Qualitätssicherung mal ernsthaft: Verlaufsfotografie über Jahrzehnte

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Bild 1 Herr S. 1997

ISO 9000-er Zertifizierungs Wappel kann der Zahnarzt kaufen. Gegen eine geringfügige Gebühr in Höhe der Portokasse – sagen wir 10.000 Euro  smile – stellt der TÜV Rheinland oder wer-auch-immer die Bescheinigung aus, die Zertifizierungsgebühr bezahlt zu haben und auch sonst allerlei Schabernack ähnliche Dinge vorgenommen zu haben. Darunter fällt das beamtenmäßige Abheften und Ablegen von vielen Schrieben über die tagtäglichen Verrichtungen der Praxis in Aktenordnern und das Nachkarten derselben „Dokumentationen“ auf

a) Vollständigkeit, b) Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, c) Erfassung von Fehlern, die von verschiedenen Seiten dazu gemeldet werden und d) systematischer Einarbeitung von Verbesserungen.

Das hört sich alles ganz gut an und der Nichteingeweihte läßt sich auch bereitwillig von den vielen Selbstbeweihräucherungen des ganzen Qualitätsrummels beeindrucken. Dabei wird aber gerne übersehen, dass es ein systematisches Problem mit dieser Art der Qualitätssicherung gibt: ein Betrieb, der grundsätzlich immer gesunde Zähne zieht, abschleift oder auch füllt  – also Unsinn von Anfang an produziert – und das als zertifizierte Maßnahme in seine Qualitätssicherung hineindokumentiert, wird von sich alleine mit ISO 9000 nicht darauf kommen, dass er nur die Qualität des Unsinns optimiert. Kurz gesagt: ISO 9000 erlaubt problemlos auch die Dokumentation von fürchterlichem Unfug, was gerade in einem Kleinbetrieb mit einem Häuptling und 5 fachlich völlig untergeordneten Indianern garantiert auch eintritt, weil die Korrektur von außen nur auf dem Wegbleiben von Patienten beruht. Besser wäre aber die Übernahme evidenzbasierter (= auf Beweisen beruhender) Behandlungsprinzipien und deren Kontrolle.

Genau diese ist im Zeitalter von Terrabyte großen Datenspeichern und Digitalkameras inzwischen auch leicht möglich: Alles, was eine systematische Qualitätserfassung im Zahnarztbereich braucht, sind einfache Übersichtsbilder vom Oberkiefer und Unterkiefer in der derzeit üblichen Auflösung von 10 Megapixel aufwärts. Darauf lassen sich alle Ein- und Mißgriffe des zahnmedizinischen Personals relativ klar nachvollziehen. Es ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit und der Vernunft der Aufsichtsbehörden, wann diese Mindestanforderung an die zahnärztlichen Dokumentationspflichten kommen wird.

Wozu?

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Bild 2 Herr S. 2008

Beispielsweise kann dadurch, nach einem Verlauf von 10 oder 20 oder 30 Jahren, recht einfach die Zahl der noch vorhandenen Zähne einwandfrei festgestellt werden. Auf Krankenblättern wäre das zwar auch machbar, aber nie ganz sicher und nie so aussagefähig, wie das mit Bildern möglich ist. Auf diese Weise könnten Unterschiede des Einflusses der Behandler auf die Patienten ermittelt werden und zwar sehr qualifiziert. Wie invasiv wurde vorgegangen, wieviel eigene Zahnhartsubstanz konnte erhalten werden, wievele Zähne wurden überkront, wurzelbehandelt oder gezogen. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um die Einzelfälle, sondern um die Durchschnittswerte über eine repräsentative Auswahl von Patienten des konkreten Behandlers. Ob Sie das als Leser nun glauben oder nicht: In der Zahnmedizin ist die konkrete Versorgung von Patientenmündern derart von der Willkür der einzelnen Behandler abhängig, dass man immer weniger daran glauben kann, dass es sich bei der Zahnmedizin um ein halbwegs durchdachtes Fachgebiet handelt. Was der Behandler A als das Gelbe vom Ei verkauft, verteufelt Behandler B promptamente; denken Sie an Werkstoffe wie Kunststoff und Amalgam, denken Sie an den alleinseligmachenden Biss oder an die Frage, ob es klug ist, jeden fehlenden Zahn zu ersetzen. *)

