Hindenburgs Unredlichkeit bringt Hitler an die Macht
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- Kategorie: Nicht zahnärztlich
- Erstellt am Sonntag, 08. November 2009 14:35
- Geschrieben von Joachim Wagner
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Mein Buch des Monats heißt : "Heinrich Brüning Memoiren 1918 - 1934" und beginnt im Vorwort: Zitat "Die nachfolgenden Darstellungen der wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte in den Jahren 1918 bis 1934 sind zu verschiedenen Zeiten geschrieben. Als ich am 30. Juni 1934, vier Wochen nach meiner Flucht aus Deutschland, am Rundfunk vom dem Massenmord von politischen Freunden und Gegnern in Deutschland hörte, war mir klar, dass Hitler nicht nur jeden möglichen Widerstand, sondern alle Zeugen seiner dunklen Vergangenheit beseitigen wollte ..." Zitat Ende
Ausgabe 1970, Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart, antiquarisch erworben.
Eine Schlüsselszene des überaus lesenswerten Buches findet sich auf Seite 550. Am 23. April 1932 (also 5 Wochen vor seinem Rausschmiß und nur 13 Tage nach Hindenburgs Wiederwahl zum Reichspräsidenten, die Brüning mit allen Mitteln auch des Staates unterstützt hatte) fährt Reichskanzler Heinrich Brüning mit seinem Reichswehrminister Wilhelm Groener übers Land zu einem längeren Gedankenaustausch.
Zitat
"Groener erklärte, dass er angenommen habe, nach den Ereignissen im November 1918 und Sommer 1919, dass der Reichspräsident das Wort halten würde, das er ihm auch in bezug auf meine Unterstützung gegeben habe. Er habe zwar, namentlich im Sommer 1919, schon starke Zweifel an dem Charakter des Reichspräsidenten bekommen. Die damalige Reichsregierung sei in ihrer überwiegenden Mehrheit entschlossen gewesen, den Versailler Vertrag abzulehnen. Ebert [SPD] habe seine eigene Bereitwilligkeit, im äußersten Falle den Versailler Vertrag zu unterschreiben, davon abhängig gemacht, ob die Oberste Heeresleitung noch irgendeine Möglichkeit des bewaffneten Widerstandes sähe. Im Falle einer bejahenden Antwort hätte er gegen die Annahme des Vertrags entschieden. Ebert habe Groener mitteilen lassen, dass er Hindenburg am Nachmittag vor dem Beschluß des Reichskabinetts anrufen und ihn um eine klare Meinungsäußerung über die Möglichkeit weiteren militärischen Widerstandes befragen würde. Hindenburg sei zu Groener ins Büro gekommen, etwa eine halbe Stunde vor dem angekündigten Anruf Eberts. Groener habe ihm die Frage Eberts dann vorgelegt. Hindenburg habe erklärt, er, Groener wisse doch genauso wie er selbst, dass ein weiterer Widerstand nicht in Frage käme. Groener habe ihn auf die Bedeutung dieser Entscheidung hingewiesen. Hindenburg sei aber fest geblieben. Als es ungefähr noch eine Viertelstunde bis zum Anruf Eberts gewesen sei, habe Hindenburg plötzlich die Uhr gezogen und gesagt: "Sie können ja ebensogut, auch in meiner Abwesenheit, Herrn Ebert die Antwort geben. Es ist wohl nicht notwendig, dass ich dabei bin." Diese Antwort habe Groener Ebert erteilt, und dann habe Hindenburg 14 Jahre lang auf Groener in der Öffentlichkeit den Vorwurf sitzenlassen, als ob dieser allein die Entscheidung zur Unterzeichnung des Versailler Vertrages veranlaßt hätte "
Ende Zitat
Dazu ein Satz aus der Wikipedia "Paul von Hindenburg ": Mit Abschluss des Versailler Vertrages im Juli 1919 erteilte Reichspräsident Ebert Hindenburg auf dessen Wunsch den Abschied. Vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung verbreitete er die Dolchstoßlegende, wonach das deutsche Heer „im Felde unbesiegt“ geblieben und von den Novemberrevolutionären durch einen Waffenstillstand „von hinten erdolcht“ worden sei."
Erläuterung der zitierten Stelle
Was Wilhelm Groener, der 2. Mann der obersten Heeresleitung nach Ludendorffs Entlassung am 26. Okt. 1918, hier in einer 1. Quelle Aufzeichnung aussagt, ist nichts weniger, als dass der "Weltkriegsheld" und die Nummer 1 der obersten Heeresleitung 1916-1918 und spätere Reichspräsident Hindenburg sich bewußt um die eigene Bestätigung der Wahrheit gegenüber dem amtierenden SPD Reichspräsidenten gedrückt hat, um anschließend das exakte Gegenteil in die Öffentlichkeit zu posaunen. Die gespaltene Zunge des "Helden von Tannenberg" diente vor allem dem Zweck, die eigene Schuld Hindenburgs - der die letzten beiden Kriegsjahre immerhin die Hälfte der Militärdiktatur Ludendorff-Hindenburg stellte - am militärischen Zusammenbruch 1918 zu leugnen und gleichzeitig dem verhaßten SPD Präsidenten die Schuld für den drakonischen Versailler Vertrag aufzuhalsen.
