Reaktion von Mann und Frau auf Schmerz

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Warum Frauen das Hauptklientel der CMD (TMD) und chronischen Gesichtsschmerzen überhaupt stellen, ist bis heute nicht zufriedenstellend geklärt. Immerhin gibt es viele tierexperimentelle Studien dazu, die einige der Ursachen aufhellen helfen. In der folgenden Studie zeigen aufschlussreiche Tests an weiblichen und männlichen Ratten, dass weibliche Ratten empfindlicher auf Schmerzreize reagieren als ihre Artgenossen und außerdem auch weniger Wirkung von Schmerzmitteln verspüren.

 

J Pharmacol Exp Ther. 2005 Apr;313(1):449-59. Epub 2004 Dec 17.Click here to read Links

Nociceptive sensitivity and opioid antinociception and antihyperalgesia in Freund’s adjuvant-induced arthritic male and female rats.

Department of Pharmacology and Toxicology and Institute for Drug and Alcohol Studies, Virginia Commonwealth University, Richmond, VA 23298-0613, USA. ccook@hsc.vcu.edu

 

 Schmerzempfindlichkeit und Schmerzstillung/Antiüberempfindlichkeit mit Opioiden bei durch Freund’s Adjuvant induzierter Arthritis in männlichen und weiblichen Ratten.

Im Prinzip funktioniert der Versuch so, dass 79 weiblichen und ebensovielen männlichen Ratten entweder 0,1 ml Complete Freund’s Adjuvant (CFA)  oder 0,1 ml Vehicel (VEH) in den Ansatz des Schwanzes gespritzt wird. CFA besteht aus Hitze getöteten Mycobakterien in sterilem Wasser und verursacht in den folgenden Wochen in Nagetieren einer der menschlichen Arthritis sehr ähnlichen Dauererkrankung der Gelenke mit Anschwellen der Membrane um die Gelenke und Schäden im Knochen und Knorpel. Injiziert man CFA am Schwanzansatz der Nager, entwickeln diese Entzündungen der Gelenke in beiden Hinterläufen mit Gelenksschädigung und einer Schmerz Überempfindlichkeit. Die Vehicel (VEH) Flüssigkeit besteht aus Mineralöl, das bekanntermaßen keine derartigen Wirkungen auslöst.

 

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 Bild 1

"Paw Pressure" ist die Kraft in Gramm, die ein Messgerät auf einem Hinterlauf der Ratte langsam steigend ausübt, bis die Ratte ihr Hinterbein wegzieht. So erträgt am Tag 26 die weibliche Ratte mit CFA nur ca 60 Gramm Last, während die männliche Ratte noch ca. 110 Gramm aushält.

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 Bild 2

Hier wird die Empfindlichkeit von weiblichen Tieren während des weiblichen Zyklus gezeigt. D, diestrus (Gelbkörperphase, kommt nach M); E, estrus (Eisprung); M, metestrus (2 Tage nach dem Eisprung); und P, proestrus ( 2 Tage vor dem Eisprung). Weibliche Ratten werden während ihrer Brunftzeit, also 2 Tage vor dem Eisprung und während des Eisprungs fast doppelt so schmerzempfindlich wie in den restlichen Tagen des Zyklus.

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 Bild 3

Gibt man den männlichen (male) und weiblichen (female) Versuchsratten  Butorphanol, welches ein niedrig potentes Opioid darstellt, passiert im Dosierungsbereich von 0,1 bis 10 mg/kg Körpergewicht (immerhin 2 Logstufen) bei den weiblichen Tieren mehr oder weniger nichts an Schmerzminderung, wogegen bei den männlichen schon ab 1 mg/kg eine 70 %ige Schmerzstillung erreicht wird.

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 Bild 4

Der gleiche Versuch mit Oxycodone, einem hochwirksamen Opioid, beleuchtet die enormen Unterschiede der Geschlechter bei der künstlich durch CFA ausgelösten Arthritis: männliche Tiere erfahren ab 1 mg/kg Oxycodone eine gute Schmerzminderung, weibliche Tiere benötigen dafür etwa die doppelte Dosis.

 

Schlussfolgerung 1

 Bevor sich Gelehrte der Zahnmedizin Gedanken über chronische Schmerzen ihrer Patienten und den Gründen dafür machen, ist es sinnvoll, diese und ähnliche Schmerzstudien am Tier zur Kenntnis zu nehmen. Es gibt Gründe anzunehmen, dass Menschen ähnliche Reaktionen unter den hier gezeigten Bedingungen hervorbringen würden, insbesondere auch die erhöhte Schmerzempfindlichkeit von Frauen innerhalb  des weiblichen Zyklus. Und die Erkenntnis hier lautet: 

  1. die durch CFA hervorgerufene Arthritis im Hinterlauf der Ratten ist bei weiblichen Tieren schneller feststellbar (steht so in der Originalarbeit)
  2. die dadurch ausgelöste Überempfindlichkeit der Pfoten ist bei weiblichen Tieren fast doppelt so stark
  3. die Schmerzstillung durch Opiate erfordert bei den weiblichen Tieren  erhöhte Dosierungen
  4. der weibliche Zyklus verschärft die Schmerzempfindungen an bestimmten Tagen

 

Schlussfolgerung 2

Die Autoren dieser tierexperimentellen Studie werfen im einführenden Text die Frage auf, warum denn die meisten tierexperimentellen Schmerzstudien speziell bei der Autoimmun Erkrankung "Rheumatoide Arthritis" an männlichen Ratten durchgeführt wird, obwohl doch lange bekannt ist, dass Frauen eine überwältigende Mehrheit der Betroffenen stellen.

