Selbsttest auf Pulpitis, Riss und Neuropathie

3 (60%) 2 votes
SANY0923

Bild 1

Links unten erkennen Sie das wichtigste Werkzeug für den Behandler: die Hakensonde. Für den Selbsttest ist sie entbehrlich. Dafür benötigen Sie a) ein Weichholz, b) ein Kunststoffteil und c) ein Stück Eis und eine PInzette. Die Reihenfolge gibt die Wichtigkeit der Utensilien an.

SANY0924

Bild 2

Die Bißwiderstände aus Holz und Kunststoff haben sich in der Praxis als die am schnellsten zielführenden Hilfsmittel zur Ermittlung von krankhaften Zähnen bzw. Zahnzuständen gezeigt. Kein Instrument kann sicherer und zuverlässiger den Unterschied zwischen gesund und krank aufzeigen.

SANY0924-1

Bild 3

Mit Hilfe der „Astgabel“ der zahnärztlichen Pinzette habe ich den Kunststoffstiel eines Einwegpinsels etwa 1 cm lang rechtwinklig abgebogen. Darauf lasse ich meine Patienten systematisch vom mittleren Schneidezahn an jeweils 5 mm nach hinten versetzt aufbeißen und zwar kräftig. Da, wo es auffällig weh tut, sollen sie Bescheid geben.

SANY0924-2

Bild 4

Auch auf das Weichholz soll nebeneinander versetzt gebissen werden, bis der Weisheitszahn erreicht wird. Die Kraft, mit der zugebissen werden wird, sollte wenigstens 10% der Maximalkraft der Kaumuskulatur erreichen, also 10% von 100 kg = 10 kg ausmachen. Nur dann drücken sich die Zahnhöcker auch so in das Weichholz, wie hier abgebildet.

Viele Angstpatienten beissen an dieser Stelle erfahrungsgemäß absichtlich nicht richtig zu, natürlich um Schäden zu vermeiden. Deshalb hier die Klarstellung: mit 10 kg Beisskraft können Sie einen gesunden Zahn auf keinen Fall beschädigen, denn bei Knirschern werden einzelne Zähne jede Nacht (!) mit ca. 100 kg belastet – und das ein Leben lang.

 

 

 

Wozu Beisstests?

Die Konsumenten zahnärztlicher Diagnoseleistungen – also die gemeine Patienten – glauben gerne an die Illusion, dass Zahnärzte tatsächlich mit ihren Apparaten zuverlässige Diagnosen hinsichtlich des Zustandes des Zahninneren stellen können. Der Zahnarzt klopft auf die Zähne, probt mit Kälte, röngt den Kieferabschnitt und schon kommt er mit einer hieb- und stichfesten Diagnose vom Zahnnerv. Falsch gedacht. Wir erhalten bei unklaren (Zahn)schmerzen nach den genannten Prozeduren ungefähr:

  • a) 10% Zähne mit hochwahrscheinlicher Pulpitis = Zahnnerventzündung, bewiesen durch: positiven Klopftest, sehr schneller starker Kälteantwort, im Röntgenbild  angedeutete Entzündung der Wurzelspitze.
  • b) 20% Zähne mit plausibler, aber nicht sicherer Pulpitis = Zahnnerventzündung, plausibel durch: positiven Klopftest, sehr schneller starker Kälteantwort, im Röntgenbild keine Auffälligkeit.
  • c) 30% Zähne mit denkbarer, aber unsicherer Pulpitis = Zahnnerventzündung, unklar durch: negativen (= nicht reagierender) Klopftest, sehr schneller starker Kälteantwort, im Röntgenbild keine Auffälligkeit.
  • d) 20% Zähne mit denkbarer, aber unsicherer Gangrän = Zahnnerv ist tot bzw. halbtot, plausibel durch: negativen (= nicht reagierender) Klopftest, Null Kälteantwort, im Röntgenbild keine Auffälligkeit.
  • e) 20% Zähne mit bewiesener Gangrän = Zahnnerv ist tot, bewiesen durch: positiven Klopftest, Null Kälteantwort, im Röntgenbild angedeutete bzw. deutliche Entzündung der Wurzelspitze.

 

In der Sammlung finden sich alle klinisch vorkommenden Schmerzzustände wieder. Sowohl die glasklaren Fälle a) und e), die auch ein Zahnmedizinstudent schon von weitem erkennt, als eben auch das ganze Spektrum dazwischen. Und gerade die Abteilung c) taucht im wirklichen Leben öfter auf, als es den Zahnmediziner lieb ist. Unter der Abteilung c) verbirgt sich ein bunter Haufen an endgültigen Diagnosen *), nämlich

  • 1.) Pulpitis durch Längsriss des Zahn bis in die Wurzel, mit Einwanderung von Bakterien über den Riss in die Pulpa
  • 2.) Pulpitis, ausgelöst durch eine frische Kunststoff Füllung, was indirekt einer Bakterieneinwanderung in die Dentinkanäle gleichkommt
  • 3.) einer sogenannten reversiblen (= rückgängig zu machenden) Pulpitis mit unbekannter Ursache, die sich von alleine wieder behebt. Die Existenz dieses Zustands wird von Theoretikern behauptet,  ist aber unklar.
  • 4.) einer „reinen“ Überempfindlichkeit eines Zahns auf Kälte, ohne jede erkennbare Ursache, die kommt und geht und sich nur bessern läßt mit Abdeckung der Zahnhalsregion mit GlasIonomer Zement
  • 5.) eine Zahnmigräne. Darunter ist ein reine Trigeminuserkrankung (Migräne ist die häufigste Trigeminuskrankheit überhaupt) zu verstehen, die sich, statt üblicherweise als tagelange Kopf-, Augen, und Ohrenschmerzen zu erscheinen, in einem oder mehreren Zähnen niederschlagen. Neuroanatomisch ist das hervorragend zu erklären. Am häufigsten betroffen sind obere 6-er. Details können Sie hier entnehmen.