Paul von Hindenburg = der alte Herr kommt in den Memoiren zunehmend schlechter weg. Anfangs des Buches sieht es noch so aus, als dass der betagte Reichspräsident Hindenburg, der 1930 Brüning selbst zu seinem Kanzler macht, zwar recht holprig, aber doch halbwegs verläßlich zu seinem Reichskanzler steht. Aber je länger die Kanzlerschaft des Katholiken und Zentrumspartei Politikers dauert, desto stärker werden die Gegensätze zwischen dem alten Adligen, der die Demokratie und besonders die Sozialdemokraten haßt und dem großen Vermittler Brüning, der intensive Kontakte zu allen Parteien im Reichstag pflegt. Nicht verbessert wird die Situation durch den Einfluß der Kamerilia um Hindenburg, z.B. dem nicht in der Verfassung vorgesehen Reichspräsidentensohn Oskar von Hindenburg, die den alten Mann ständig in Richtung auf eine staatliche Subventionierung der ostelbischen Großgrundbesitzer, Kampf gegen die Sozialdemokratie, Bevorzugung konservativ/reaktionärer Politiker, also Stichwort "Rechtsruck bis zur Diktatur" bearbeiten.
Anläßlich der ablaufenden Amtsperiode Hindenburgs im Frühjahr 1932 stellt sich für Brüning die wichtigste Frage seiner Laufbahn: nochmal Hindenburg oder nicht. Brüning entscheidet sich trotz ungünstigen Bauchgefühls für den alten Generalfeldmarschall, organisiert die Finanzierung und führt selbst den Wahlkampf.
Letztes Zitat
"Die Versammlung in Stettin vor etwa 15000 - 18000 Menschen fand in einer Markthalle statt, die eisig kalt war, so bitter kalt, dass Schlange und ich während der Rede die Mäntel anbehalten mußten. Dabei trieb der Wind ab und zu den Schnee durch die offenen Luken in die Halle hinein. Keine Rede in der ganzen Zeit ist mir so schwer gefallen wie diese. Die Leute, die zum Teil ohne Mäntel in entsetzlicher Armut und Not dort saßen, mußte ich für die Stimmabgabe für den Reichspräsidenten gewinnen und ihnen beibringen, dass er sie vor einem Verfassungsbruch behüten würde, während ich wußte, dass der Reichspräsident sich gleich nach seiner Wahl gegen sie wenden würde."
Ende Zitat
Hindenburg wird am 10. April 1932 hauptsächlich durch die Stimmen von SPD und Zentrumsanhänger wiedergewählt, die NSDAP, viele Rechtsparteien und Teile der radikalen Linken (KPD) stimmen für Hitler. Nur 7 Wochen später entläßt Hindenburg den Gutmenschen Heinrich Brüning in einer unwürdigen Form und installiert statt ihm ein stramm rechtsgerichtetes Marionettenkabinett unter Franz von Papen. Die Weimarer Republik geht nicht erst mit dem Ermächtigungsgesetz für Hitler Anfang 1933 zugrunde, sondern hat bereits wenige Tage nach der Wiederwahl Hindenburgs ausgespielt. Nur wissen es zu diesem Zeitpunkt ganz wenige, Brüning gehört zu ihnen.
Heinrich Brüning muss 1934 nach Holland fliehen und emigriert später in die USA.
Kommentar
Das Buch weckt seine Leser auf. Politik- Dilettanten und Hasardeure (Hindenburg, Hitler) raffen mit unsauberen Mitteln Einfluss, Geld und Macht zusammen, bedienen sich williger Helfer (Hugenberg, General Schleicher, Oskar von Hindenburg), belügen die Öffentlichkeit über ihre Absichten und schaffen es immer, der SPD die Härten der Zeiten (Arbeitslosigkeit, Bankenkrise, Reparationszahlungen) anzulasten. Diejenigen, die die Weimarer Republik dann wirklich am Laufen halten, wie Ebert, Groener, Müller (SPD), Brüning oder der preußische Ministerpräsident Braun etc. fällt der greise aber mit immenser Machtfülle ausgestattete Reichspräsident Hindenburg in den Rücken und verrät die Republik faktisch an die braunen Gewaltherrscher.
Brünings Erinnerungen sollten gelesen werden, meine ich. Der Mann aus der allerersten Reihe der Weimarer Republik berichtet nicht nur aus direkter Sicht, sondern macht auch verständlich, was die Nachgeborenen nicht verstehen: wie es denn kam, dass die Nazis trotz einer nie vorhandenen Mehrheit in der Bevölkerung es schafften, zwischen Mai 1932 und Januar 1933 die Polizei und die Wehrmacht und damit die Macht im Staat an sich zu reißen.
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