Biss der Woche 8 und Schmerzen

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Diesmal wird es komplizierter. Unsere Patientin P.M. (41) erscheint einen Tag vor Silvester in der Praxis und schildert ihren Zahnschmerz: vom Gefühl her scheint er aus dem Bereich der letzten Backenzähne auf der linken Seite oben (Zahn 27) oder unten (Zahn 38) zu kommen. Er entwickelt sich im Laufe des Tages von alleine und verstärkt sich zum Abend hin mit Spitzenwerten bis 5  auf der Skala 0 bis 10, in Ausnahmefällen bis 8. Er fühlt sich pochend an. In der Nacht erwachte Frau M. aber bisher nur einmal mit Zahnschmerzen. Die heute durchgeführten Tests zeigen: auf Kälte reagieren die Zähne 26 und 37 auffällig schnell und stark, die Zähne 27 und 38 gar nicht, was aber durch ihre Wurzelbehandlungen verständlich wird. Das Klopfen auf alle Zähne der linken Seite bleibt ohne Schmerzreaktion, ebenso der Beißtest mit einem Weichholz. Die Patientin erinnert sich jetzt, dass sie vor 14 Tagen einen Fieberschub hatte mit Schmerzen in beiden Kiefern und im Kopf.

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Bild 1

Auszug aus der Patientenakte. Für die mitlesenden Kollegen/innen: es gibt im Bereich der Schmerzdiagnostik schmerzlich wenig abrechenbare Leistungspositionen. Der Besuch der Patientin am 30.12.09 hat etwa 20 Minuten Zahnarztzeit verbraucht und dabei einen Umsatz einer 01 und einer Vipr, also zusammengerechnet knapp 20 Euro ergeben. Bohren rechnet sich eindeutig besser.

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 Bild 2

Wie es der Zufall will, beißt unsere Schmerzpatientin seit dem Anbeginn ihrer bleibenden Beisserchen (also etwa seit dem 8. Lebensjahr) diesselben reichlich unorthodox aufeinander: vorne ist es ein Kopf- bis Mesialbiss und hinten – bei gnädiger Betrachtung – ein Neutralbiss.

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Bild 3

Der Anblick der rechten Hälfte stellt sich auch für den CMD Behandler noch nicht sonderlich spektakulär dar.

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 Bild 4

Aber in Bild 4 zeigt sich das Nebeneinander von vorspringendem Unterkiefer im Bereich des Eckzahns und Normalverzahnung 2 Zähne weiter hinten. Solche Zustände sind in der Theorie des „richtigen Bisses“, also der CMD Glaubenslehre nicht vorgesehen. Deshalb stelle ich an dieser Stelle die Frage: kommt der Zahnschmerz links hinten vielleicht in Wirklichkeit vom falschem Biss?

 

Die Antwort

hören wir von der Patientin am 18. Januar 2010, anläßlich einer Routine Kontrolluntersuchung. Der Schmerz veränderte sich nach dem 30. Dez 09 wie folgt: Jeden Abend zwischen 24:00 und 1:00 meldete sich die linke Seite mit einem erheblichen (VAS mindestens 5) pochenden Schmerz, den sie mit Ibuprofen einigermaßen bändigen konnte. Wegen der Feiertage war sie jeden Abend solange noch wach. Am 3. Januar habe der Schmerz sie um 24:00 in der Kirche erwischt, als sie keine Tabletten dabei hatte, also habe sie den Schmerz aushalten müssen und dabei arg ins Schwitzen gekommen. Zuhause habe sie stark gefroren und ab diesem Tag sei der Schmerz nicht mehr aufgetreten. Und nun kommt der Schlüsselsatz: „Ich habe mich da reingesteigert, mich gefragt, was da wieder für eine Riesen Zahngeschichte auf mich zukommt, denn ich habe darin ja Erfahrung  …“

 

Nervlich

Und hier ist die Interpretation der Schmerzgeschichte vom Internet Trigeminus Neuropathie Zahnarzt. Frau M. fällt mit dieser unklaren Schmerzepisode nicht das erste und auch nicht das zweite Mal in meiner Praxis auf. Mitterweile summieren sich ihre Werke auf eine mitteldicke Akte, aus denen hervorgeht, dass die linke Seite aus heiterem Himmel anfängt weh zu tun, ohne dass dafür entsprechende Befunde (Karies, Ostitiden …) zu erheben sind. Diesen Attacken sind beim Vorbehandler die Zähne unter der Brücke (nicht von mir) links zum Opfer gefallen, in meiner Verantwortung kam es zu 2 Wurzelbehandlungen von 27, 38, deren Berechtigung im Nachhinein auch stark bezweifelt werden muss. Noch im November 2008 entschied meine – mit den Eigenheiten der Patientin M. noch nicht vertraute – angestellte Zahnärztin, dass der Zahn 24 (links oben) wegen 1-wöchiger starker Schmerzen wurzelbehandelt werden müßte. Auch diese Entscheidung ist anzuzweifeln.

 

Mechanismus

Wie genau es zu den mittel- bis starken „Zahn“schmerzen  in ihrer Abbildung im somotasensorischen Cortex (= Hirnrinde, die den Schmerz „genau an diesem Zahn“ spürt) kommt, die aber nicht wirklich vom Organ ausgehen, wo sie gespürt werden, wissen wir bisher noch nicht so genau. Was wir aber an diesem Beispiel eindeutig mitverfolgen können, sind : die Schmerzen sind

  • Angstabhängig. Die Patientin weiß genau, dass ab dem 4. Januar wieder normale zahnärztliche Hilfe erreichbar ist. Das mindert die Angst und setzt den Druck herab, sich Katastrophenszenarien auszumalen. Frau M. verspürt prompt den Schmerz ab dem 04.01. nicht mehr. Der starke Einfluss höherer Hirnareale auf die Schmerzempfindung wird deutlich.
  • Episodenhaft. Der Schmerz kommt mehr oder weniger aus dem heiteren Himmel und verschwindet wieder – ohne jede zahnmedizinische Behandlung. Letzteres dürfte nicht sein, wenn eine Zahn/Kiefergeschichte dahinter steckt.
  • evtl. Folge einer Virusinfektion. Die Patientin erinnert sich an einen Fieberschub mit Kopf- und Kieferschmerzen 14 Tage vor den „Zahn“schmerzen. Das war mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Virusinfektion schuld, wobei sich im Nachhinein natürlich nicht sagen läßt, um welchen Erreger es sich handelt.  Auf jeden Fall muss der Erreger auch das Zentralnervensystem erwischt haben, denn das legen die Kopfschmerzen nahe. Von vielen Viren ist bekannt, dass sie a) Nervengewebe besiedeln und b) dort Schädigungen verursachen, die wiederum unklare Schmerzsymptome herbeiführen.

 

 

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