Dauerschmerzen in der Stärke 7 von 10

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Frau P. (42) aus N. erhält 1993/1994 auf die Zähne 35 und 37 Kronen, um die relativ kleine Lücke zu schließen, die aus der Entfernung ihres Zahns 36 im Kindesalter herrührt. SANY0424Bereits beim Einsetzen der Kronen melden sich starke Schmerzen. Versuchsweise entfernt der damalige Behandler die hintere Krone und trägt verschiedene Medikamente auf den abgeschliffenen Zahn 37 auf – ohne Erfolg. Wegen der Heftigkeit der anhaltenden Zahnschmerzen greift der Zahnarzt  – wie immer in solchen Fällen – zur Wurzelbehandlung von zunächst 37, was leider aber nur die Schmerzen von einer pochend/stechenden Qualität in eine durchdringend/bohrend Richtung ändert, die Schmerzstärke aber eher steigert als mindert. Ein hinzugezogener Kieferchirurg reseziert im April 1994 die Wurzel 37 (WSR), fertigt eine Kieferschiene an, und entfernt wegen völliger Erfolglosigkeit im Juni 1994 den Zahn 37.

Der Kieferchirurg Nummer 2 probiert nacheinander die Medikamente: Ketoprofen, Sobelin (Antibiotikum), Ampicillin (Antibiotikum) und Carbamazepin (Antineuropathikum), letzteres bis 50mg / Tag, aus und erzielt damit keine Verbesserung der anhaltenden Schmerzen. Die hinzugezogenen Neurologen Dr. Th. und F. verschreiben Carbamazepin bis 900 mg / Tag, wieder ohne Erfolg. Mittlerweile ist es Dezember 1994.

Kieferchirurg Nummer 2 sieht eine Chance im Aufschneiden des Knochens an der Stelle des gezogenen Zahns 37 und öffnet im Januar 1995 diesselbe. Laut Laborbericht sollen Streptokokken, aber keine Pilze angetroffen worden sein. Darum rezeptiert der Mann 3 verschiedene Antibiotika: Doxicyclin, Ampicillin und Erythrocin – leider bleibt das Schmerzniveau auf etwa  VAS = 7 auf der Skala 0 bis 10, mit Spitzen bis 8K. Kieferchirurg 2 gibt nicht auf: Er möchte noch einmal operieren. Wieder schneidet er den Bereich auf, fräst alle schmerzempfindlichen Bereiche weg und schickt eine Probe ein. Das Ergebnis: negativ (= keine Streptokokken), aber die Schmerzen kehren nach einer kurzen Pause von 4 Tagen zurück, genauso wie vorher.

SANY0425 Darauf folgt die Überweisung zur Schmerztherapie zunächst bei einer niedergelassenen Anästhesistin, die aber nach Versuchen mit Trigeminus Quaddeln und „Störfeldsuche“ nach einem Monat bereits an die Schmerzambulanz der Düsseldorfer Uniklinik verweist. Dort wird zwischen Mai und Dezember 1995 mit Thermografie, Neuraltherapie, Nasennebenhöhlen- und Darmdiagnostik versucht, weiter zu kommen. Außerdem wird eine Allergologin zwecks Darmsanierung, Epicutantest auf Amalgamallergie hinzugezogen.

Die vereinten Experten kommen zum Schluß, dass die 11 noch vorhandenen Amalgamfüllungen zu entferen seien. Dies geschieht Ende 1995 beim Hauszahnarzt unter gleichzeitiger Infusion von Vitamin C Lösungen bei der Allergologin. Begleitet wird das Ganze durch eine Amalgamausleitung mit „Bioresonanz“. Der Zahnarzt kommt dazu noch auf die Idee, den Zahn 35 wurzel zu behandeln, um „sicher zu stellen, dass der überkronte 35 nicht für das Schmerzgeschehen verantwortlich sein kann“. Die Wurzelbehandlung 35 im Dezember 1995 erreicht das exakte Gegenteil: der starke Dauerschmerz verschlimmert sich noch, die Entfernung der Wurzelfüllung und mehrfaches Spülen sind ohne Erfolg. Darum wird der Zahn 35 gezogen und die Wunde verursacht prompt das „trockene Alveolensyndrom“, also fortgesetzte Wundschmerzen. 6 Wochen später bewegen sich die Dauerschmerzen auf dem Niveau vor der Wurzelbehandlung, also im Durchschnitt 7 von 10, aber jetzt fühlt sich das Schmerzgebiet größer an.

01/96 bis 05/96 versucht sich der Heilpraktiker mit einer Elektroakupunktur nach Dr. Voll, Vitaminspritzen und Homöopathie an der Patient. Ergebnis: null.

04/96 erstellt ein Radiologie ein Szintigramm (spezielles Bild zum Auffinden von Entzündungen). Ergebnis: o.B. = ohne Befund

09/96 – 12/96 probiert der nächste Schmerztherapist die Körperakupunktur an den Händen, Ohrläppchen und Knien. Erfolg: null

01/97 – 06/97 glaubt Kieferchirurg Nummer 3 die Lösung zu haben und öffnet zum 3. Mal die Baustelle und entnimmt Knochen aus dem Bereich. Erfolg: null

07/97 – 09/98 versucht Dr. med Förster, Aachen mit Supremum und Stellatum Blockaden (Procaininjektionen) auch in Anlehnung an die Arbeiten von Dr. Jankovic, Hürth eine Schmerzverbesserung über ein ganzes Jahr hinweg (!) zu erzielen. Erfolg: null

09/98 – 02/99 kommt der vorläufig letzte Versuch von Frau P. beim Schmerztherapeuten Nummer 4, welcher einen Versuch startet mit Tramadol und danach mit Amitriptylin bis 10 mg / Tag. Erfolg: außer heftigen Nebenwirkungen: null

 


Im Herbst 2009 erscheint Frau P. bei mir in der Praxis mit dieser Vorgeschichte. Vorgewarnt von therapieresistenten Fällen nach dem Muster „Frau, Dauerschmerz im Gesicht über 6 (von 10), erfolglose multidisziplinäre (Schmerztherapeut war auch dabei) Behandlung länger als 2 Jahre, einschlägige Pillen ebenfalls ohne Nutzen ausprobiert“, gehe ich diesen Fall mit ziemlich gemischten Gefühlen an. Das klingt nach einem Reinfall.