Kurzum: Was also fehlt, sind verläßliche Leitlinien, die mit der Wirklichkeit nicht allzu sehr kollidieren. Um nur mal einige ganz grobe Fehlstellen anzusprechen: 0. Die meisten zahnmedizinischen Handwerks Anleitungen (Form von Füllungslöchern, Form von abgeschliffenen Zähnen …) sind nicht evidenzbasiert (= nicht durch Beweise untermauert). Bis heute fehlt das Bekenntnis der offiziell verfassten Zahnärzteschaft zu dieser Tatsache. Wann ist mit einer Abhilfe zu rechnen? 1. Knirscher brauchen eine andere Herangehensweise, aber welche und wann wird mit diesen Überlegungen ernsthaft begonnen? 2. Der große Stellenwert des Bisses ist reichlich fragwürdig geworden, wann bequemt sich die deutsche verfaßte Zahnärzteschaft dazu, die Tatsache als solche offiziell zur Kenntnis zu nehmen? 3. Das Abschleifen von Zähnen mit tiefer Hohlkehle verursacht gehäuft das Absterben von Zahnnerven. Steht der beobachtete tatsächliche Schaden und der theoretische Gewinn in einem gesunden Verhältnis? 4. Implantate sind vollwertiger Zahnersatz. Darf man heute noch unverletzte Nachbarzähne für Brücken abschleifen – womöglich noch mit tiefer Hohlkehle? usw. usw.

Derartige Fragen können weder von einzelnen Praktikern beantwortet werden, noch von Theoretikern aus der akademischen Riege (= Uniprofessoren). Die einzige Instanz, die dazu ein angestammtes Recht hat, ist das wirkliche Leben. Licht in das Dunkel der angesprochenen Fragen lassen sich eben nicht durch Tausende von spitzfindigen Diskussionsbeiträge (= so genannte Reviews) der so genannten Experten bringen, dafür aber durch die Auswertung von – sagen wir – einer Million Übersichts Fotografien ebensovieler Kiefer im Abstand einiger bis vieler Jahre.

Das würden Übersichts Fotografien zeigen können

  1. Zahnersatz: Wie wirken sich einzelne Versorgungsformen langfristig aus, wie Einzelkrone, verblockte Kronen, Brücke, rausnehmbarer Ersatz, kein Ersatz
  2. Füllungen: Alter der Füllungen, Überleben der Zähne, nachfolgende Versorgungen, ungeeignete Schliffformen, was passiert mit unversorgter Karies wann genau und wie?
  3. Knirscher: Welche Versorgungsformen (Keramik Inlays, Kunststoff, Wurzelstifte) scheitern immer, welche bewähren sich (Vollmetall)?
  4. Implantate: Wie filtert man früh solche Patienten aus, bei denen auch Implantate scheitern?
  5. Phantombiss (= Menschen, die davon überzeugt sind, dass ihr Biss – fast immer durch einen Zahnarzt – gestört wurde und „seitdem nie wieder richtig hergestellt wurde“. Die Krankheit betrifft etwa 0,5% der Bevölkerung): Die Bilder zeigen bei diesen Fällen regelmäßig die fortschreitende Zerstörung des Gebisses durch die „Bisskoryphäen“ der Republik, zu denen die vermeintlichen Opfer pilgern – und vorhersagbar immer wieder enttäuscht werden. **)

*) Für die mitlesenden Kollegen/innen: Bevor Sie jetzt vorschnell den Blick mit Grausen von dem „Nestbeschmutzer“ Joachim Wagner abwenden, empfehle ich Ihnen eine eigene unvoreigenommene Recherche zu genau dieser Fragestellung. Ist das Abschleifen intakter Nachbarzähne zum Befestigen eines Zahnersatzes grundsätzlich und immer zu verantworten – ganz großes Fragezeichen.

**) bei einer Million Fälle werden etwa 5.000 Patienten mit Phantombiss in der Sammlung anzutreffen sein. Das ermöglicht aufgrund der Menge von Fällen statistisch absolut sichere Aussagen. Selbst bei einer Auswertung von „nur“ 500 Fällen von Phantombiss erscheinen bereits alle chrakteristischen Erscheinungen für die Krankheit in den Bildern.

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