Zungenbrennen im Hirn nachgewiesen

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Pain. 2003 Jan;101(1-2):149-54.nigrostriatal

Dopamin D1 und D2 Empfänger im striatalen Hirnbereich **) beim brennenden Mund Syndrom

Striatal dopamine D1 and D2 receptors in burning mouth syndrome.

Hagelberg N, Forssell H, Rinne JO, Scheinin H, Taiminen T, Aalto S, Luutonen S, Någren K, Jääskeläinen S.

Department of Anesthesiology and Intensive Care, Turku University Central Hospital, PO Box 52, FIN-20521, Turku, Finland.

Tierversuche haben erbracht, dass das nigrostriatale [= im Striatum befindliche] *) dopaminerge [= auf dem Botenstoff Dopamin beruhende] System in der zentralen Schmerzverarbeitung beteiligt ist. Wir zeigten in einer kürzlich erschienen Positron Emission Tomografie (PET) Studie eine falsche Funktion der Vorsynapsen [= Endausläufer von Nervenzellen] des nigrostriatalen dopaminergen Pfades beim brennenden Mund Syndrom, welches ein chronischer Schmerzzustand ist.
Das Ziel der vorliegen Studie war es, die Dopamin D1 und D2 Empfänger im striatalen Gebiet bei diesen Patienten zu untersuchen. Wir benutzten 11C-NNC 756 und 11C-raclopride [= passende Botenstoffe für die Empfänger, häufig zum An- oder Abschalten], um die D1 und D2 Empfänger Eigenschaften in einer PET Studie bei 10 brennendem Mund Patienten und 11 gesunden Vergleichspersonen zu ermitteln. Die Patienten durchliefen eine strukturierte psychiatrische Untersuchung [= Ausfüllen von mehrseitigen Standardtests] und eine elektrophysiologischen Untersuchung für die Erregbarkeit des Blink Reflexes [Anpusten des Auges mit Luft und Messung der Zeit in Millisekunden, bis das Auge sich schließt].
Die Aufname des Botenstoffs 11C-NNC 756 im Striatum unterschied sich nicht zwischen Patienten und Kontrollpersonen. Dagegen zeigt sich bei einer Betrachtung auf Voxel [= dreidimensionaler Pixel, zur Zeit etwa 1 mm im Kubik] Ebene, dass die Aufnahme von 11C-raclopride statistisch signifikant [= nicht mehr zufällig] höher im linken Putamen [das Striatum besteht aus: putamen, nucleus caudatus, nucleus accumbens] von brennendem Mund Patienten passiert (korrigierter P-Wert 0,038 auf Cluster Ebene).
Bei der Betrachtung des interessierenden Bereichs war das Verhältnis von D1 zu D2 Empfängern  im rechten Putamen 7,7% niedriger (0.64+/-0.04 vs. 0.69+/-0.04, P=0.01) und 6,4 % niedriger im linken Putamen (0.65+/-0.05 vs. 0.70+/-0.05, P=0.05), jeweils im Vergleich zu Gesunden. Die erhöhte 11C-raclopride Aufnahme und die Erniedrigung im D1/D2 Verhältnis könnte eine Verringerung des endogenen [körpereigenen] Dopamin Gehaltes im Putamen von brennendem Mund Patienten bedeuten.

Original

Animal studies have indicated that the nigrostriatal dopaminergic system is involved in central pain modulation. In a recent positron emission tomography (PET) study, we demonstrated presynaptic dysfunction of the nigrostriatal dopaminergic pathway in burning mouth syndrome, which is a chronic pain state. The objective of the present study was to examine striatal dopamine D1 and D2 receptors in these patients. We used 11C-NNC 756 and 11C-raclopride to study D1 and D2 receptor binding in a PET study in ten burning mouth patients and 11 healthy controls. Patients underwent a structured psychiatric evaluation and an electrophysiological test for the excitability of the blink reflex. The striatal uptake of 11C-NNC 756 did not differ between patients and controls. In a voxel-level analysis, the uptake of 11C-raclopride was statistically significantly higher in the left putamen in burning mouth patients (corrected P-value 0.038 at cluster-level). In the region of interest analysis, the D1/D2 ratio was 7.7% lower in the right putamen (0.64+/-0.04 vs. 0.69+/-0.04, P=0.01) and 6.4 % lower in the left putamen (0.65+/-0.05 vs. 0.70+/-0.05, P=0.05) when compared to controls. Increased 11C-raclopride uptake and the subsequent decrease in the D1/D2 ratio may indicate a decline in endogenous dopamine levels in the putamen in burning mouth patients.

PMID: 12507709 [PubMed – indexed for MEDLINE]

 

*) Alle Anmerkungen in eckigen Klammern von mir – Joachim Wagner.

