Leichtforscher

Manfred Hülse und B. Losert-Bruggner heißen die Strategen, die das unten zitierte Papier „Temporomandibular joint dysfunction. A consequence of whiplash-injury“ (deutsch = Kiefergelenksstörung. Eine Folge von Schleudertrauma) 2008 veröffentlicht haben.

Die Zusammenfassung der Arbeit sieht übersetzt so aus:

Hintergrund: Bei etwa 10-20% der Patienten mit einfachem Schleudertrauma ohne starke Schäden am Bewegungsapparat chronifizieren die Beschwerden. Die Frage ist, ob es einige bisher nicht identifizierte krankmachende Faktoren gibt. Wissenschaftliche Fragestellung: Untersuchungen haben gezeigt, dass der Unterkiefer und die Kopf/Nacken Bewegung zusammenarbeitet und zentral kontrolliert wird und dass eine Kopf/hals Fehlfunktion zu einer temporomandibulären Dysfunktion *) durch Reflexe führen kann, als auch umgekehrt. Diese Studie untersuchte, ob ein Schleudertraum zu TMD *)führen kann. Methoden und Ergebnisse: 187 Patienten mit Schleudertrauma assoziierten [= zugeordneten] Störungen (SAS) wurden auf TMD *) untersucht. Einfache Tests mit und ohne Belastung des Unterkiefers wurden eingesetzt um eine Diagnose TMD *) zu stellen und diese Diagnose elektrophysiologisch bestätigt. TMD *) konnte bei allen Patienten mit SAS gefunden werden. Nach diesen Untersuchungen wurde eine CMD regelmäßig bei Patienten mit SAS gefunden und eine Besserung des Leidens kann häufig nicht erreicht werden ohne die Behandlung der CMD.

 

Dann wollen wir mal kritisieren

TMD*)

Es geht direkt mit dem verwendeten Begriff für die Krankheit los, die da untersucht werden soll. Kein Mensch im englischen Sprachraum versteht unter TMD das, was uns die beiden Autoren da unterschieben: Temporo Mandibular Dysfunktion. Denn TMD ist international besetzt als Temporo Mandibular Disorder. Ich zähle hier übrigens keine Erbsen, es geht ums Eingemachte. Die Dysfunktionäre messen Millimeter, machen Farbpunkte auf Zähne und drücken auf Muskeln herum, wohingegen Disorder Zahnärzte eine psychiatrische Einschätzung von Zahnpatienten mindestens als Idee kennen. Zwischen Dysfunktion und Disorder liegen also Welten.

Schleudertrauma assoziierte [= zugeordneten] Störung (SAS)

Auf englisch heißt die Krankheit „whiplash-associated disorder“ (WAD) und bezeichnet eine chronische Schmerzerkrankung, die die Betroffenen im Bereich des Kopfs, Nackens und Schulter spüren. Dem Namen nach könnte man meinen, dass die SAS nur nach Gewalteinwirkung auftritt. Dem ist nicht so: die SAS kommt als Schmerzsyndrom auch bei Menschen vor, die sich an keinen (Auffahr)Unfall, zu sportliche Betätigung etc. erinnern können. Frauen sind erheblich häufiger betroffen. In Kernspinaufnahmen der Halswirbelsäulen von SAS Patienten mit 10-jährigem Krankheitsverlauf lässt sich kein Unterschied zu solchen von gesunden Kontrollpersonen gleichen Alters erkennen. (Prospective ten-year follow-up study comparing patients with whiplash-associated disorders and asymptomatic subjects using magnetic resonance imaging.) Wenn die an SAS erkrankte Frau in ihrem Leben allgemein vieles schwarz sieht (= katastrophierendes Denken) und dazu sich selbst oft als hilflos erlebt, wird sie wahrscheinlich länger an SAS erkrankt bleiben und stärkere Schmerzen erleiden. (Cognitive determinants of pain and disability in patients with chronic whiplash-associated disorder: a cross-sectional observational study.).  Solche Papiere mit diesen und ähnlichen Aussagen aus jüngster Zeit sind bei Medline in Masse zu finden.

Bringen wir es auf den Punkt: SAS ist, genau wie chronische unspezifische Rückenschmerzen, TMD und Fibromyalgie, um nur einige zu nennen, eine bis heute in der Ursache ungeklärte Schmerzkankheit. Sie hat nichts mit verbogenen Halswirbeln zu tun. Punkt. Kranke mit SAS eignen sich gut als Studienobjekte für die Zusammenhänge zwischen psychiatrischen Parametern wie die Depression, Angst/Panik, psychische Flexibilität etc, aber garantiert nicht zum Knochenvermessen.

Die Diagnosestellung TMD

Zitat: „Einfache Tests mit und ohne Belastung des Unterkiefers wurden eingesetzt um eine Diagnose TMD *) zu stellen und diese Diagnose elektrophysiologisch bestätigt.“ Ich ahne, was Hülse/Losert-Bruggert in den Mündern der SAS-Kranken veranstaltet haben, nämlich irgendeinen zweifelhaften Beißtest. Was mit der elektrophysiologischen Diagnose gemeint sein könnte, weiß ich nicht. Einschließlich jeder elektrischen Gelenkbahn Aufzeichnungs Computerei (DRDOS, DIR, CADIAX …) gibt es kein Gerät, dass eine TMD Diagnose auch nur andeutungsweise bestätigen kann. Punkt.

