Mitten in Deutschland

Bewerte diesen Beitrag

"Lassen Sie die Spielchen, wissen Sie nichts, oder wollen Sie mir nichts sagen?" baut sich der 18 jährige Brahim O. in Begleitung seiner Mutter vor mir (Joachim Wagner, Zahnarzt) in meiner Praxis auf. Die Frage bezieht sich auf den Verbleib seiner Schwester, Sayda O. (24), die bis gestern als ZFA bei mir arbeitete. Darauf ich: "He Jüngelchen, du drohst mir hier nicht, sonst lass ich ganz schnell die Polizei antanzen". Hier setzt Brahim O. ein Gesicht zum Reinschlagen auf und entgegnet:  "Ich habe doch ganz normal gesprochen … Also Sie sagen, Sie wissen von nichts." Das bestätige ich, dann verlassen die 2 Mitglieder der Großfamilie O. unter Türenschlagen die Praxis.

Das ist heute der 3. Drama Auftritt eines der männlichen Mitglieder der Familie O. Am frühen Morgen begehrte Bruder Jouseff O. (22)  von meinen anderen Angestellten bereits Auskunft über den derzeitigen Aufenthalt von Sayda O. Seinem Begehren konnten meine Damen jedoch nicht entsprechen, denn alle hatten die Vorgeschichte gestern hautnah miterlebt und waren deshalb in keinster Weise bereit, irgendeinem O. irgendeine Auskunft noch nicht einmal über die aktuelle Tageszeit zu geben. Wenig später erschien Jouseff O. mit dem Ansinnen, den persönlichen Spind seiner Schwester untersuchen zu dürfen, was ich aber mit dem Verweis auf die Persönlichkeitsrechte seiner Schwester und meine Bereitschaft der Polizei die Sachen zur Verfügung zu stellen ablehnte. Darauf Jouseff: "Ich habe schon mit der Polizei gesprochen, Sayda ist seit gestern vermißt gemeldet". Mit dem begründeten Verdacht, dass mit der Polizei allenfalls ein paar Lügen ausgetauscht worden waren, lehnte ich seine Suche bei mir ab, er solle mit der Polizei wiederkommen. Worauf Jouseff O. sprach "Ich hole nur mein Handy, dann rufe ich die Polizei …" und die Praxis laut türschlagend verließ. Selbstverständlich erschien weder er, noch die Ordnungshüter. 

 Die Vorgeschichte gestern (Montag 26. Okt. 2009)

"Ich muss mit Ihnen reden" bat mich meine Angestellte Frau Sayda O. gestern in einen leeren Behandlungsraum.  Typischerweise beginnt so die Eröffnung einer Mitarbeiterin, dass sie nun schwanger sei, und deshalb in absehbarer Zeit die Arbeit in der Praxis einstellt. An ihrem extremem Angstgesicht konnte ich aber bereits ablesen, dass es hier nicht um ein erfreuliches Ereignis gehen wird. Mit Tränen in den Augen überraschte sie mich mit der Nachricht, dass sie kurzfristig untertauchen müsse. Und das kommt so: Seit Jahren hat sie einen Freund, welcher ebenfalls über einen Migrationshintergrund verfügt, aber eben nicht dem gleichen wie sie. Davon weiß die Familie zu Hause nichts, zumindest offiziell. Aus unbekannten Gründen betreiben die beiden jüngeren Brüder Brahim und Jouseff aber in der letzten Zeit eine regelrechte Hatz auf ihre Schwester und bearbeiten auch die Eltern entsprechend, mit dem erklärten Ziel, ihre 24 jährige Schwester unbedingt mit einem marrokanischen Mann, am besten einem Cousin, verheiraten zu wollen. Alles andere sei "Schande", die sie über die Familie bringen würde – sagt die Mutter. Und damit direkt klar ist, dass sie es ernst meinen, kam vorgestern die Drohung: Entweder du machst freiwillig mit, oder wir sperren dich ein und fliegen dich nach Marrokko.

So ähnlich muss es sich abgespielt haben, denn während Frau Sayda O. mir das alles erzählt, muss sie mehrfach unterbrechen und weinen.  Und damit ich auch gleich den richtigen Eindruck von dem mir bis zu diesem Tag unbekannten Bruder Brahim O. bekomme, erscheint dieser gegen 17 Uhr in meiner Praxis und äußert gegenüber meiner angestellten Zahnärztin (ich war gerade nicht anwesend) "Sayda hat ab heute gekündigt und kommt morgen nicht mehr". 