 

An dieser Stelle hilft nun die Arbeit mit Beisswiderständen weiter. Mit Hilfe eines kleines Stückchen Kunststoffs oder Weichholzs zwischen den Ober- und Unterkieferzähnen und einer passenden Beisskraft läßt sich ganz gut unterscheiden, ob der betroffene Zahn wirklich 1.) einen Längsriss hat (dann schmerzt besonders das Loslassen mit Holz), 2.) die frische Kunststoff Füllung schuld ist (der dünne blaue Kunststoffstiel ermittelt das am genauesten), 3.) eine reversible Pulpitis vorliegt (dann gibt der Zahn einen leichten Beissschmerz von sich, im Gegensatz zu seinen Nachbarn), oder 4.) und 5.) vorliegt (dann passiert mit beiden Beisswiderständen gar nichts).

Es liegt auf der Hand, dass sich die Behandlung der Diagnosen 1.) bis 5.) erheblich unterscheiden. Bei 1.) ist die sofortige (Teil)überkronung notwendig, im mittelschweren Fall eine Wurzelbehandlung und im ungünstigsten Fall auch die Extraktion, bei 2.) die Entfernung der Kunststoff Füllung und Ersatz mit Glas Ionomer Zement oder Amalgam ohne Unterfüllung mit Calciumhydroxyd, bei 3.) einen Versuch mit Aspirin über eine Woche, bei 4. und 5. je nach Schmerzstärke auch qualifizierte Medikation über normale NSAIDs (freiverkäufliche Mittel) hinaus, z.B. mit Diclofenac, Gabapentin etc.

 

*)  Die häufigsten Fehldiagnosen im Zusammenhang mit Schmerzzuständen aus der Abteilung c) lauten: 1) Überbelastung durch Vorkontakt, darauf folgt das „Einschleifen“ des Zahns, 2) craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) mit anschließender Schiene und 3) Zahnfleischentzündung mit nachfolgender Taschenbehandlung. Alle 3 Diagnosen führen zu frustrierenden Mißerfolgen der „Behandlung“.

6 Replies to “Selbsttest auf Pulpitis, Riss und Neuropathie”

  1. RE: Selbsttest auf Pulpitis, Riss und Neuropathie
    Im Falle von 2.), wenn ich auf den Kunsstoffstiel beiße, welche Reaktion weist denn auf Pulpitis durch Kunsstoffüllung hin?

    Und grundsätzlich: Vielen Dank für ihre SEite, ich hätte sie gerne früher gefunden.

  2. RE: Selbsttest auf Pulpitis, Riss und Neuropathie
    … eine Frage zum Aufbissdruck: Habe den Test aus Unsicherheit (nach einer Zahnbehandlung) an einem Backenzahn mit brandneuer Füllung durchgeführt, allerdings mit dem Finger (Drücken mit dem Zeigefinger), da auf der Gegenseite eine Lücke ist. Kann man einen Zahn (nicht wurzelbehandelt) auf diese Weise beschädigen!? Die einwirkende Kraft dürfte ja so bei 10-15 Kg sein…!?
    Ansonsten vielen Dank für Ihre sehr hilfreiche Seite!
    Mit Grüßen aus Heidelberg
    C.W.

  3. RE: Selbsttest auf Pulpitis, Riss und Neuropathie
    Hallo Herr Liebscher,
    leider nicht, was daran liegt, dass ich als Betreiber lieber nur eine Fragebaustelle betreibe, nämlich die hier im Forum. Aus Zeitgründen. Viele Grüße Joachim Wagner

  4. RE: Selbsttest auf Pulpitis, Riss und Neuropathie
    [quote name=“j. Wagner“]Hallo Herr Liebscher,
    leider nicht, was daran liegt, dass ich als Betreiber lieber nur eine Fragebaustelle betreibe, nämlich die hier im Forum. Aus Zeitgründen. Viele Grüße Joachim Wagner[/quote]
    Versteh ich leider nicht. Muss man, um das verstehen zu können, studiert haben?

  5. Super Info
    Sehr gute Information und Anleitung, vielen Dank dafür. Mein ZA ließ mich mit meinem tief compositbefüllten, schmerzenden Zahn 6 Monate im Regen stehen.
    (Inklusive Fehlbehandlung 1.) und 2.), der Aussage ich wäre hypersensibel, es wäre „NICHTS! GARNICHTS!“, und „das gibt sich bald.“)

    Ihr Test ist bei mir positiv auf 2.) und 3.) und läßt mich hoffen, dass mir nächste Woche beim neuen ZA eine Wurzebehandlung erspart bleibt und ich ledglich gegen Amalgam getauscht bekomme.

    Nochmal vielen Dank für den guten Service!

Kommentar verfassen