Zahnarztdiagnose: Psychiatrisch oder Neurologisch?

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Mein Exponierung (=Herausstellung) im Internet als Zahnarzt für chronische Schmerzen im Gesicht bringt es mit sich, dass neben den 70 % bis 90 % echten (zahnmedizinischen und/oder neurologischen) Schmerzfällen auch einige weniger echte Schmerzfälle unterkommen. Im Artikel „Schmerzen vom Zahn / Nicht vom Zahn“ können alle Leser nachschauen, wie zahnmedizinische Diagnosen von neurologischen zu unterscheiden sind. Heute soll es um die Kategorie Schmerzen gehen, die weniger greifbar sind, die sich der körperlichen Diagnose letztlich entziehen.

Symptom Neuropathisch / Neurologisch Psychiatrisch im Sinne von = im Zentral Nerven System entstehend / Somatoform / CMD
Schmerzstärkeangabe als Wert auf der Skala 0 bis 10 kann Patient relativ schnell in Zahlenwerten angeben, Patient antwortet immer mit Umschreibungen, gibt zu verstehen, dass der Schmerz weniger im Vordergrund steht
Schmerzstärke Höchstwerte Bis 10 von 10, also bis zum Ohnmächtigwerden durch den Schmerz. Glaubhafte Werte, weil die Betroffenen ALLE Hilfen bis zu Opiaten annehmen. unklar, offenbar erheblich unterhalb der 10, weil die Patienten selten oder nie die angebotenen Medikamente annehmen.
Schmerzort kann Patient ganz exakt zeigen und bleibt genau da, oft über Jahre ist extrem variabel, ändert sich im Laufe weniger Stunden von Hand auf Rücken, von Kiefer auf Kopf usw.
Worte für die Schmerzqualität „brennend“, „juckend“, „bohrend“, „stechend“, „elektrisch“ „blockierte Halswirbelsäule“, „Kieferklemme“, „Schluckbeschwerden“, „Klosgefühl“
Typische Symptome Dauerschmerz am Zahn oder Zahnfleisch mit Rampenverlauf, morgens bei Null beginnend mit der Höchststärke abends „Toter Kopf“ = Benommenheit, Schwindel, Kopfschmerzen, Tinnitus, Muskelverspannungen im Hals/Schulter Bereich, Wandernde Schmerzen, Konznetrationsschwäche, Taubheitsgefühl im Gesicht, Arm, Hände, Finger
Empfundene Bedrohung Keine akute, aber Zukunftsangst vor den Dauerschmerzen Akute starke Angst, bis zur Lebensbedrohung
Häufige Begleiterkrankung Depressive Episoden Viele Diagnosen aus der so genannten „Ganzheitlichen Medizin“ wie „Multiple Chemie Sensitivität“, „HWS-Syndrom“, „Borreliose“, „Candidasis“, „Amalgamvergiftung“  etc. etc.
Häufige Mitbehandler Kieferchirurg, HNO-Arzt, Neurologe, Schmerztherapeut Orthopäde, Heilpraktiker, Kinesiologe, Bioresonanzler, Osteopath, CMD-Spezialist, Schamane etc.
Arzt-Patient Beziehung Neutral, beratend , begleitend Hoch anstrengend, belastend, wird oft von der Patientenseite dramatisch inszeniert „Sie sind meine letzte Rettung“
Patienten Erwartung Diagnosestellung und etwas Hilfe Nichts weniger als „die Heilung“ von allem.
Typischer Fall Frau, 20 Jahre, Zahn 16 ohne Füllung und ohne Karie schmerzt hartnäckig. Der dritte aufgesuchte Zahnarzt verliert die Nerven und bohrt. Es endet mit einer gescheiterten WSR und Dauerschmerzen Frau, 50 Jahre, erhält neue Brücke rechts unten. Der Biss passt nicht, sagt sie. Der Zahnarzt ist ängstlich und wagt es nicht, das Teil fest zu zementieren. Es folgen 3 Kollegen, Dauerprovisorien, jede Menge Schienen, 2 „CMD-Experten“,  diverse Gutachter, Gerichtsverfahren und am Ende „erwerbsunfähig“ durch Zahnersatz.
Typische FEHL-Diagnosen Karies, akute Parodontitis, Ostitis, Osteomyelitis Vorkontakte, Fehlbiss, Otalgie, HWS-Syndrom, CMD
Typische FEHL-Behandlung Füllungswechsel, Wurzelbehandlung, WSR, Zahn Extraktion, Extraktionswunde wieder aufschneiden Instrumentelle Funktionsdiagnostik, jahrelange Schienenbehandlung, Tragen von Langzeitprovisorien, Umfangreiche Überkronungen zwecks Bissänderung
Korrekte Diagnose Krankhaft erhöhte Empfindlichkeit des Drillingsnervs (= Trigeminus) durch unbekannte Ursache, die dazu führt, dass normale Tast- und Temperatursignale als (starke) Schmerzen empfunden werden. Veränderung der Wahrnehmung dahingehend, dass relativ kleine Bisskontakt  Verschiebungen, in der Regel vom Zahnarzt ausgelöst, als gewaltiges, lebenswichtiges Ereignis empfunden wird. 99% der Bevölkerung stört derlei nicht, die Betroffenen bewerten solche geringen Abweichungen aber als so störend, dass sie sie (zunächst) nicht aushalten.
Derzeit vorzuschlagende Behandlung Bei Schmerzstärken unter VAS 5 auf der Skala 0 bis 10 ist die beobachtend / nicht eingreifende Behandlung vorzuziehen. Ab VAS 5 und mehr sollten den Betroffenen Medikamente in der Reihenfolge 1. Amitriptylin, 2. Pregabalin, 3. Carbamazepin, 4. Duloxetin und in Kombination angeboten werden.

Es gibt Hinweise, dass 3 Behandlungsarten geeignet sind, die veränderte Wahrnehmung zu verbessern:

1. Kognitive Verhaltenstherapie

2. Psychotherapie

3. Milnacipran

One Reply to “Zahnarztdiagnose: Psychiatrisch oder Neurologisch?”

  1. RE: Zahnarztdiagnose: Psychiatrisch oder Neurologisch?
    „Krankhaft erhöhte Empfindlichkeit des Drillingsnervs (= Trigeminus) durch unbekannte Ursache, die dazu führt, dass normale Tast- und Temperatursignale als (starke) Schmerzen empfunden werden.“……………………….

    Nein, Herr Wagner…….nicht „unbekannte Ursachen“, denn diese Ursachen sind meist bei den Zähnen zu suchen. Jede Krankheit hat eine Ursache, denn aus dem „Nichts“ kommen Krankheiten nun wirklich nicht.

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