzlich die Uhr gezogen und gesagt: "Sie können ja ebensogut, auch in meiner Abwesenheit, Herrn Ebert die Antwort geben. Es ist wohl nicht notwendig, dass ich dabei bin." Diese Antwort habe Groener Ebert erteilt, und dann habe Hindenburg 14 Jahre lang auf Groener in der Öffentlichkeit den Vorwurf sitzenlassen, als ob dieser allein die Entscheidung zur Unterzeichnung des Versailler Vertrages veranlaßt hätte "

Ende Zitat

Dazu ein Satz aus der Wikipedia "Paul von Hindenburg ": Mit Abschluss des Versailler Vertrages im Juli 1919 erteilte Reichspräsident Ebert Hindenburg auf dessen Wunsch den Abschied. Vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung verbreitete er die Dolchstoßlegende, wonach das deutsche Heer „im Felde unbesiegt“ geblieben und von den Novemberrevolutionären durch einen Waffenstillstand „von hinten erdolcht“ worden sei."

Erläuterung der zitierten Stelle

 Was Wilhelm Groener, der 2. Mann der obersten Heeresleitung nach Ludendorffs Entlassung am 26. Okt. 1918, hier in einer 1. Quelle Aufzeichnung aussagt, ist nichts weniger, als dass der "Weltkriegsheld" und die Nummer 1 der obersten Heeresleitung 1916-1918 und spätere Reichspräsident Hindenburg sich bewußt um die eigene Bestätigung der Wahrheit gegenüber dem amtierenden SPD Reichspräsidenten gedrückt hat, um anschließend das exakte Gegenteil in die Öffentlichkeit zu posaunen. Die gespaltene Zunge des "Helden von Tannenberg" diente vor allem dem Zweck, die eigene Schuld  Hindenburgs - der die letzten beiden Kriegsjahre immerhin die Hälfte der Militärdiktatur Ludendorff-Hindenburg stellte - am militärischen Zusammenbruch 1918 zu leugnen und gleichzeitig dem verhaßten SPD Präsidenten die Schuld für den drakonischen Versailler Vertrag aufzuhalsen. 

Paul von Hindenburg = der alte Herr kommt in den Memoiren zunehmend schlechter weg. Anfangs des Buches sieht es noch so aus, als dass der betagte Reichspräsident Hindenburg, der 1930 Brüning selbst zu seinem Kanzler macht, zwar recht holprig, aber doch halbwegs verläßlich zu seinem Reichskanzler steht. Aber je länger die Kanzlerschaft des Katholiken und Zentrumspartei Politikers dauert, desto stärker werden die Gegensätze zwischen dem alten Adligen, der die Demokratie und besonders die Sozialdemokraten haßt und dem großen Vermittler Brüning, der intensive Kontakte zu allen Parteien im Reichstag pflegt. Nicht verbessert wird die Situation durch den Einfluß der Kamerilia um Hindenburg, z.B. dem nicht in der Verfassung vorgesehen Reichspräsidentensohn Oskar von Hindenburg,  die den alten Mann ständig in Richtung auf eine staatliche Subventionierung der ostelbischen Großgrundbesitzer, Kampf gegen die Sozialdemokratie, Bevorzugung konservativ/reaktionärer Politiker, also Stichwort "Rechtsruck bis zur Diktatur" bearbeiten.

Anläßlich der ablaufenden Amtsperiode Hindenburgs im Frühjahr 1932 stellt sich für Brüning die wichtigste Frage seiner Laufbahn: nochmal Hindenburg oder nicht. Brüning entscheidet sich trotz ungünstigen Bauchgefühls für den alten Generalfeldmarschall, organisiert die Finanzierung  und führt selbst den Wahlkampf.

Letztes Zitat

"Die Versammlung in Stettin vor etwa 15000 - 18000 Menschen fand in einer Markthalle statt, die eisig kalt war, so bitter kalt, dass Schlange und ich während der Rede die Mäntel anbehalten mußten. Dabei trieb der Wind ab und zu den Schnee durch die offenen Luken in die Halle hinein. Keine Rede in der ganzen Zeit ist mir so schwer gefallen wie diese. Die Leute, die zum Teil ohne Mäntel in entsetzlicher Armut und Not dort saßen, mußte ich für die Stimmabgabe für den Reichspräsidenten gewinnen und ihnen beibringen, dass er sie vor einem Verfassungsbruch behüten würde, während ich wußte, dass der Reichspräsident sich gleich nach seiner Wahl gegen sie wenden würde."

Ende Zitat

Hindenburg wird am 10. April 1932 hauptsächlich durch die Stimmen von SPD und Zentrumsanhänger wiedergewählt, die NSDAP, viele Rechtsparteien und Teile der radikalen Linken (KPD) stimmen für Hitler. Nur 7 Wochen später entläßt Hindenburg den Gutmenschen Heinrich Brüning in einer unwürdigen Form und installiert statt ihm ein stramm rechtsgerichtetes Marionettenkabinett unter Franz von Papen. Die Weimarer Republik geht nicht erst mit dem Ermächtigungsgesetz für Hitler Anfang 1933 zugrunde, sondern hat bereits wenige Tage nach der Wiederwahl Hindenburgs ausgespielt. Nur wissen es zu diesem Zeitpunkt  ganz wenige, Brüning gehört zu ihnen.