Schaut man sich als Laie und Fachmann die Bilder 1 und 2 an, steht schnell fest, dass wir es hier mit einem lupenreinen „Phantomschmerz“ = „atypischen Gesichtsschmerz“ = „persistierenden idiopathischen Gesichtsschmerz“ = neuropathischen Trigeminus Schmerz zu tun haben. Frau P. hat keine bakterielle Infektion oder allergische Reakt … oder was auch immer in ihrem linken unteren Kiefer, sondern ihr Hirn spielt ihr einen jetzt 16 Jahre langen sehr sehr bösartigen Streich: Das Hirn behauptet, dass an dieser Stelle etwas sehr sehr stark weh tut – die Schmerzstärke 7 von 10 ist brutal ! – und läßt sich durch nichts davon abbringen.

Wir haben im Zeitraum Herbst 09 bis Frühjahr 10 alles ausprobiert, was die aktuelle Pharmazie hergibt: Lyrica (= Pregabalin), Amitriptylin, die Kombination, Duloxetin (= Cymbalta). Dazu monatelange Aufzeichnungen der Schmerzen zur Gewinnung von Daten, ob das Hochdosieren oder schnelle Absetzen eines der Pharmaka irgendeine Änderung im Schmerzprofil ausmacht. Sie – liebe Leser – haben es schon erraten: es gibt kein Mittel gegen diese Schmerzen. Auch die aktuellsten Mittel (Duloxetin) machen gar keinen Unterschied. Eine interessante Information der Patientin kommt über das Opioid Tramadol: Sie weigert sich, trotz ihrer starken Schmerzen, noch einmal Versuche mit Opioiden mit zu machen. Sie habe damals 1998/99 derart krasse Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Tramadol erlebt, dass sie darauf in jedem Fall verzichten werde.

Letzteres erlaubt meiner unbescheidenen Meinung nach einen Anfangsverdacht: Frau P.s Hirnchemie unterscheidet sich von der des Durchschnittsmenschen. Besonders die My-Rezeptoren im Hirn, die zuständig sind für die Wirkung von Morphium, Opioiden und den körpereigenen Endorphinen, behaupte ich, sind betroffen. Denn ich kenne ähnliche Patientinnen mit dieser Aussage: „Geben Sie mir nie Morphine“, darunter fällt eben auch Tramadol.

Kürzlich vereinbarten Frau P. und ich, zunächst weitere Pharma Versuche einzustellen, weil wir zur Zeit mangels konkreter Ergebnisse der Neuropathie Forschung – bildlich gesprochen – nur im Nebel stochern. Beim gegenwärtigen Tempo der Forschung im Gebiet der ZNS-verursachten Schmerzen (= durch das Zentral Nerven System verursachten) rechne ich immerhin im Laufe der nächsten 10 Jahre mit konkret anwendbaren völlig neuen Verfahren. Möglicherweise werden spezifische (maßgeschneiderte) Bio Moleküle dann die Aufgaben übernehmen, die heute die vergleichsweise primitiven Benzolchemie Abkömmlinge wie Amitriptylin oder Duloxetin irgendwie bewältigen sollen.

2 Replies to “Dauerschmerzen in der Stärke 7 von 10”

  1. RE: Dauerschmerzen
    Mamamia über ein Jahrzehnt Dauerschmerzen 7 von 10! Wie steht das die arme Frau nur körperlich und mental durch? Unvorstellbar, das so lange ertragen und den Alltag meistern zu können.
    Bei ständigen zum Teil auch starken Schmerzen ist man schon sehr nahe an seinen Belastungsgrenzen, wenn dann noch zusätzlich Probleme z.B. durch Nebenwirkungen hinzukommen, überfordert einen das schnell.
    Wissen Sie, ob Frau P. bereits versucht hat, durch Methoden aus dem Bereich Bewegungsarbeit / Körpererfahrung ihre Schmerzwahrnehmung etwas zu verbessern?
    Frau P. ist doch nicht mit Schmerzen oder krank auf die Welt gekommen, es muss doch auch wieder einen Ausweg geben und die Nerven sich besänftigen lassen?

  2. Hallo Maria, Sie haben Recht, 16 Jahre Schmerzen auf dieser absolut verschärften Ebene kann ich mir persönlich – ehrlich gesagt – nicht vorstellen. Und das, obwohl ich als Kind und Jugendlicher einen Tag pro Woche (Samstag) Migräne bis zum Anschlag hatte, also auch die berüchtigten 8 von 10 Schmerzskala Kopfschmerzen mit dem kompletten Programm (Erbrechen in Serie, Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit …). Immerhin waren es damals 6 Tage von 7 Tagen ohne Schmerzen.
    Leider kann ich Frau P. zur Zeit nicht helfen, obwohl das äußerst unbefriedigend ist. Ich glaube aber, dass wir in dem Moment weiterkommen, in dem klar wird, welche Menschen mit Opioiden gar nicht klar kommen können – und aus welchen Gründen.

    Viele Grüße
    Joachim Wagner

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