**) Das striatale Gebiet heißt noch richtiger:  Basale Kerne ( basale Ganglien ) und besteht aus:

putamen, nucleus caudatus, nucleus accumbens, claustrum, nucleus amygdaloideus, substantia nigra, globus pallidus [putamen + globus pallidus = nucleus lentiformis], subthalamic nuclei, interne Kapsel [between caudate and lentiform nuclei], externe Kapsel [auswärts vom lentiform nucleus], claustrum [ liegt seitlich von der externen Kapsel]
Krankheiten, die mit falschen Funktionen der basalen Kerne zusammenhängen:  Parkinson, Huntington’s chorea, Tourette syndrome, Athetosis, Obsessive-compulsive disorder = Zwangshandlungen

 

Kommentar

Brennen im Mund hat die gleiche katastrophale Wirkung auf die Lebensqualität der Patienten wie Dauerschmerzen. Es wundert daher auch wenig, dass die Forscher das Brennen direkt unter „chronischem Schmerzzustand“ einsortieren. Bis heute wird bei chronischem Brennen gerne nach „Allergien“, „Metallunverträglichkeit“, „Amalgam“ oder sonstigen ortsbezogenen Ursachen geforscht. Und nachdem dann 5 Zähne gezogen, alle anderen 20 Zähne mit Keramik überzogen und die zwangsläufig entstehenden Kollateralschäden in Form von abgestorbenen Zahnnerven beseitigt sind, stellen die Beteiligten in 90% der Fälle fest, dass die Metallunverträglichkeit offensichtlich nicht der Grund für das Mundbrennen war. Denn es besteht weiter. Jetzt haben wir Beweise, dass die Ursache des Brennens mit hoher Wahrscheinlichkeit  nicht im Mund liegt, sondern 5 Zentimeter höher.

Tierversuche haben erbracht, dass das nigrostriatale dopaminerge System in der zentralen Schmerzverarbeitung beteiligt ist. Wir zeigten in einer kürzlich erschienen Positron Emission Tomografie (PET) Studie eine falsche Funktion der Vorsynapsen des nigrostriatalen dopaminergen Pfades beim brennenden Mund Syndrom, welches ein chronischer Schmerzzustand ist.
Das Ziel der vorliegen Studie war es, die Dopamin D1 und D2 Empfänger im striatalen Gebiet bei diesen Patienten zu untersuchen. Wir benutzten 11C-NNC 756 und 11C-raclopride [passende Botenstoffe für die Empfänger zum An- oder Abschalten], um die D1 und D2 Empfänger Eigenschaften in einer PET Studie bei 10 brennendem Mund Patienten und 11 gesunden Vergleichspersonen zu ermitteln. Die Patienten durchliefen eine strukturierte psychiatrische Untersuchung [Ausfüllen von mehrseitigen Standardtests] und eine elektrophysiologischen Untersuchung für die Erregbarkeit des Blink Reflexes [Anpusten des Auges mit Luft und Messung der Zeit in Millisekunden, bis das Auge sich schließt].
Die Aufname des Botenstoffs 11C-NNC 756 im Striatum unterschied sich nicht zwischen Patienten und Kontrollpersonen. Dagegen zeigt sich bei einer Betrachtung auf Voxel [= dreidimensionaler Pixel] Ebene, dass die Aufnahme von 11C-raclopride statistisch signifikant [nicht mehr zufällig] höher im linken Putamen [das Striatum besteht aus: putamen, nucleus caudatus, nucleus accumbens] von brennendem Mund Patienten (korrigierter P-Wert 0,038 auf Cluster Ebene).
Bei der Betrachtung des interessierenden Bereichs war das Verhältnis von D1 zu D2 Empfängern 7,7% niedriger im rechten Putamen (0.64+/-0.04 vs. 0.69+/-0.04, P=0.01) und 6,4 % niedriger im linken Putamen (0.65+/-0.05 vs. 0.70+/-0.05, P=0.05) jeweils im Vergleich zu Gesunden. Die erhöhte 11C-raclopride Aufnahme und die Erniedrigung im D1/D2 Verhältnis könnte eine Verringerung des endogenen [körpereigenen] Dopamin Levels im Putamen von brennendem Mund Patienten bedeuten.

2 Replies to “Zungenbrennen im Hirn nachgewiesen”

  1. RE: Zungenbrennen im Hirn nachgewiesen
    Zitat:
    „dass das nigrostriatale [= im Striatum befindliche] *) dopaminerge [= auf dem Botenstoff Dopamin beruhende] System in der zentralen Schmerzverarbeitung beteiligt ist. Wir zeigten in einer kürzlich erschienen Positron Emission Tomografie (PET) Studie eine falsche Funktion der Vorsynapsen [= Endausläufer von Nervenzellen] des nigrostriatalen dopaminergen Pfades beim brennenden Mund Syndrom,
    -> welches ein chronischer Schmerzzustand ist.“
    Zitatende

    Dann müßte sich bei dieser neurologisch bedingten Schmerzerkrankung mit trizyklischen Medikamenten ein Behandlungserfolg einstellen.

  2. RE: Zungenbrennen im Hirn nachgewiesen
    Zitat:
    „Bis heute wird bei chronischem Brennen gerne nach „Allergien“, „Metallunverträglichkeit“, „Amalgam“ oder sonstigen ortsbezogenen Ursachen geforscht.
    Und nachdem dann 5 Zähne gezogen, alle anderen 20 Zähne mit Keramik überzogen und die zwangsläufig entstehenden Kollateralschäden in Form von abgestorbenen Zahnnerven beseitigt sind, stellen die Beteiligten in 90% der Fälle fest, dass die Metallunverträglichkeit offensichtlich
    -> nicht der Grund für das Mundbrennen war. Denn es besteht weiter.“
    Zitatende

    Dort wo es weh tut, muss auch die Ursache liegen. Bei normalem Schmerz ist das auch so – aber nicht bei neurologisch bedingten Schmerzen. Wenn Patienten trotzdem ihren Zähnen die Schuld geben, ist das verständlich. Nicht verständlich ist jedoch, wenn auch Mediziner das tun.

    Wie weit sind diese im obigen Artikel abgebildeten Erkenntnisse inzwischen in der Fachwelt durchgesickert?

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