Biss der Woche 14: offen über 8 Zähne

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Bild 1

Auch auf die Gefahr hin, dass es auf die Dauer anöden könnte: Zahnfilm DE präsentiert unter dem Titel „Biss der Woche …“ praktisch nur Patientenfälle nach dem Muster: ein Mund mit Katastrophenbiss aus Sicht bestimmter tonangebender Zahnmediziner mit einem dazugehörigen Menschen, der sich aber in seiner Haut gut fühlt, ganz besonders kiefergelenksmäßig. Wir bringen es auf die Kurzformel: ein Katastrophenbiss ist NICHT (!) gleich einem Kiefergelenksproblem. Im Bild 1 erscheint unser Mann des Tages im Alter von 11 Jahren mit Lebensmittelfarbstoff auf den oberen Schneidezähnen zur Kenntlichmachung von bakteriellen Belägen. Die satte Färbung läßt erahnen, dass seine Zähne mit der Zahnbürste in dieser Zeit eher wenig Kontakt haben.

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Bild 2

Nach 9 Jahren, im Juni 2010, klappt die Zahnbürstenanwendung besser, aber die weiß bis gelb/orange verfärbten Linien auf vielen Zähnen erzählen von stattgefundener Karies, die an einzelnen Beissern  bis zu Oberflächeneinbrüchen vorangeschritten sind. Trotz ehrgeiziger Eltern hat es der damalige Jugendliche geschafft, sich auf diese Weise selbst – und ich sage absichtlich*) – zu verletzen. Diese Kariesgeschichte soll aber nur am Rande stehen. Achten Sie viel mehr a) auf den offenen Biss von bestimmt jeweils 4 Zähnen rechts und links der Mitte und b) einen fehlenden Schneidezahn im Unterkiefer**).

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Bild 3

Spontan fällt dem Betrachter ein, dass wohl vergessen wurde, dem damaligen Kind eine Zahnspange zu verpassen. Irrtum. Es gehört zu den Mysterien dieses jungen Erwachsenen, warum die komplette kieferorthopädische Behandlung mit fester Bebänderung und anschließender Retentionsphase (Nachbehandlung zur Verhinderung des Rückfalls) schlichtweg versagt hat.

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Bild 4

Und wie immer in den den hier gezeigten „Biss der Woche“ Fällen: Von Kiefergelenkproblemen, Bewegungseinschränkungen oder gar Schmerzen findet sich KEINE (!) Spur. Und das obwohl sich zwischen den oberen und unteren Front- und Eckzähnen Luft in der Größenordnung von etwa 5 mm befindet. Dazu beißen sowohl die 4-er, als auch z.T. die 5-er (die Vorbackenzähne) so gut wie nicht aufeinander, und eine richtiger Biss läßt sich nur auf den Zähnen 15,16,26,27 vermuten.

 

Kommentar

Als Praktiker sehe ich etwa 2.000 bis 3.000 Patienten im Jahr, sehe den Verlauf ihrer Krankengeschichten über die Jahre und bilde mir ein, die übelsten Schmerzgeschichten im Zusammenhang mit den Zähnen und dem Kiefer meiner Patienten/innen zu kennen. Sobald es an die Befundung im Behandlungsstuhl geht, lautet meine erste Aufforderung „Beissen Sie bitte auf die Backenzähne“, was dazu dienen soll, dass der/die Betreffende seinen/ihren Schlußbiss einnimmt, damit ich diesen betrachten kann.

Und was sehen meine im 24-jährigen Kassendienst ergrauten Augen dann? Überwiegend keine Lehrbuchbisse. Ich verfüge leider über keinerlei eigene Statistik zu den real existierenden Bissen. Gefühlt können aber maximal 20 % meiner Patienten als eugnath verzahnt (= Unterkiefer zum Oberkiefer in der „richtigen“ Lage & Zähne OK und UK in korrekter Position) bezeichnet werden. Der große Rest hat mindestens einen Zahn falsch stehen, oder gleich den ganzen Kiefer. Über die Front- und Eckzahnführung brauchen wir uns gar keine Sorgen machen, die existiert hauptsächlich in der Fantasie bestimmter Lehrbuchautoren.

Die bisherige Fallsammlung „Biss der Woche“ von etwa 20 recht verschiedenen Fällen stellt nach meiner Erfahrung keineswegs die Ausnahme von der Regel, sondern nur deren Spitze dar. Und zwar von der Regel „Der Normalbiss nach Wagner „: schräge Bisse kommen im wirklichen Leben häufiger vor als gerade Bisse. Dass ich mir meine Regel keineswegs aus den Fingern sauge, geht unter anderem aus einschlägigen epidemiologischen (= Nachzählungen in der freien Wildbahn) Untersuchungen hervor, z.B. dieser hier (mit einer kumulierten Schrägbissrate von nicht weniger als 77% bei 11-14 jährigen Kindern).

Ich frage mich an solchen Stellen immer, wie sich die Herren und Damen Funktionskollegen angesichts solcher Beweise einbilden können, dass nur der eugnathe (der „schöne“) Biss der alleinseligmachende Biss sein kann. Glauben sie wirklich, dass mehr als die Hälfte der Menschheit grundsätzlich kein lebenswertes Leben ohne das Eingreifen von Funktionsmechanikern (oder Kieferorthopäden oder werauchimmer) führen kann? Wettet jemand dagegen, dass sie uns das nur erzählen?

*) Meine Prophylaxe Abteilung (mehrere ZFAs) verfügt über ausreichend Erfahrung und Motivation, den meisten Kindern/Jugendlichen die Sinnhaftigkeit der Beseitigung von Plaque (Belägen) zu vermitteln. Dieser Jugendliche wollte nicht.

**) Zum fehlenden Schneidezahn: Im zarten Alter von 9 Jahren erschien dieser Junge mit Mutter und seinem Zahn in der Hand in der Praxis. Ich hörte damals die Erklärung, er habe mit einem Schraubenzieher im Mund gespielt und Voila! da wäre der Zahn locker gewesen. In der Tat: der mittlere untere Schneidezahn 41 war einwandfrei aus der Alveole gehebelt, offensichtlich unverletzt und hätte theoretisch direkt wieder replantiert werden können. Da aber schon zu diesem Zeitpunkt ein genuiner (eigenständiger) Engstand zwischen den unteren Eckzähnen sicher feststellbar war, entschieden ich und die Mutter uns gegen die Replantation.

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