Alle

Und jetzt wird es peinlich, wissenschaftlich hochpeinlich. Zitat: „TMD *) konnte bei allen Patienten mit SAS gefunden werden. Nach diesen Untersuchungen wurde eine CMD regelmäßig bei Patienten mit SAS gefunden …“ Kinder, das geht nicht, was da steht. „Bei allen Patienten“ heißt mathematisch exakt, dass eine 100%ige Deckung der Patientmengen TMD und SAS geben soll. Von 187 SAS Patienten soll also nicht ein einziger dabei gewesen sein, der beispielsweise unter rheumathoider Arthritis leidet. Rein statistisch sind nämlich 2 zu erwarten und die leiden ganz sicher, aber nicht an TMD. Oder ein anderes Beispiel: ein akuter starker depressiver Schub. Bei 187 betrifft das statistisch mindestens 10 Personen. Der akut Depressive interessiert sich für nichts und schon gerade nicht für Bisskontakte. Wie gesagt, das sind nur 2 Beispiele aus dem wirklichen Leben, warum 98% gefundene Übereinstimmung wesentlich intelligenter klingt als 100%. Aber das Schriftstellerduo will eine 100% Ausbeute gefunden haben. Wir gratulieren zum gelungenen Schuß ins Knie.

 

Umgekehrt wird ein Schuh draus

Ohne dass Losert-Bruggert eine Ahnung von SAS (engl. = WAD) hat, hat sie – und das sage ich als längerer Beobachter der Zusammenhänge von WAD, Fibromyalgie, ME/CFS, TMD, Interstitieller Cystitis, Irritatible Bowel Syndrome etc. – trotzdem recht, einen Zusammenhang zwischen WAD (Whiplash associated Disorder) und TMD (Temporo Mandibular Disorder) herzustellen. Leider mit den falschen Untersuchungen und den falschen Begründungen. Es handelt sich beides um Störungen (engl. = Disorder) der Schmerzperzeption (= Schmerzempfindung), die zentral (= im Hirn) verursacht werden  und bis heute weder von der Ursache her, noch der Behandlung her erforscht sind. Mit Knochen, Unterkiefer und Kontaktpunkten ist da wenig zu reißen.

 

Und jetzt mal Klartext

Diese Sorte „Forschung“ ist veraltet. Ich frage mich, welcher Verlag so wenig wissenschaftlichen Selbstrespekt hat, derart offensichtliche Dünnbrettbohrerei durchgehen zu lassen. Hier hat eine Zahnärztin ihre Fleißarbeit abgeliefert, die aber im Grunde darin besteht, ihre Voreingenommenheit „SAS Kranke haben alle auch CMD“ mit wissenschaftlichem Beiwerk zu tarnen. Bewiesen hat sie in ihrer Arbeit eher nicht viel. Dafür fehlt es a) an gesunden Kontrollpersonen als Vergleichsgruppe, b) an der Neutralität der Untersucherin gegenüber dem Ergebnis (die hier 100% nicht gegeben war), c) einer korrekt angewendeten Diagnostik nach RDC/TMD und schließlich d) an Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Ergebnisses.

 


 

HNO. 2008 Nov;56(11):1114-21.

[Temporomandibular joint dysfunction. A consequence of whiplash-injury].

[Article in German]

Hülse M, Losert-Bruggner B.

Abteilung Phoniatrie, Pädaudiologie, Neurootologie, Univ.-HNO-Klinik Mannheim, 68135 Mannheim, Deutschland. manfred.huelse@hno.ma.uni-heidelberg.de

Abstract

BACKGROUND: In 10-20% of patients with a simple whiplash-injury without severe structural lesions, a chronification of the complaints occurs. The question is whether some unidentified pathogenic factors exist. SCIENTIFIC QUESTION: Investigations have demonstrated that mandibular and head-neck movements are coordinated and centrally controlled and that a craniocervical dysfunction (CCD) can lead to a temporomandibular dysfunction (TMD) by reflex action and vice versa. This study investigated whether a whiplash-injury can lead to a TMD. METHODS AND RESULTS: IA total of 187 patients with whiplash-associated disorders (WAD) were examined for TMD. Simple tests with and without loading of the mandible were used to initially diagnose TMD and the diagnosis was confirmed electrophysiologically. TMD could be verified in all patients with WAD. According to these investigations a CMD was regularly found in patients with WAD and relief from suffering can often not be achieved without treatment of the CMD.

PMID: 18836693 [PubMed – indexed for MEDLINE]


 

HNO. 2004 Mar;52(3):227-34.

[The efficiency of spinal manipulation in otorhinolaryngology. A retrospective long-term study].

[Article in German]

Hülse M, Hölzl M.

Abt. Phoniatrie, Pädaudiologie und Neurootologie, Univ.-HNO-Klinik Mannheim. manfred.huelse@hno.ma.uni-heidelberg.de

Abstract

BACKGROUND: The vertebral genesis of many functional disorders in otorhinolaryngology, such as dizziness, hearing-impairment, ear-pressure, ear-pain, foreign body sensation in the throat and dysphonia, is suggested by the success of spinal manipulative therapy, particularly of the atlanto-occipital joint. Up to now, there are no retrospective investigations which show the duration of the therapeutic effect.

METHODS: We examined 220 patients with cervical otorhinolaryngological disorders (100 patients with dizziness, 49 with hearing impairment, 47 with tinnitus and 24 with dysphonia) after cervical manipulation lasting more than 6 months.

RESULTS AND CONCLUSIONS: The extraordinary satisfaction with the manipulative therapy in 82% of patients with dizziness (46% total relief, 36% high improvement) reflects the high efficiency of this manual therapy. In contrast to these results, only 10% of patients with tinnitus showed an improvement (P<0.001). This retrospective investigation demonstrates that a successful outcome after manual therapy is not based on a "placebo effect".

PMID: 15007516 [PubMed – indexed for MEDLINE]

 

 

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