Zitat aus einer im ‚Text benannten weiteren Arbeit :

 

Autoimmune diseases are among the leading causes of death among young and middle-aged women in the United States. Incidence rates vary among the autoimmune diseases, with estimates ranging from less than one newly-diagnosed case of systemic sclerosis to more than 20 cases of adult-onset rheumatoid arthritis per 100,000 person-years. Prevalence rates range from less than 5 per 100,000 (e.g. chronic active hepatitis, uveitis) to more than 500 per 100,000 (Grave disease, rheumatoid arthritis, thyroiditis). At least 85% of thyroiditis, systemic sclerosis, systemic lupus erythematosus, and Sjögren disease patients are female. Although most diseases can occur at any age, some diseases primarily occur in childhood and adolescence (e.g. type 1 diabetes), in the mid-adult years (e.g. myasthenia gravis, multiple sclerosis), or among older adults (e.g. rheumatoid arthritis, primary systemic vasculitis). Ethnic and geographic differences in incidence of specific autoimmune diseases have been documented, but specific groups may be at higher risk for some diseases and lower risk for other diseases. The incidence of type 1 diabetes increased but the rates of rheumatoid arthritis declined over the past 40 years. Thus although there are commonalities, there are also important demographic differences between diseases. Disease-specific research, as well as studies that focus on potentially related diseases, needs to be conducted.

Ende des Zitats

 

Übersetzung

Autoimmun Erkrankungen gehören zu den wichtigsten Gründen für den Tod von jungen bis mittelalten Frauen in den USA. Die Erkrankungsrate variiert unter den einzelnen Krankheiten von weniger als einer Neudiagnose von systemischer Sklerose bis zu 20 Fällen von Erwachsenen rheumatoider Arthritis pro 100.000 Personenjahre.  Das Vorkommen insgesamt reicht von von weniger als 5 pro 100.000 (z.B. chronische aktive Hepatitis, Augeninnen -Entzündung) bis zu mehr als 500 pro 100.000 (bei Morbus Basedow, rheumatoider Arthritis, Schilddrüsenentzündung). Und mindestens 85% aller Schilddrüsentzündungen, systemischer Sklerosen, systemischem Lupus erythematosus und Sjögren’s Krankheit betrifft Frauen.
 Fast alle Erkrankungen können in jedem Alter erscheinen, einige hauptsächlich in der Kindheit und Jugend (z.B. Typ 1 Diabete), im mittleren Erwachsenenalter (Myasthenia gravis, Multiple Sklerose) oder in höherem Alter (Rheumatoide Arthritis, primäre systemische Vaskulitis). Ethnische und geografische Differenzen im Aufkommen von bestimmten Autoimmun Erkrankungen konnten gezeigt werden, aber bestimmte Gruppen sind möglicherweise höher von einer Krankheit und dafür niedriger von anderen Krankheiten betroffen. Die Neuerkrankung von Diabetes Typ 1 hat sich erhöht, aber die Rate von rheumatoider Arthritid ist in den letzten 40 Jahren zurück gegangen.  Es gibt Gemeinsamkeiten im Auftreten bestimmter Erkrankungen aber auch wichtige Unterschiede unter den Bevölkerungsgruppen. Krankheits spezifische Froschung und Studien, die sich auf die Querverbindungen zwischen den einzelnen Erkrankungen konzentrieren, sind erforderlich.

Geschlechtsspezifisch

Allen theoretischen Erklärungen zu den Häufungen von Gesichtsschmerzen bei Frauen fehlt immer noch die überzeugende Grundlage.  Diese Studie hier hat das Potenzial, zu einem Grundpfeiler der Forschung auf diesem Gebiet zu werden. Und zwar deshalb, weil hier eine menschliche Krankheit simuliert wird, die hauptsächlich Frauen anfällt: rheumatoide Arthritis. Das ist von großer Bedeutung, handelt es sich doch um eine der üblen Autoimmun Erkrankungen, die als denkbare Ursache der Fibromyalgie, der CFS/ME und nicht zuletzt der TMD gehandelt wird. Die stark überlappenden Symptome dieser Erkrankungen könnten sich eines Tages als Ausdruck einer Systemerkrankung entpuppen, die eben nicht zufällig häufiger bei Frauen vorkommt.

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