 Weitere Fakten

Inzwischen (immer noch Montag nachmittag) ist die langjährige Freundin von Sayda O eingetroffen. Mit ihr bespreche ich die Lage. Dabei kommt zur Sprache, dass Sayda schon länger unter psychosomatischen Beschwerden  leidet, u.a. starke, nicht behandelbare Schmerzen, auch an den Zähnen. Von drei (!) Selbstmordversuchen oder besser gesagt Selbstmordankündigungen ist die Rede, die nur dank dem energischem Einsatz der Freundinnen nicht zur Ausführung gelangt sind. Dann erfahre ich, dass die beiden Brüder arbeitslos sind mit einschlägiger Karriere, also gerade mal Grundschulbildung erfahren und  dann die Ausbildung abgebrochen haben, aber ganz selbstverständlich das Hotel Mama mit 5 Sterne All Inclusive in Anspruch nehmen und dazu ständig neue gebrauchte Autos haben. Das Fass zum Überlaufen bringt schließlich die Feststellung, dass meine Angestellte Sayda O. von ihrem Gehalt nicht einen einzigen Cent ausgezahlt bekommt, weil der Kontoinhaber, auf das ihr Gehalt läuft, immer noch ihr Vater ist. Um sich ein paar Klamotten anschaffen zu können, putzt Sayda O. deshalb Freitags noch irgendwo privat. 

Die Polizei (Telefon Nummer 110)

wird von mir am Montag abend um ca. 17:30 davon unterrichtet, dass a) meine Angestellte konkret von ihren Brüdern der Beraubung ihrer Freiheit bedroht wird, dass b) einer davon das gerade eben in meinem Laden mündlich angekündigt hat,  und c) die Brüder O. vor der Praxis auf ihre Schwester warten würden. Die Reaktion der Polizei: "Kann ich mal mit Ihrer Angestellten sprechen?". Das tat sie, weinte in das Telefon und als Ergebnis kam heraus, dass die Polizei Leverkusen sich nicht in der Lage sähe, jetzt 2 Stunden einen Streifenwagen vor meine Praxis abzustellen. Sie taten also: nichts.

Was ich 

und andere anschließend taten, können Sie hier logischerweise  nicht lesen. Nur soviel: Ich hoffe und bete, dass es Sayda gut geht. UND: ihre beiden Brüder O. habe ich jetzt persönlich kennengelernt und gesprochen und bin der Meinung, dass mindestens diesen beiden Exemplare der Großfamilie O. dringend eine Nachschulung zum Thema Menschenrechte und speziell hier Frauenrechte in Deutschland benötigen. Notfalls mit Ermunterung durch Richter und Staatsanwälte. 

3 Replies to “Mitten in Deutschland”

  1. Sehr geehrter Herr Wagner,

    schön das sie Ihrer Angestellten beistehen, traurig das dies von offizieller Seite nicht möglich ist. Ich wünsche Ihrer Angestellten, dass eine Lösung gefunden wird, in der sie ihr Leben nach ihren Vorstellungen leben kann, und nicht nach vorgeschobenen moralischen Regeln ihrer Brüder.

  2. Danke Frau Schulz, aus sicherer Quelle höre ich heute, dass schlimme Gewalttätigkeiten gegen mehr als eine Schwester in dieser Familie von den Brüdern (insgesamt 8 bis 9 „Kinder“) begangen worden sind. Keiner davon wurde je angezeigt. Dreimal dürfen Sie raten, warum nicht. Bis sich in diese dunkle Welt herumspricht, dass die Gewalt Unrecht ist und alles schlimm macht, vergehen wahrscheinlich noch 10 Generationen. Viele Grüße Joachim Wagner

  3. größere Öffentlichkeit
    Guten Tag Herr Wagner,
    dieser Fall ist wieder ein Beispiel wie schwer es ist, Frauen in solchen Fällen zu schützen. Was nutzt hinterher das Geschrei und die blumengeschmückten Kerzenreihen, wenn vorher von Seiten der Behörden die Hände in den Schoß gelegt werde.
    Sie könnten es sicher mit mehr Öffentlichkeit (Presse + TV) schaffen, ihrer Angestellten zu helfen damit sie mehr Unterstützung zu bekommen. Oder eine entsprechende Organisationen einschalten, die für solche Fälle Hilfe bietet.
    Für ihren Einsatz alle Achtung.
    MfG Helga L.

Kommentar verfassen