Heinrich Brüning muss 1934 nach Holland fliehen und emigriert später in die USA.

Kommentar

Das Buch weckt seine Leser auf. Politik- Dilettanten und Hasardeure (Hindenburg, Hitler) raffen mit unsauberen Mitteln Einfluss, Geld und Macht zusammen, bedienen sich williger Helfer (Hugenberg, General Schleicher, Oskar von Hindenburg), belügen die Öffentlichkeit über ihre Absichten und schaffen es immer, der SPD die Härten der Zeiten (Arbeitslosigkeit, Bankenkrise, Reparationszahlungen) anzulasten. Diejenigen, die die Weimarer Republik dann wirklich am Laufen halten, wie Ebert, Groener, Müller (SPD), Brüning oder der preußische Ministerpräsident Braun etc. fällt der greise aber mit immenser Machtfülle ausgestattete Reichspräsident Hindenburg in den Rücken und verrät die Republik faktisch an die braunen Gewaltherrscher.

Brünings Erinnerungen sollten gelesen werden, meine ich. Der Mann aus der allerersten Reihe der Weimarer Republik berichtet nicht nur aus direkter Sicht, sondern macht auch verständlich, was die Nachgeborenen nicht verstehen: wie es denn kam, dass die Nazis trotz einer nie vorhandenen Mehrheit in der Bevölkerung es schafften, zwischen Mai 1932 und Januar 1933 die Polizei und die Wehrmacht und damit die Macht im Staat an sich zu reißen.

Die neuesten Forumbeiträge

  • Daniela's Avatar
    Hallo Du Arme die Zeit in der Du leidest ist ja jetzt noch nicht sooooooooo lange...und Du nimmst jetzt schon Gaba? Wer hat Dir das denn verschrieben? Ich will jetzt auf keinen Fall Deine Schmerzen oder den Zeitraum klein reden also nicht...
  • Gregor's Avatar
    Hallo Jens, nochmal zur Übersicht. Der gezogenen Frontzahn wurde als Folge des Sturzes gezogen; großer oder kleiner Frontzahn? Der 11 wurde als Folge des Sturzes wurzelbehandelt?! Und die Probleme sind trotzdem noch vorhanden? Der...
  • kathrin14672's Avatar
    Hallo Julia, habe Deine Geschichte quergelesen, vieles kommt mir sehr bekannt vor. Vor allem, dass Du beim Kauen direkt keine Schmerzen hast, so ist das bei mir auch. Ich war und bin kurz davor, was an den Kiefergelenken machen zu lassen......
  • jens_78's Avatar
    Hi Gregor, also der Nachbarzahn reagierte nicht sensibel auf Kälte. Was würdest jetzt du an meiner Stelle machen? Den Nachbarzahn einer Wurzelbehandlung unterziehen und dann eine Brücke machen lassen? Weil ich habe keine Lust ständig die...
  • Nie's Avatar
    Hallo, ich bin langsam am Verzweifeln. Bei mir wurde am 1,6er oben rechts eine Wurzelbehandlung durchgeführt. Die ersten Termine liefen gut, und beim Vorletzten hat meine Zahnärztin leider über den einen Kanal hinaus überinstrumentiert und...
  • ajap10's Avatar
    18 Mai 2015 13:55
    Ich weiß mir nich mehr zu helfen und hoffe irgendjemand kann Mir weiter helfen! Seit 2012 hab ich rechts oben Zahnschmerzen, nur am Tag ! Zahnarzt hat alle Füllungen getauscht und nix gefunden, außer Am 4 er einen mini Eiterherd! Da wir...
Powered by nZambi!

Neueste Kommentare

  • Warnung vor Jameda

    Frau I.14.03.2015 11:21
    Jameda
    Genau meine Erfahrung! Ich bin 1000 km zum eine Scheinarzt gefahren aufgrund der gefälschte ...
     
  • Grundsatzartikel: Was bedeutet "Neuropathie" des Trigeminus

    Roma06.02.2015 17:02
    Dauerschmerz
    Falls kostenlos bitte ich um einen Rat. Ich leide seit 2 Jahren an enem Dauerzahnschmer zen am ...
     
  • Warnung vor Jameda

    Wolfgang Steffens26.11.2014 20:35
    Jameda ist (fast) wertlos
    Bei einer Durchschnittsbe wertung von rund 1,2 wird wohl jedem Patienten klar sein, daß jameda eher ein ...
     
  • Warnung vor Jameda

    Wolfgang Steffens26.11.2014 20:34
    Jameda ist (fast) wertlos
    Bei einer Durchschnittsbe wertung von rund 1,2 wird wohl jedem Patienten klar sein, daß jameda eher ein ...
     
  • Vollnarkose für Milchzähne ?

    Sylvia22.10.2014 14:16
    Bitte helft uns
    --------------- --------------- --------------- ------------- Ich habe am 30.10. Vollnarkose Termin bei ...

GTranslate

Besucher

Besuche heute134
Besuche gestern883
Besuche Monat20876
Besuche Jahr144079
Seiten heute21257
Seiten Monat195039
Bots heute105